100 Jahre Mutter sein: Ada Dorians „Schlick“

Dorian_Schlick

Von den Buddenbrooks bis zu Haratischwilis Epos „Das achte Leben“ – die Familiensaga hat Tradition und erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Kaum ein anderes Genre ermöglicht es dem Leser, so tief in die literarische Fiktion einzutauchen, wie es der Familienepos vermag. Das liegt vor allem an der erzählerischen Dichte, den motivischen Details und der Ausführlichkeit, die auch und vor allem über die Länge der erzählten Zeit ein scheinbar vollständiges, ‚wirkliches‘ Bild zeichnet. Auch Ada Dorian erzählt in ihrem neuen Roman „Schlick“ von einer Familie, von zwei Müttern und einem Jahrhundert, mit einem Unterschied jedoch: In ihrer Familiengeschichte dominieren die Zäsuren und das Ungesagte.

Gleich zwei Protagonistinnen hat sich Dorian in „Schlick“ erschaffen: Da ist Svea, eine junge Mutter mit ihrem Sohn Linus. Von einer eher flüchtigen Mensabekanntschaft wurde die Studentin schwanger und beschließt, das Kind zu behalten, als Christian, der Vater von Linus, sie darum bittet. Gemeinsam ziehen sie in Christians heruntergekommenes Elternhaus, und dort bleibt sie über die ganze Romanhandlung mit ihrem Sohn allein – denn Christian ist „am anderen Ende der Welt“ auf Geschäftsreise. Vom wilden Studentenleben in der Stadt ins Familienleben im Einfamilienhaus auf dem Land: Sveas Leben hat sich radikal verändert.

Und dann ist da noch die zweite Protagonistin, Helena. Auch sie ist Mutter, auch sie ist allein mit ihrer Tochter Sophie, denn Vater Wilhelm ist im November 1914 in Ostende – die topographische Literaturgeschichte lässt grüßen! – gefallen. Um ihre Tochter und sich durchbringen und das neu gebaute Haus finanzieren zu können, muss sie jeden Tag ums Überleben kämpfen und in der benachbarten Fabrik arbeiten gehen. Es ist, so wird schnell klar, das gleiche Haus, in dem beide Frauen durch ein Jahrhundert getrennt, leben. Helena ist Christians Urgroßmutter.

Der Roman verhandelt die Erwartungen, die an Frauen in ihrer Rolle als Mutter gestellt werden – vor 100 Jahren und heutzutage. Beide Protagonistinnen entsprechen im Falle Dorians nicht den Ansprüchen, welche die Gesellschaft an sie stellt:

Drei Wochen lang hatte man im Frauenverein versucht, ihr das Stricken beizubringen, doch die Wolle wollte nicht durch ihre Hände. […] Helene musste den Strickkreis verlassen. Hinter der nun geschlossenen Türe schüttelte man den Kopf, vermutete sie. Eine Ehefrau und Mutter, die nicht Stricken gelernt hatte.

Dass „man(n)“ hinter verschlossenen Türen den Kopf schüttelt, verweist hier wunderbar subtil auf das patriarchale Weltbild, das von einem männlichen Blick geprägt ist und sich Anfang des 20. Jahrhunderts, vor allem im Zuge der Abwesenheit der vormals männlichen Ernährer durch den ersten Weltkrieg, im Wandel befindet.

Auch Svea entspricht 100 Jahre nach Helene nicht dem Rollenbild, das die Gesellschaft an sie stellt, und zwar schon sehr früh. Am Vater-Mutter-Kind-Spiel in den Grundschulpausen hat sie kein Interesse. Kein Wunder, dass sie den Kontakt zu ihrer jüngeren Schwester Annika, die nach einem eher konservativen Weltbild mit Mann und Kindern lebt, meidet.

Obwohl sie ihre Protagonistinnen charakterlich immer wieder parallel führt, lässt sich auf der Handlungsebene eine eher gegensätzliche Bewegung beobachten: Während sich Helene nach dem Tod ihres Mannes Wilhelm von der Hausfrau und Mutter notgedrungen emanzipieren muss, um zu überleben, wird Svea nach ihrem selbstbestimmten Studentenleben zwischen Büchern, Parties und Affären durch ihre ungeplante Schwangerschaft zur Hausfrau und Mutter.

„Schlick“: Das sind die Ablagerungen im Abfluss, den Svea im neuen alten Haus zu reinigen versucht. Sie begibt sich gleichsam auf die Suche nach den menschlichen Hinterlassenschaften, nach Spuren der Vergessenen. Dabei stößt sie durch Briefe, vor allem aber durch Fotos, auf Widersprüche in der Geschichte. Eines dieser Bilder zeigt Helene mit Sophie, ein anderer, gerahmter Abzug zeigt das exakt gleiche Bild – nur ist hier noch ein Mann anwesend. Um mehr über die Menschen zu erfahren, die die Bilder zeigen, befragt sie Nachbarn und vergleicht die Fotografien von Damals mit jenen aus Christians Kindheit:

Doch zwischen der alten Dame und dem kleinen Mädchen auf dem Familienportrait war keine Ähnlichkeit mehr auszumachen. Die Zeit hat alle Zeichen verwischt. Svea konnte nur ahnen, dass sie es war.

Obwohl sich das „sie“ hier auf Helene bezieht, kann man es umstandslos auch Svea selbst übertragen; Svea konnte nur ahnen, dass sie selbst es war, die in diesem Bild abgebildet ist – Tochter und Mutter, Großmutter in einer fernen Zukunft vielleicht, zugleich. Denn natürlich verhandelt „Schlick“ nicht nur die Rolle der Mutter, sondern auch die Spielarten von Familie an sich.
Am Motiv der Fotografie entfacht sich gleichermaßen eine traditionsreiche poetologische Theorie. Dorian verhandelt hier die Bedingungen der Konstruktion von Erinnerung wie zuletzt Katja Petrowskaja in „Vielleicht Esther“, aber auch Fragen der Manipulierbarkeit von Medien.

Trotzdem kann Ada Dorian mit „Schlick“ nicht ausnahmslos überzeugen, dafür bleibt der Roman erzählerisch zu blass, findet keinen eigenen Ton, der Stil hinkt den großen Ideen und dem theoretischen Unterbau, der vermutet werden kann, hinterher. Die ‚histoire’ bestimmt „Schlick“, es geht um das Was und nicht um das Wie. Dorians Sprache ist einfach und wenig poetisch, wirkt oft ermüdend und entwickelt keinen Drive. Auch sonst gibt es keine erzählerischen Experimente – man wechselt kapitelweise zwischen den Protagonistinnen und ihren Lebenswelten hin und her, Tempuswechsel auf formaler Ebene gibt es ebenso wenig. Man wünscht sich hier bedeutend mehr Mut, mehr Freude am Spiel mit der Sprache. Sollte Dorian in ihrem nächsten Roman jedoch zu ihrem eigenen Erzählton finden, kann man sich schon jetzt auf die Lektüre freuen.


Wir danken Ullstein für das Rezensionsexemplar.

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