2017: Zehn Bücher, die bleiben

Neben den vielen literarischen Enttäuschungen und Ärgernissen des Jahres gab es natürlich auch wieder einige Lichtblicke, Bücher, die einem eine andere Weltsicht eröffnet, schockiert, angeregt, verunsichert haben. Ob sie die Zeit überdauern werden und irgendwann in den Kanon der Literatur eingehen werden? Man möchte es ihnen wünschen. Hier also die ebenso objektive wie ultimative Liste der zehn besten Bücher des Jahres 2017.

Fatma Aydemir: Ellbogen
In ihrem Debütroman gelingt es Fatma Aydemir, eine Poetologie von Eskalation, Gewalt und Revolution auf einer Mikro- und Makroebene auszubuchstabieren und findet dabei ganz nebenbei zu einem individuellen literarischen Sound. Ob dieser Text nun authentisch die Lebenswelt von pubertierenden Mädchen mit Migrationshintergrund spiegelt oder überzeichnet, ist an dieser Stelle irrelevant. Bitte mehr davon!

Helmut Böttiger: Wir sagen uns Dunkles. Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan
Böttiger liefert einen genauen, gut argumentierten und verständlichen Überblick über die literaturwissenschaftliche Forschung zu den Zusammenhängen von Werk und Leben eines der schillerndsten Liebespaare der Literaturgeschichte. Ein Muss für alle “Herzzeit”-Liebhaber und alle anderen, die sich für die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts interessieren.

Deborah Feldman: Überbitten
Nach ihrem ersten Buch “Unorthodox” konnte Deborah Feldman in diesem Jahr auch mit ihrem zweiten Memoir “Überbitten” überzeugen. Ihr Leben nach dem Austritt aus der ultraorthodoxen Gemeinde, die Suche nach ihren familiären Wurzeln und der eigenen Identität auf Reisen zwischen den USA und Europa schildert sie poetisch, selbstkritisch und differenziert.

Yaa Gyasi: Heimkehren
Auf 400 Seiten etwa 250 Jahre afroamerikanischer Geschichte zu erzählen ist noch niemandem so literarisch ansprechend gelungen wie Yaa Gyasi: Ihr Debütroman “Heimkehren” ist episch, politisch und poetisch. Dieses Buch gehört – im englischen Original oder der tollen deutschen Übersetzung von Anette Grube – in jedes Bücherregal.

Thomas Hettche: Unsere leeren Herzen
In einer Gegenwart, in der die Kunst mit einem Marktplatz für die eigene Person verwechselt wird, gibt es immer mal wieder hellstrahlende Lichtblicke. Thomas Hettches „Unsere leeren Herzen“ ist einer davon. Hettche macht kundig und rhetorisch überzeugend deutlich, warum wir weiter an das Wunder Literatur glauben sollten und wieso es seine Wirkung nur dann entfaltet, wenn wir von uns absehen können.

Andreas Moster: wir leben hier, seit wir geboren sind
Sicherlich die große Überraschung des Jahres. Mit wenig bis gar keinen Vorschusslorbeeren segelte Andreas Mosters Debüttext auf den deutschen Buchmarkt und wer alle Schwellenängste vor dem Unbekannten überwand, wurde mit einem der sprachlich gelungensten Texte der letzten Jahre beschenkt. Sollte Moster diese Qualität bewahren können, steht einer langen Karriere im deutschsprachigen Literaturbetrieb nichts im Wege.

Jakob Nolte: Schreckliche Gewalten
Das englische Adjektiv „cocky“ beschreibt Jakob Noltes Stil vielleicht am besten. Wer die leisen, behutsamen Klänge schätzt, dem wird „Schreckliche Gewalten“ viel zu laut sein. Alle anderen können einen jungen Schriftsteller bei der Arbeit beobachten, der über die aufregende Sprache und die intellektuelle Kapazität verfügt, um ein denkbar merkwürdiges Projekt zu wuppen: Eine Reise durch die finsterdeutsche Romantik, die durch Skandinavien und die eurasische Peripherie führt.

Markus Orths: Max
Dieser mit Abstand literarischste Wikipedia-Artikel des Jahres ist ein Crashkurs der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts: Mit viel Witz, überaus launig und kurzweilig erzählt Markus Orths in bester “Faction”-Manier vom Leben des Max Ernst.

George Saunders: Lincoln in the Bardo
George Saunders Debütroman, der so eindeutig gar kein Roman ist, wurde schon viel gerühmt und schließlich auch mit dem Man Booker Prize gewürdigt. Zu Recht! Saunders ist ein virtuoser Text gelungen, der die Frage umkreist, wie sich in modernen Gesellschaften Öffentlichkeit ausbildet und wie gesellschaftliche Kakophonie zusammenfindet. Sicherlich einer der ungewöhnlichsten Romane über den Amerikanischen Bürgerkrieg der letzten Jahre, dafür aber auch einer der Besten.

Christine Wunnicke: Katie
Jedes Jahr, in dem Christine Wunnicke einen Roman veröffentlicht, ist ein gutes Jahr. Ihre Bücher sind immer klein vom Umfang, sie veröffentlicht in einem kleinen Verlag, doch ihre Texte sind alles, nur nicht klein. War es im „Der Fuchs und Dr. Shimamura“ noch die Psychoanalyse, nimmt sie sich in „Katie“ die Naturwissenschaft vor. Immer geht es Wunnicke darum, das Rationale im Irrationalen und umgekehrt zu erkennen. Und das Feuilleton fängt langsam an zu erkennen, dass Christine Wunnicke eine der talentiertesten Schriftstellerinnen im deutschsprachigen Raum ist.

2 Kommentare

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