„89/90″ – Das Leben in der Nische

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Kaum eine Diskussion innerhalb der deutschen Literatur ist so verbissen geführt worden wie jene um die literarische Verarbeitung der Wende. Es mag eine verworrene Ansicht sein, die davon ausgeht, jedes große Ereignis müsste seine literarische Entsprechung finden, doch der Deutsche wollte nach 1990 gefälligst seinen „Wenderoman“ aufgetischt bekommen. Als einer der Ersten wurde Günter Grass am Nasenring in die Manege gezerrt und schließlich für sein „Weites Feld“ ordentlich verprügelt. Danach haben sich dutzende Schriftsteller, bewusst oder unbewusst, West oder Ost, daran versucht – so richtig zufrieden war die deutsche Öffentlichkeit nie. 25 Jahre später, so würde man denken, ist die Sache gegessen. Doch dann kommt auf einmal Peter Richter mit seinem Roman „89/90“ um die Ecke und belehrt eines Besseren: Über die Wende kann höchst relevant und vor allem sehr unterhaltsam erzählt werden.

Der Diskurs über die Wende und die deutsche Einheit streicht die Schlüsselmomente heraus: Flüchtlinge in der Prager Botschaft, der unbeholfene Auftritt von Günther Schabowski und die blühenden Landschaften des Helmut Kohls. Welcher Phase jedoch kaum Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist die des Übergangs – obwohl sie möglicherweise die ungewöhnlichste der jüngeren deutschen Geschichte darstellt. Die Bürger der DDR wohnten zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung in einem Staat, der zwar offiziell existierte, aber faktisch an seiner eigenen Abschaffung arbeitete. Das schaffte ein Machtvakuum, das schillernde, zweifelhafte und kreative Blüten trieb. Genau davon erzählt Peter Richters „89/90“ – ein Roman, der die Orte neben den großen Jubelveranstaltungen erkundet.

Man kann insgesamt wirklich nicht sagen, dass wir keinen Spaß gehabt hätten im letzten Sommer des Sozialismus […].

Peter Richters Text setzt einen jugendlichen Ich-Erzähler ins Zentrum der Narration, der sich dem Leser nie richtig vorstellen wird. Auch seine Freunde werden in bester Thomas Mann-Tagebuch-Tradition mit „W.“ und „S.“ abgekürzt genannt. Was man weiß: Sie leben in Dresden und ihre Welt besteht aus Punk, evangelischen Gemeindehäusern, dem Dynamo-Stadion und dem letzten Nachtzug der Deutschen Reichsbahn. Sie feiern, hören Musik und befinden sich auf kontinuierlicher Flucht vor Skinheads.
Die Unpersönlichkeit dieser Figurenwelt ist nicht etwa ein Konstruktionsfehler, sondern unterstreicht nur das, worum es dem Roman eigentlich geht: Die handelnden Personen in den Hintergrund rücken zu lassen und das Wendejahr als ein Konvolut von Spezialwissen über Subkulturen der DDR zu erzählen. Das dominierende Element dabei stellt ganz klar die facettenreiche Welt der deutschdemokratischen Punk-Szene und deren Musik, die im Schatten der westlichen Vorbilder gedieh und nach der Wiedervereinigung in Vergessenheit geriet. Wie reichhaltig diese Welt ist, beweist die Playlist, die Peter Richter auf seinem Blog gepostet hat. Daneben stellt der Text die vielen Institutionen und deren ganz eigenen Kosmos von Spitznamen, Abkürzungen und Kürzeln aus. Wozu das Ganze? Peter Richter, so scheint es, versteht sich als Erzähler und als Archivar. „89/90“ als Archiv versammelt in sich all das Wissen, dass nach der Wende unbrauchbar geworden ist, mit dem sich jedoch immer noch Geschichten und Erinnerungen verbinden.

Das literarische Mittel, das der Roman dafür findet, ist das der Fußnoten. Sie sind die Sphäre des Textes, die das Erzählte in einen historischen Kontext setzen und in denen der Erzähler sich und dem Leser das Leben in der DDR erklärt. Mit großer Virtuosität spielt der Autor mit den Charakteristika der Fußnote. Teilweise sind sie nüchterne Verweise, an anderen Stellen sind sie sehr persönliche Reflexionen des Erzählers selbst. Es entsteht ein Text neben dem Text, der ganz bewusst die Grenzen zwischen Roman und Sachbuch verwischt. [Mehr zur Fußnote als literarisches Mittel in der Prosa gibt es im lesenswerten Beitrag von Martin Kulik auf postmondän]

Im Westen hätten wir uns jederzeit Schuhe von Dr. Martens und Platten von The Crass kaufen können. Aber was hätte das dann noch bedeutet? Im Westen mussten Jungs in unserem Alter gegen ihre Eltern rebellieren. Wie öde. Die armen Eltern. Wir konnten uns den Luxus erlauben, sie so zu achten und zu ehren wie uns das im zweiten Gebot der Jungpioniere und dem vierten aus Martin Luthers kleinem Katechismus vorgeschrieben worden war, und sie zu diesem Zweck so wenig wie möglich mit Wissen über unsere Umtriebe zu belasten. Ohne irgendeine Frage zogen über unsere Umtriebe zu belasten. Ohne irgendeine Frage zogen wir unsere Springerstiefel aus, bevor wir bei dem jeweils anderen, höflich in Küche und Stube grüßend, über die Teppiche im Flur zum Kinderzimmer schlichen.

Nur sehr sporadisch werden die Schlüsselmomente der Wendezeit in die Narration eingespielt. Doch sie machen deutlich, dass das, was von der Wende im Gedächtnis in Erinnerung geblieben ist, die großen Massenveranstaltungen waren, denen der Ich-Erzähler mit Ablehnung entgegensteht. So wie der Text das Partikulare der einzelnen Szenen der DDR in den Fokus rückt, so unsympathisch sind ihm die vielen Jubelveranstaltungen, die sich schnell von dem Ruf nach Freiheit zu einem Schrei nach der D-Mark gewandelt haben. Plötzlich transformiert die Atmosphäre der DDR von Konfusion zum nationalen Taumel. In diesem Deutschlandfahnen-schwenkenden Biotop treten an Stelle der sicherheitspolitische Gewalt der SED-Apparate die Schlagstöcke der Neo-Nazis. Die anarchische Zeit des Übergangs bekommt mit fortlaufendem Romangeschehen immer mehr Risse.

Kohl tat mir fast leid, wie er da oben stand, bedrängt von dieser fahnenschwenkenden Meute, die, einem Bettler gleich, den Mann mit dem Geld anbarmte.

Auf diese Weise imprägniert Peter Richter sich gegen jeden Anschein, mit nostalgischen Auge auf den zweiten deutschen Staat zu schauen. Die DDR seiner Fasson war schon immer ein Ort der Gewalt, doch die Gewalt verlagert sich in dem Moment auf die Straße, in dem die staatliche Macht zusammenfällt und die aufsteigende nationale Begeisterung den Nazis freie Bahn lässt.
Der Roman findet zwar keine Antwort auf die tagesaktuelle Frage nach einem scheinbar vorhandenen spezifisch sächsischen Rechtsradikalismus, doch erzählt er viel darüber, wie die Mechanismen der Wende ihn zumindest begünstigt haben.

Mit „89/90“ ist Peter Richter ein faszinierender Text gelungen. Er ist eine Erzählung über die Wende, ein Archiv verlorengegangener Kulturgüter und eine sehr ehrliche, manchmal fast beleidige Anklage. Fassungslos beobachtet der Ich-Erzähler wie seine Mitbürger sich erst dem SED-Regime entledigt haben, nur um sich dann Helmut Kohl und der BRD in die Arme zu werfen. Die Welt des Subkulturellen, die sich dort Freiräume geschaffen hat, wo nicht einmal der allwissende Staat Einblick hatte, wurde in diesem Rausch schlicht weggefegt.
Peter Richter gibt damit einen Ausblick darauf, wie die Geschichte auch hätte verlaufen können: Als ein spannendes Projekt, das plötzlich vorliegende Gestaltungsmöglichkeiten hätte beherzter nutzen können. Allerdings ist der Roman nüchtern genug, um über die Endlichkeit des Rauschhaften zu wissen.


Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass diese Besprechung auf einem Rezensionsexemplar basiert, das uns von Luchterhand freundlicherweise kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde. Dies hat selbstverständlich keinen Einfluss auf die Rezension des Romans.