A.O. Scotts „Kritik üben“: Gegen die Urteilsverzagtheit

Kritik üben

Der amerikanische Filmkritiker A.O. Scott hat eine Idee davon bekommen, wie viel Relevanz die Kritik in der Gegenwart noch hat. Nachdem er Marvels „The Avengers“ zum Anlass eines Frontalangriffs gegen die Franchise-Politik der großen US-Studios nahm, die die filmische Ästhetik zwingt, sich immer weiter ins Brachiale aufzublasen, hatte Samuel L. Jackson, Darsteller des Films, genug. Er blies auf Twitter zum Gegenangriff und hetzte zumindest digital eine Horde empfindlicher Marvel-Anhänger auf den Kritiker los. Am Ende ist niemand zu Schaden gekommen, wahrscheinlich hat die erzeugte Aufmerksamkeit sogar beiden Seiten genutzt. Dennoch zeigt die Anekdote: So oft die Kritik auch totgesagt wird, am Ende finden sich dennoch immer wieder Menschen, die sich über sie erregen und sie dadurch am Leben halten. Mit „Kritik üben“ ist A.O. Scotts neustes Buch nun in Deutschland erschienen und hat erfreulicherweise den lebensberaterischen Anklang des Originals („Better living through criticism“) hinter sich gelassen. „Kritik üben“ ist idealistisch und gleichzeitig selbstkritisch und weiß schlüssig und unterhaltsam darzulegen, wieso ein ausgeprägtes Verständnis für eine demokratische Gesellschaft unabdingbar ist.

Einer der ärgerlichsten Sätze der Menschheit lautet: „Über Geschmack lässt sich nicht streiten.“ Obwohl der Ausspruch einen wahren Kern trifft, dient er meist vor allem der Rechtfertigung der eigenen Denkfaulheit. Gerade die Blogosphäre hat sich die Verweigerung des Streits zum Wahlspruch erklärt, als führe jeder Streit in der Sache zu menschlichen Tragödien. Zwar versteht auch A.O. Scott, dass jedes Geschmacksurteil auch einer individuellen Prägung unterworfen ist, doch davon, sich Geschmack als ein zartes Pflänzchen vorzustellen, das sofort vergeht, sobald es der Kritik anderer ausgesetzt ist, hält er nichts: „Wir neigen viel zu sehr dazu, die Kunst als eine Verzierung zu betrachten und den Geschmack als einen festliegenden, schmalen Pfad anzusehen, auf dem jeder von uns dahinzieht, allein oder in der ausgesuchten Gesellschaft Gleichgesinnter.“

Denn ob es nun unsere Aufgabe ist oder nicht, tatsächlich urteilen wir. Wir können gar nicht anders.

Mehr noch, er stellt sehr einleuchtend dar, wie die Vorstellung einer solch gesteigerten Subjektivität sich erst im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts durchgesetzt hat und mittlerweile wohl ihren Höhepunkt gefunden hat. Die idealistische Philosophie war einst mit dem Ziel angetreten, ästhetische Urteile auf eine objektive Basis zu stellen. Derlei Vorstellungen klingen heuer allzu autoritär: „Die Annahme jedem gefalle die gleiche Art von Ding mag uns so vorkommen, als sei es von da nur ein kleiner Schritt bis zur Forderung, dass es so sein möge, und das steht im Widerspruch, sowohl zur demokratischen Idealen als auch zum Verhalten von Konsumenten.“ Davon abgesehen, dass diese Darstellung etwas simpel ausgefallen ist, kommt A.O. Scott nicht zu dem Schluss, den das Zitat vermuten ließe. Zwar ist auch der Amerikaner kein Freund der Meinungsdikaktur, dennoch behauptet er: Kunstvermittlung hat unweigerlich immer etwas Autoritäres und ohne die Fähigkeit gemeinsame Nenner im Gespräch über Kunst zu finden, gibt es auch keine demokratische Gesellschaft.

Die Kritik ist der spätgeborene Zwilling der Kunst.

Dabei ist es gar nicht verwunderlich, dass die Vorstellung aushandelbarer Geschmacksurteile nicht besonders en vogue ist. Wenn unter dem Stichwort „Fake News“ nicht mal beleg- und widerlegbarer Fakten mehr allgemeingültig scheinen, wie soll man dann bei der Kunst ins Gespräch kommen? Doch die angebliche Krise der Fakten zwingt gerade jetzt dazu, sich nicht mehr auf die bequeme Subjektivität zurückzuziehen, sondern sich in die Schützengräben des Meinungsaustausches zu werfen. Das würde auch einem Kunsterleben gerecht werden, das sich individuell gibt, aber immer auch Gemeinschaftserlebnis ist. Dazu muss man sich nur in einen Kinosaal denken. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird sich nicht jeder zu jeder Zeit gleich fühlen. Mit noch höherer Wahrscheinlichkeit wird es aber immer wieder Momente geben, in dem der Kinosaal ein Gefühl des Erschauderns, der Freude, der Traurigkeit teilt. In diesem Moment wird das Erleben von Kunst anschlussfähig und erkundbar: Wieso fühlt man sich so wie man sich fühlt? Wie macht Kunst das? Und ist das redlich?

Die große Verfälscherin des kritischen Urteils ist die Zeit.

Dass die Kritik sich das Recht herausnimmt, das Werk anderer zu kritisieren und sich damit immer wieder dem Vorwurf des Autoritären ausgesetzt fühlt, ist nicht nur eine merkwürdige Verdrehung der Tatsachen, sondern unterschätzt auch die autoritäre Wirkung der Kunst selbst: „Diese Kunst samt dem Denken, das sie umgibt und trägt, gehört uns allen, aber sie beharrt auch darauf, uns nach ihrem Bilde zu schaffen, wobei sie fordert, dass wir die Macht ihrer Ideale anerkennen und uns ihren Lehren unterwerfen.“ Die Kritik an der Kritik ist so alt wie die Kritik selbst und A.O. Scott stellt die alten Bilder vor: die Vergrämten, die in ihrer dunklen Stube voller Selbsthass und Abscheu auf die Welt, Wutschaum über das Kritisierte sprühen. Dabei ist die Kunstkritik wie alle Formen des kritischen Denkens Bedingung für eine aufgeklärte Gesellschaft. Der Beißreflex gegenüber dem Kritischen ist einer gleichzeitigen Überhöhung wie Kleinmachung der Kunst geschuldet: sie ist eine unfehlbare heilige Kuh und ein zerbrechliches Wesen, das bei Gegenwind in sich zusammenfällt: „Die Kritiker sind Ungeziefer, und ihr Opfer ist eine Blume.“

Ein Museum wie der Louvre ist das ultimative Beispiel für eine Argumentation, die auf Autorität basiert.

Dabei geht es A.O. Scott jedoch nicht darum, der Kunst ihren Status abzusprechen, sondern lediglich darauf hinzuweisen, dass künstlerisches Schaffen, das dem kritischen Blick nicht standhält, vielleicht keines ist. Und so bemüht er sich der Kritik einen positiven Auftrag zu geben. Trotz der Behauptung, ein gewisser Kunstgeschmack würde durch Instrumente wie einen Kanon oder museale Fixierung auf Jahrhunderte festgeschrieben sein, werden Geschmacksmoden immer wieder neu ausgehandelt. Die Kritik ist im besten Fall eine gut informierte, um Aufklärung bemühte Kraft in diesem Prozess, die die seismographischen Bewegungen sichtbar macht und im Prozess der Veränderung kritisch reflektiert.

Der Punkt, auf den diese Aufgabe hinweist, ist am Ende jenes Endziel, zu dem die Kunst selbst hinführt: Die „Wiedergewinnung einer unmittelbaren Erfahrung, die gleichzeitige Erfassung von Wahrheit und Schönheit“. Diesem utopischen Gedanken ist das Scheitern bereits eingeschrieben, was der Kritik ihre Lebensversicherung ausstellt. Ihre Aufgabe endet nicht, so wie auch die Aufgabe der Kunst nicht endet. Damit wird der streitbare A.O. Scott schließlich doch noch versöhnlich. Das soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass man „Kritik üben“ als Appell lesen sollte, die Meinungsverzagtheit abzulegen und sich dahin zu begeben, wo es – ganz Sigmar Gabrielesk – schmutzig ist, wo es stinkt. Denn wenn die, die Ahnung haben, das Feld der Meinung räumen, machen sie für jene Platz, die viel Meinung, aber wenig Ahnung haben.


Wir danken dem Hanser Verlag für das Rezensionsexemplar.

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