Aharon Appelfelds „Meine Eltern“: Der letzte Sommer

Appelfeld-Meine Eltern

Aharon Appelfeld, der 1932 als Erwin Appelfeld bei Czernowitz geboren wurde, gehört zu den wichtigsten Schriftstellern der israelischen Gegenwartsliteratur. Nur wenige Wochen vor seinem Tod Anfang Januar 2018 ist sein Roman „Meine Eltern“ in der deutschen Übersetzung von Mirjam Pressler erschienen. Darin erinnert er den letzten Sommerurlaub mit seinen Eltern in einer Welt von gestern.

Es ist 1938, und es ist Sommer. Der wohlhabende Teil der jüdischen Bevölkerung von Czernowitz verlässt die Stadt und fährt an den Pruth, einem Nebenfluss der Donau, um die Sommerfrische am Fuße der Karpaten zu genießen.
Auch der Ich-Erzähler ist mit seinen Eltern gekommen – wie jedes Jahr. Doch obwohl „Meine Eltern“ überwiegend präsentisch erzählt, schildert der Ich-Erzähler, der als 10-Jähriger auf den Namen Erwin hört, rückblickend. Mehr als sechzig Jahre später, heißt es an einer Stelle des Romans. Aus dem Jungen, der auf den Uferwiesen liegend das Geschehen beobachtet, ist im erzählerischen Jetzt ein Schriftsteller geworden, der mit dem Erinnern auch sein Schreiben poetologisch reflektiert.

Das erste Haus, die Rückkehr dorthin und der Aufenthalt in ihm, hat jedes meiner Bücher genährt.

Vieles legt die Vermutung nahe, dass der Ich-Erzähler des Romans mit dem Autor Appelfeld gleichzusetzen ist: Die genannten Buchtitel sind identisch, und auch der Vorname stimmt überein, denn erst nach seiner Emigration nach Israel im Jahr 1946 nimmt Appelfeld den Vornamen Aharon an. Trotzdem sei wie so oft Vorsicht geboten – wie das Cover verrät, versteht sich „Meine Eltern“ als Roman, und auch im Text wird immer wieder auf die unklaren Grenzen zwischen Fiktion und ‚Wahrheit’ verwiesen:

Ich gerate in Bedrängnis: Was soll ich ihnen sagen und was nicht? Ich habe versprochen, nicht zu lügen, doch man darf auch die ganze Wahrheit nicht offenbaren. Ein gewisses Maß an Wahrheit und ein gewisses Maß an Hoffnung – ich bewege mich auf einem schmalen Grat.

Dieser Satz ließe sich ohne weiteres dem Schriftsteller-Ich des Romans zuschreiben. Gesprochen wird er aber von Rosa Klein, einer Urlauberin, die sich die Zeit am Fluss mit Wahrsagerei vertreibt: Sie liest den anderen Gästen aus der Hand, sagt ihnen die Zukunft voraus und fasziniert den jungen Ich-Erzähler.
Noch mehr aber beeinflusst ihn der Schriftsteller Karl König, der ebenfalls zu Gast ist, das Treiben der Urlauber beobachtet und gleichzeitig an seinem Roman arbeitet. Auf die Frage, was er denn werden wolle, antwortet Erwin nach seiner Begegnung mit König: „Ich möchte Schriftsteller werden.“ Neben dem Ich-Erzähler kann auch die Figur des Karl König als Alter Ego von Appelfeld gelesen werden.

Das widersprüchliche poetische Problem von Fiktion und Wahrheit spiegelt sich nicht zuletzt auch in der Mutter- und Vater-Figur des Romans, der immerhin nach eben jenen Figuren betitelt wurde. In einem stetigen, von den Eltern repräsentierten Spannungsfeld zwischen Staunen und Skepsis, zwischen Begeisterungsfähigkeit und Kritik, zwischen Emotionalität und Rationalität sucht der Ich-Erzähler eine Art, mit der Welt und damit auch gleichzeitig mit der Literatur umzugehen.

Das wundersame Figuren-Panoptikum, das Appelfeld in „Meine Eltern“ so kunstvoll in insgesamt 86 Miniaturen gleichenden Kurzkapiteln zu entfalten weiß, ist unbestritten das poetische Kernstück des Romans. Neben Klein und König gibt es noch einen einbeinigen Immobilienmogul, eine Jugendfreundin der Mutter, die beinahe einen Prinzen geheiratet hätte, die Sandkastenliebe des Vaters, und schließlich P., eine junge Frau mit Liebeskummer, die immerzu lacht, bis sie heiser ist und eines Tages einfach verschwindet.
Was alle Bewohner, so unterschiedlich sie auch sind, gemeinsam haben: Sie sind säkularisierte Jüdinnen und Juden, auf Fortschritt bedacht, und sie fürchten den Krieg, der wie man munkelt, bevorsteht und die Katastrophe bedeuten wird.

Die friedvollen Beschreibungen des Sommerlebens am Fluss werden immer wieder durchbrochen von Bildern, die das nahende Grauen vorwegnehmen:

Im Jahr zuvor habe ich ein Floß gesehen, das mit Kühen und Kälbern beladen war. Sie haben ganz ruhig dagelegen. Der Floßschiffer, ein Mann mit einer abgetragenen Schirmmütze, hielt eine Holzstange in den Händen, die er in den Grund stieß und damit das Floß lenkte. Als das beladene Floß vorüber war, hörte ich einen der Feriengäste sagen: »Man bringt sie zum Schlachten.«

Eine Ahnung davon, was dieses Grauen, vor dem sich alle fürchten, sein könnte, bekommen die Urlauber, als die ukrainischen Bauern losziehen und auf die jüdischen Gäste einzuschlagen beginnen. Nach wenigen Tagen sind die blauen Flecke jedoch verheilt, das „kleine Progrom“, wie es genannt wird, ist fast vergessen. Aber die antisemitischen Beschimpfungen setzen bereits auf dem Heimweg wieder ein.

Es gibt keinen ernsthaften Künstler ohne das Kind in ihm.

“Ich schreibe keine Erinnerungsliteratur“, lautet einer der ersten Sätze des Romans, und doch wird hier Erinnerungsarbeit betrieben, denn mit „Meine Eltern“ bewahrt Appelfeld eine Lebenswelt, die durch die Shoah ausgelöscht wurde. Es ist bemerkenswert, mit welcher vermeintlichen Leichtigkeit Appelfeld diese Welt auferstehen lässt. „Meine Eltern“ ist ein außergewöhnlich großartiger, hoch poetologischer und dichter Text.