Alberto Vigevanis „Sommer am See“: Ciao, Bella!

Der Mythos vom ‚Sommer, in dem man erwachsen wird‘ gehört zum Coming-of-Age-Genre wie die Butter aufs Brot. In Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ nutzen der gleichnamige Protagonist und sein 14-jähriger Kumpel die Sommerferien, um sich auf den gemeinsamen Roadtrip zu begeben und ihr zu Hause hinter sich zu lassen, Mercedes Lauensteins „Blanca“ reist ins sommerliche Italien, um dort ihr Coming-of-Age zu erleben. André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“ (Shortlist Deutscher Buchpreis 2016) trägt jenen Sommer mit den ‚ersten großen Gefühlen‘ bereits im Titel – genau wie „Sommer am See“ von Alberto Vigevani.

Giacomo, „ein dicklicher Junge mit einem Lockenkopf und ausdrucksvollen, unruhigen Augen“ wächst in einer bürgerlichen Familie in Mailand als jüngster Sohn eines Rechtsanwalts auf. Von seinen älteren Geschwistern Stefano und Clara trennen ihn einige Jahre, sein Vater ist kaum zu Hause, das Verhältnis zu seiner Mutter ist, trotz seines Nesthäkchen-Daseins, nicht besonders innig.

Er ist ein einsamer Junge: sowohl in seiner Familie, aber auch in der Schule, wo er lieber träumt statt zu lernen, und keinen rechten Anschluss findet. Einzig mit seiner Schwester spielt er, wenn niemand anderes zu Hause ist – doch sobald die Familie zurückkehrt oder Claras Freundinnen zu Besuch sind, ist der kurze Moment der Verbundenheit verflogen.
Die Zeit vertreibt er sich mit dem Beobachten des geschäftigen Treibens auf der Straße und am Kanal vor seinem Zimmerfenster und dem Lesen. Vom Herbst bis zum Frühsommer jeden Jahres flüchtet sich Giacomo in die Bücher, er hält ‚Winterschlaf‘, während er auf den Sommer wartet. Denn jeden Sommer verbringt die Familie die Ferien in der Sommerfrische, eigentlich am Meer, aber im Jahr, als Giacomo 14 Jahre alt ist, fahren sie erstmals an den See – den Comersee, um genau zu sein. Dort hat die Familie eine Villa gemietet und trifft sich im Ort am See, der nicht namentlich genannt wird, mit befreundeten Familien.

Von eben jenem Sommer am See erzählt Vigevani in seiner gleichnamigen Langerzählung. Es ist der Sommer, in dem sein jugendlicher Held Giacomo aus seiner Beobachterrolle ausbricht erstmals aktiv zur ‚Handlung‘, den Ereignissen des Sommers beiträgt – eine klassische Coming-of-Age-Geschichte also: Der schüchterne Junge begibt sich auf eine Reise und findet zu sich selbst, und natürlich auch zu seiner Sexualität.
Gleich zu drei Frauen fühlt er sich im Laufe vom Sommer am See hingezogen – die Eine das Dienstmädchen, die Andere eine englische Touristin, die Dritte die Tochter des örtlichen Hotelbesitzers.

Unter den Leuten trug er seine kurzen Hosen ohne Scham, eher als Strafe, weil er versucht hatte, die Jahre abzukürzen.

Obwohl bereits auf den ersten Seiten der Erzählung deutlich wird, dass die Handlung im frühen 20. Jahrhundert, etwa in den 1920er oder frühen 1930er Jahren spielt, ist Sommer am See auf den ersten Blick überraschend zeitlos und erinnert in seinen romantisierten Bildern von der erwachenden Jugend, dem Sommer in dem ‚Mann erwachsen wird‘ auch ein wenig (nicht aber auf inhaltlicher Ebene) an den Film Call me by your name.

Auf den zweiten Blick merkt man dem Text – vor allem im Umgang mit seinen Frauenfiguren – eine gewisse Antiquiertheit an. Sommer am See schildert auch eine männliche Ermächtigungsgeschichte, denn mit der Entdeckung der eigenen Sexualität erwächst in Giacomo auch eine Erwartungs- und Anspruchshaltung gegenüber den Frauen, die er begehrt.
Die erste Frau, die er begehrt, ist das Dienstmädchen des Hauses, Emilia. Nachdem er sie zunächst nur beobachtet und aus der Ferne begehrt, schleicht er sich eines Nachts in ihr Zimmer und kriecht unter ihre Decke. Als er sich „keuchend auf sie sinken“ lassen will, wehrt sie ihn ab, er sei noch ein Kind und sie ohnehin verlobt, heißt es. Weil er der Sohn des Hausherrn, ihres Arbeitgebers ist, lässt sie sich von ihm anfassen, lässt ihn in seiner jugendlichen Abenteuerlust ihren Körper erkunden – dass er noch Kind und nicht Mann ist, ist ihre Chance, sich dem letzten Schritt zu entziehen und den übermutigen Jüngling abzuwehren und wegzuschicken.

Die zweite Frau, die Giacomo wohl am meisten fasziniert, ist Engländerin und verbringt ihre Ferien gemeinsam mit ihrem Sohn – ihr Mann ist die meiste Zeit abwesend – ebenfalls am See. Über ein selbst gebautes Boot nähert sich Giacomo dem 10-jährigen Sohn der Frau an, beide spielen danach wochenlang gemeinsam am Strand und im Garten der englischen Familie. Am Ende bleibt Giacomo die Erkenntnis: „Er glaubte jetzt, ohne den Grund zu verstehen, dass die Mutter in ihrer harmonischen und idealen Schönheit, die gar nicht mehr begehrenswert erschien, nur dem Sohn gehören konnte.“
Am Ende wird die Frau auf ihre Rolle als Mutter reduziert. Wie passend, dass sie – im Gegensatz zu Emilia, der Haushälterin, und Elsa, der Tochter des Hoteliers – nicht einmal einen Namen trägt und fast ausschließlich „die Mutter“ genannt wird.

Diese durch einen konservativen, männlichen Blick geprägten Frauenbilder schmälern am Ende den Gesamteindruck von Alberto Vigevanis Sommer am See: Man merkt der Erzählung, die erstmals 1958 erschien, ihr Alter an. Wer sich nach zeitgemäßerem, aber ebenso sommerlichem Coming-of-Age sehnt, sollte lieber zu Call me by your name, dem modernen Klassiker Tschick oder Mercedes Lauensteins Blanca greifen.


Wir danken der Friedenauer Presse für das Rezensionsexemplar.