Alexander Kluge: Zirkusdirektor des Zufalls

Kongs große Stunde

Alexander Kluge ist das große Hintergrundrauschen unserer Zeit: Schlafverweigerern führt er mit seinen Formaten wie „10 vor 11“ oder „News & Stories“ durch die Nacht, seit er sich durch seinen Husarenstreich erfolgreich im Privatfernsehen festgesetzt hat und ihn bislang niemand vom Hof jagen konnte. Er drehte richtungsweisende Filme, schreibt Bücher, ist im Spiegel zu lesen und produziert andere Fernsehformate. Alexander Kluge war immer anwesend, wenn sich in der Nachkriegs-BRD Orte der Relevanz ausgebildet haben: So war er 1962 auf der Tagung der Gruppe 47, war einer der Mitverfasser des Oberhausener Manifests und darüber hinaus im Umfeld der Frankfurter Schule umtriebig. Kaum ein Intellektueller kann den Werdegang des 20. Jahrhunderts so glaubhaft bezeugen wie Alexander Kluge. Dass er nicht das kulturelle Aushängeschild Deutschlands ist, liegt wohl weniger daran, dass er nicht mit dem genialischen Rüstzeug gewappnet wäre, sondern eher an der Tatsache, dass die Person Kluge hinter seinen zahlreichen Formaten unsichtbar bleibt. Er ist, wie in seinen Fernsehsendungen, die Stimme aus dem Off, die die Menschen zum Reden und die Gedanken zum Kreisen bringt.

Kluge, so bekommt man den Eindruck, ist der letzte Universalgelehrte, ein Relikt aus den Anfängen der bürgerlichen Epoche. Doch er formuliert nicht den Anspruch, dieses Wissen in sich selbst zu versammeln, sondern holt jene in die Mitte seines Schaffens, die über die Kenntnisse verfügen. Darum können seine Sendungen als großes Archiv von Wissensbeständen verstanden werden. Seine eigentliche Berufung, das hat Alexander Kluge immer wieder betont, ist die Schriftstellerei. In diesem Jahr hat der hyperproduktive Universaltalentierte sein neustes Werk publiziert: „Kongs große Stunde – Chronik des Zusammenhangs“. Das Buch, kein Roman, aber auch keine Chronik, ist die konsequente Weiterführung seiner Werkpolitik: scheinbar lose Fragmente, Splitter, Notizen und Skizzen reihen sich aneinander. Auf den ersten Blick bekommt man den Eindruck, der ideale Leser dieser Texte sei jener, der den Spuren jedes einzelnen Versatzstückes nachspürt und sich in den Weiten des Kluge-Kosmos verliert. Alexander Kluge ist von vielen Seiten inspiriert, doch sicherlich auch von den zwei Poststrukturalisten Félix Guattari und Gilles Deleuze. Wer „Kongs große Stunden“ als rhizomartiges Gebilde begreift, wird viele produktive Momente der Verirrung erleben.

Es ist niemals ausgeschlossen, daß Texte und Bilder wandern, daß sich Phantastik auf unerwartete Weise fortsetzt […]

Doch Kluge bietet auch einen anderen Zugang: Wer den Text in seiner unvermeidbaren chronologischen Aufführung liest, muss sich über einige Irritationen hinweghelfen, bevor dem einem aufgeht, dass es sich bei diesem Text um einen irrwitzigen und unglaublich anregenden Abriss der Geschichte der Bürgerlichkeit und seiner Randphänomene handelt. Kluge nähert sich, dem von ihm sogenannten „bürgerlichen Charakter“, aus mehreren Richtungen: Er stellt seine Beobachtungen am eigenen Vater, den Brüdern Thomas und Heinrich Mann und Napoleon an. Die Prinzipien, die seine Texte zusammenhalten, sind die des Zufalls, der „Hyperkausalität“ und des Zusammenhangs. Zum Zufall schreibt Alexander Kluge:

Die These vom Entstehen des ersten Lebens in der Tiefe, im Umkreis der unterseeischen Vulkanquellen und ihrer Kamine, basiere auf Unwahrscheinlichkeit. Leben setze zumindest Lagunen oder Flachwassersümpfe, auch ein Stück offener Erdkruste, und vor allem lange ungestörte Zeit voraus, in denen sich Moleküle dauerhaft hätten aneinanderketten können, eine CHANCE FÜR IMMENSE MENGE AN ZUFALL.

Der Zufall, das ist die Herrschaft der Kontingenz über die Abläufe unserer historischen Verfasstheit (ein Thema, dem sich auch Ulrich Peltzer in „Das bessere Leben“ angenähert hat). Zusammenhang lässt sich in einem solchen Konzept nur im Rückblick herstellen: „So wie es in mir steckt, eine Sammlung von zufällig oder notwendig Eingeprägtem, arbeitet es viele Jahre und wird irgendwann ZUSAMMENHANG.“ Das beschreibt einen Zugang zur Welt, aber auch Kluges Arbeitsprozess. So werden aus historischen Anekdoten und kuriosen Wissenssplittern bei der richtigen Anordnung Zusammenhänge hergestellt, vom Autor, aber auch vom Leser.

So lassen sich Hyperkausalitäten beobachten: Ein Verrat, eine Tat, ein Verschulden erzeugt zu einem weit entfernten Zeitpunkt eine massive Wirkung.

Kluge interessiert sich für das Unwahrscheinliche: Eine solche Unwahrscheinlichkeit begegnet dem Leser im Abschnitt über Ernst Kluge, seinem Vater. Dieser begegnete während des Ersten Weltkriegs Gottfried Benn – der Zufall hat beide im Lazarett zusammengeführt. Der Zusammenhang ergibt sich, wenn man beide Lebenswege übereinanderlegt und erkennen kann, wie Konzepte von Bürgerlichkeit zwei verschiedene Richtungen einschlagen können. Jener Teil des Buches über seinen Vater ist das einer ebenfalls unwahrscheinlichen Intimität. Sein Sohn hat sich literarisch schon häufiger seiner Heimatstadt Halberstadt genähert. Dieser Text erzählt die Kleinstadt aus der Sicht des Vaters. Unterbrochen wird der Erzähler immer wieder von Tagebucheinträgen des Vaters oder Fotographien aus dem Familienalbum. Darauf zu sehen ist ein alter Mann, der die Parkinsonerkrankung durch das Festhalten der Hand kaschieren möchte. Von der Beschreibung der Hand des Vaters kommt Alexander Kluge auf die Gestenpolitik Theodor W. Adornos. Auch das ist Zusammenhang. Die Geschichte der Bürgerlichkeit Ernst Kluges ist die des Verfalls – nicht nur des eigenen, sondern auch des Verfalls der Bürgerlichkeit an sich. Halberstadt liegt nach dem Zweiten Weltkrieg in der sowjetischen Besatzungszone. Während die restliche Familie die SBZ verlässt, verharrt der Vater in der nun realsozialistischen Stadt und verteidigt die Formen der Bürgerlichkeit, die in der neuen Welt keinen Platz mehr haben.

Bürgerlichkeit und Verfall, das führt natürlich über die „Buddenbrooks“ zu Thomas Mann und seinem Bruder Heinrich. Sie gelten als Stellvertreter deutscher Bürgerlichkeit, was den jüngeren Mann nicht davor gefeit hat, in das Kriegsgetöse des Ersten Weltkriegs einzustimmen. Jedoch die größte Verfallsgeschichte der Bürgerlichkeit ist die des französischen Kaisers Napoleon, über den es im Text heißt: „Das Unwahrscheinliche seines Aufstiegs gehört zu der Erzählung, die ihn bedeutend machte.“ Napoleon stellt eine merkwürdige Mischform dar: Geboren aus der bürgerlichen Revolution reißt er die Krone an sich, nur um dann dick und aufgedunsen auf St. Helena zu enden.

Blockwart der Tatsachen muß der Poet nicht werden.

Die Quellen des Bürgerlichen, das sind nach der Lesart des Texts die Familie und der Habitus. Kluge beschreibt, wie die Moderne diesen zwei Keimzellen zu allen Zeiten auf den Leib rückt: Der Versuch der Nationalsozialisten, die mit Ideologie durchgedrungenen Hitler-Jugend auf die eigenen Eltern zu hetzen, die so kleinbürgerliche, anti-bürgerliche DDR oder das Silicon Valley, das die Familie im künstlichen Eis einfriert. Das des Autors, aber auch unser aller Bildungsideal entspringt der Epoche des Bürgertums. Die langsame Zersetzung dieser Epoche wurde noch von keiner positiven Utopie ersetzt, so kommt man nicht umhin, eine gewisse Sentimentalität zwischen den Zeilen zu erfühlen. Doch der eigentliche Anspruch dieses Buches ist der aller Werke Kluges: das Archiv des Unwahrscheinlichen, des Abseitigen, des Apokryphen weiterzuführen. „Kongs große Stunde“ ist jenseits aller kurzen und langen Listen, Literaturpreise und –wettbewerbe mit das Gewaltigste und Aufregendste, das es dieses Jahr zu lesen gab.


Wir danken Suhrkamp für das Rezensionsexemplar.