Alexander Schimmelbuschs „Hochdeutschland“: „This is not an exit.“

Wohin treibt der Neoliberalismus? Und wohin reißt er die Gesellschaft mit sich? Hinter dem Zusammenbrechen der nahöstlichen Nicht-Ordnung der Nachkriegsära und den daraus resultierenden Fluchtbewegungen ist fast in Vergessen geraten, dass in den frühen Zehnerjahren ein ganz anderes Problem die meisten Gesellschaften vor eine existenzielle Bewährungsprobe stellte: ein heiß gelaufener Finanzkapitalismus. Wer die verheerende Wirkung dieses Finanzcrashs und die verfehlte politische Reaktion darauf besichtigen möchte, sollte beim nächsten Griechenlandurlaub mal einen kurzen Zwischenaufenthalt in den Außenbezirken Athens und Thessalonikis einplanen. Doch die nächste Krise ließ nicht lange auf sich warten und so atmeten New York, London und Frankfurt auf: Es darf wieder auf den Putz gehauen werden.

Die Literatur hat bislang so ihre Schwierigkeiten mit einem Hochgeschwindigkeitskapitalismus, der sich mehr und mehr in den Bereich des Nicht-Sichtbaren zurückzieht. Wirtschaften, das sich in digitalen Datenströmen vollzieht und Algorithmen folgt, stellt die Literatur vor ganz neue Schwierigkeiten. Der letzte, der sich an den Themenkomplex gewagt hat, war Jonas Lüscher, der seinen Roman in die Flanke des Silicon Valleys und dessen Weltverbesserungsanspruch trieb. Leider geriet Lüscher zu sehr ins Dozieren und offenbarte dabei gleich die Schwierigkeiten eines solches Vorhaben: Komplexität muss entweder über theoretische Diskurse eingeholt werden oder, und darin besteht die eigentliche Meisterschaft, über eine Metaphorik gleichzeitig eingedampft und geöffnet werden.

Natürlich war ihm der Porsche peinlich, aber Victor war eine flexible Persönlichkeit.

Der nächste, der diesen Anlauf wagt, ist Alexander Schimmelbusch mit seinem Roman „Hochdeutschland“. Das Feuilleton ist sich mittlerweile bereits einig, darin den Roman der Stunde erkannt zu haben. Doch worin besteht diese Aktualität eines Romans, der einen gelangweilten, reichen Banker namens Victor ins Zentrum stellt? An sich ist die Figur bekannt und die Verbindungen zu „American Psycho“ oder „Faserland“ wurden reichlich gezogen. Dabei muss man sagen: Der hier vorgestellte Protagonist ist nicht der Typ Patrick Bateman, der seine transzendentale Obdachlosigkeit versucht in möglichst grausamen Mordexperimenten aufzulösen. Vielmehr ist Victor über diesen Punkt der Langeweile schon hinaus. Stattdessen versucht der Banker Staat zu machen.

Denn Victor, mit einem Mindestmaß an Selbstreflexion begabt, treibt eine einfache Frage um: „Wo waren die roten Fahnen, wo waren die Mistgabeln? Warum ölte niemand eine Guillotine?“ Wie kann es sein, dass die Verheerungsschneisen, die der Kapitalismus durch die Gesellschaft zieht, nicht zu revolutionären Zuständen führen? Irritiert und angeekelt vor der Lethargie seiner Mitbürger entspinnt er sein eigenes politisches Programm, in dem er nicht nur eine rabiatere Form der Vermögungsumverteilung vorschlägt, sondern auch eine Vorstellung des Staats entwickelt, dem unternehmerischer Geist implantiert wird. Der Staat soll so handeln und so schlau sein wie ein Unternehmen: „Die Wahrheit ist: Ohne eine unternehmerischen Regierung wird unsere Heimat in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.“ Dass darin eine Verachtung für die demokratische und institutionelle Verfasstheit des Staates liegt, dafür ist Victor freilich blind.

Das einzige Mal, dass er den Namen seines Vater in der FAZ gelesen hatte, war in dessen Todesanzeigen gewesen.

Das ist die Modifizierung und Weiterentwicklung des Typus Patrick Batemans, die der Roman vornimmt. Wer noch einen Beweis dafür brauchte, dass Pop vorbei ist, der wird ihn hier finden: Selbst der misanthropische Egoman ist mittlerweile politisch geworden. Dieser deutsche Bateman ist politisch und hat sich gleichzeitig ein kleines, schwärmerisches Moment bewahrt: „Julia saß in ihrem Glaskasten an der Südflanke der Etage, und während Victor sie nun beim Telefonieren beobachtete, sah er hinter ihr einen der Bussarde hinabstürzen, die auf dem Dach des Silberturmes nisteten.“ „Hochdeutschland“ und seinen klinischen Frankfurter Hochhäusern durchgeistert eine Ahnung deutscher Taunuswald-Romantik, die allerdings zu verzerrt ist, als dass sie einen produktiven Kontrapunkt zu dieser chaotischen Postpostmoderne bieten könnte.

Wo Victor und Bateman sich treffen, ist ein gewisses Verachtungslevel für den gemeinen Plebs: „Wen durchzuckt denn bitte die Sehnsucht, seine Deutschwerdung zu erleben? Womit soll man sich identifizieren? Kleinmut, Duckmäusertum, Renitenz, Besserwisserei, Pedanterie, Missgunst, Selbstgerechtigkeit, Geiz, Gehorsam, Größenwahn – das ist nicht gerade als attraktive Kombination zu bezeichnen.“ Stellvertretend dafür die immer wieder herbeizitierte Vapiano-Episode: Das überteuerte Schnellrestaurant, das es geschickt geschafft hat, den Leuten ein Gefühl des Hochklassigen zu geben, ist vielleicht das Symbol einer Gegenwart, die ihren Konsumismus hinter Authentizitätskitsch versteckt.

Das italienische „va piano“ bedeutet in etwa, man solle sein Leben langsam angehen lassen, was aber keine Anspielung auf die bei Vapiano üblichen langen Wartezeiten sein sollte.

Zwischen diesen Alltagsbeobachtungen, die im besten Fall zu einer Chiffre der Gegenwart transzendieren, und Selbstbespiegelungen Victors changiert der erste Teil des Romans, um dann in seinem zweiten, kürzeren Teil dazu überzugehen, Victors politisches Programm durchzubuchstabieren. Er formuliert ein Manifest, das der Roman in voller Länge ausbreitet. An diesem Punkt verlässt der Text leider den literarischen Weg und begibt sich zu sehr ins Lüscher-Fahrwasser, nur um dann kurz vor knapp noch eine Houellebecqsche Dystopie zu entwerfen, in der Victors begründete Bewegung „Deutschland AG“ Wahlen gewinnt.

Als er beim Fahren in den Wald hineinblickte, musste Victor an die Vergangenheit denken, nicht an seine eigene, sondern an die Vergangenheit im Allgemeinen […]

Das ist insofern bedauerlich, als dass „Hochdeutschland“ bis dahin eine sehr gelungene Auseinandersetzung mit einer literarischen Spielart und deren Möglichkeiten in der deutschsprachigen Literatur ist. Schimmelbusch hätte gut daran getan, sich darauf zu beschränken, zu zeigen wie eine literarische Figur sich in den letzten zwanzig Jahren verändert hat. Stattdessen möchte er sie auch noch in die Zukunft überführen, was der Moment ist, an dem ihm der Text entgleitet.


Wir danken Klett-Cotta für das Rezensionsexemplar.