Alfred Bratts „Die Welt ohne Hunger“: Mit Maggi zum Weltfrieden

Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Masse. Mit dem Aufstieg des Industrieproletariats und der damit einhergehenden Urbanisierung gab es plötzlich eine gesellschaftliche Gruppe, die sich durch ihren sozialen Status als homogene Masse verstand und gleichzeitig das Produkt und Beförderer der Moderne wurde. Je mehr sich der Arbeiter als politisches Subjekt verstand, desto entschlossener brachte er seine Forderung vor. Gleichzeitig erkannte das 20. Jahrhundert, z.B. Canetti in seinem „Masse und Macht“, das gefährliche Potenzial, das ihnen inne liegt. Die Masse ist entzündlich, hoch emotional und verführbar. Damit die Masse nicht zu Fackel und Heugabel greift, musste das 20. Jahrhundert vor allem Antworten auf die verschärften Verteilungsfragen finden. Auch davon erzählt „Die Welt ohne Hunger“ von Alfred Bratt, das 1916 zum ersten Mal erschien und nun in der edition atelier neuaufgelegt wurde.

Noch am Ende des 19. Jahrhunderts erblickte eine bräunliche Flasche mit gelb-roten Etikett das Licht der Welt und sollte schon bald nicht mehr aus deutschen Küchen wegzudenken sein: Die Maggi-Würze. Damit verbunden war nicht nur der ikonische Geschmack, der den Deutschen das fade Essen retten sollte, sondern auch ein utopischer Gedanke: Die Lebensmittelchemie bietet eine ressourcenschonende und günstige Alternative als die eigene Herstellung einer Fleischbrühe. Sie steht damit in der Tradition der Kondensmilch oder der Konservendose. Diese Produkte haben die Versorgung von Gesellschaften zwar einfacher gemacht, aber grundsätzliche Verteilungsfragen wurden dadurch nicht gelöst.

„Eine Erfindung, die ohne Zweifel das Leben des einzelnen beeinflussen wird und die ganze zivilisierte Welt zu verändern mag.“

Im Geist der Maggi-Würze tritt auch Alfred Bell, Hauptfigur von „Die Welt ohne Hunger“, aufs literarische Parkett. Er, so seine Behauptung, habe eine Erfindung, die alles verändern soll. Einen lebensmittelchemischen Ersatzstoff, der das Hungerproblem der Massen anpackt. Seinen ersten Versuch, sich Unterstützung für sein Vorhaben zu sichern, macht er in Paris, wo er einen naturwissenschaftlichen Kollegen, vor dem er als scharfer Kritiker der sozialen Verhältnisse auftritt, versucht zu überzeugen: „‘Aber dulden Sie nicht, daß Millionen in Whitechapel, in Port-Said, im Judenviertel New Yorks, in San Franzisko, in allen Gold- und Sumpfzentren der Welt vor Hunger und Dreck der Atem ausgeht.‘“ Bell ist jedoch nicht nur Philanthrop und Utopist, sondern sieht die ungerechte Verteilung als ein Missverhältnis, das auch dem nüchternen Blick der Naturwissenschaft nicht standhalten kann: Auch die Chemie ist von den richtigen Verhältnismäßigkeiten abhängig, Ungleichgewichte können zur Katastrophe führen.

„Die Verteilung der Werte, wie sie heute besteht, ist ungesund und rechtlos.“

Paris ist jedoch der Ort Bells erster Abfuhr. Sein akademischer Kollege möchte von der großen Erfindung nichts wissen und schickt ihn weg. Für Bell geht die Reise weiter noch London, wo er in die Fänge eines windigen Agitators gerät und eine verhängnisvolle Liebesgeschichte beginnt. Auch aus London muss er schließlich flüchten und erreicht per Schiff die Stadt, in dem sich im 20. Jahrhundert die Moderne übererfüllen sollte: New York. Dort wird er mit Begeisterung empfangen, ein Trust bildet sich, um ihn finanziell zu unterstützen und selbst das Weiße Haus wird auf ihn aufmerksam. Bell steht schließlich vor der Erfüllung seiner Utopie, sein Lebensmittelwürfel, der alle Hungersorgen aus der Welt schaffen soll, ist entwickelt und mit der Politik ein Gesetz auf den Weg gebracht, das die Verteilung des Würfels organisieren soll.

Die Leute besannen sich darauf, daß sie ja viele waren … so viele, o Gott … das war das Massengefühl, das sich in den stumpfen Gehirnen Bahn brach.

Bratt erzählt in „Die Welt ohne Hunger“ ein Lehrstück darüber, wie das Neue in die Welt unter kapitalistischen Bedingungen in die Welt kommt: Das Kapitel sammelt Geld, die Politik organisiert und die Medien begleiten. Bells Erfindung wird zu einem wahren Medienereignis: „Den Höhepunkt erreichte die Sensation, als die Blätter schließlich Abbildungen des ‚Nahrungswürfels‘ mit populären Beschreibungen veröffentlichten!“ Zunächst scheint es auch so, dass die etwas verkitschte Utopie wahr wird: „Regierung und Kapital – Arbeiter und Arbeitslose … sie flaggten alle zugleich, am selben Tag, zur selben Stunde.“

„Der Haß“, sagte er, „die durch Generationen erweiterte und vererbte Kluft zwischen Arbeiter und Unternehmer, muß überbrückt werden.“

Doch schließlich bricht in die neue heile Welt doch wieder die harte kapitalistische Realität. Ein Arbeitskampf und der Konflikt zwischen Proletariern und Industriellen eskaliert und führt schließlich zur Lahmlegung der Stadt. Bell endet schließlich als eine Art Citizen Kane, alleine und verlassen wandelt er in seinem riesigen Firmensitz, das jäh zur Ruine geworden ist: „Das Gebäude war ein Grab. Auch die Wände kalt, steinern. Die Motoren im Laboratorium liefen nicht mehr.“ Dass der Himmel auf Erden nicht von langer Dauer ist, liegt auch daran, dass Bells Erfindung die Symptome der kapitalistischen Moderne lindert, aber nichts an deren Grundproblem löst: die Frage von Besitz und Verteilung.

Aber hier gab es ja keine Arbeit und keinen Genuß, hier hatte die Zeit zu schlagen aufgehört, hier besaß nur die Gegenwart Geltung und Bestand – ohne Vergangenheit und Zukunft.

Dass „Die Welt ohne Hunger“ knapp hundert Jahre alt ist, merkt man nur bedingt, was für den Roman und gegen die Gegenwart spricht, denn die beschriebenen Probleme sind immer noch die gleichen, auch wenn man nach dem Zeitalter der Masse mittlerweile im Zeitalter der Singularisierung angekommen sein will. Die Figur des Alfred Bell entspricht mit seiner Vorstellung, dass Innovation die Welt retten kann, den zeitgenössischen Predigern des Silicon Valleys: Die Rettung liegt  nicht in der Revolution, sondern im nächsten, revolutionären Produkt.

Bratts Roman kommt allerdings so thesenschwer daher, dass darunter sein literarischer Gehalt leidet. Um nicht allzu technisch daherzukommen, flüchtet sich der Text hier und da in Pathos: „Es war der Abgrund des lebendigen Jahrhunderts, in den Bell hineinblickte.“ Auch würde man sich wünschen, dass Bratt ausgiebigere Reflexionen darüber angestellt hätte, was es heißt, literarisch über Masse zu erzählen bzw. wie sich die literarischen Figuren zur Masse verhalten. Lesen sollte man „Die Welt ohne Hunger“ dennoch unbedingt, nicht nur als historisches Artefakt, sondern auch als eine Erinnerung daran, dass Utopien immer das Ganze in Frage stellen müssen.


Wir danken edition atelier für das Rezensionsexemplar.