Alfred Kerr: Der Kritiker als Überkünstler

Alfred Kerr

Bis zu seinem Tod im Jahr 2013 hatte die deutsche Literaturkritik ihren Großmeister in Marcel Reich-Ranicki, heute sitzt Maxim Biller im neu aufgelegten Literarischen Quartett und polarisiert – doch wer war vor einhundert Jahren der umstrittendste Literaturkritiker seiner Zeit? Die Antwort ist einfach: Alfred Kerr. Der 1867 in Breslau geborene Alfred Kempner, der seit seinem 20. Lebensjahr unter dem Pseudonym veröffentlichte und 1909 vollends seinen Geburtsnamen ablegte, um ihn in Kerr zu ändern, publizierte rund vierzig Jahre lang vornehmlich Theaterkritiken in den bedeutendesten Feuilletons im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Zunächst war „Der Tag“, ab 1919 das „Berliner Tageblatt“ sein Auftraggeber. Er schrieb nicht nur jährlich mehrere Dutzend Theaterkritiken, sondern entwickelte auch eine Poetologie der Kritik.

Bevor Alfred Kerr die Literatur- und Theaterkritik revolutionierte, waren die Besprechungen in den Feuilletions größtenteils rein deskriptiver Natur. Neben der Vorstellung der Schauspieler oder des Dichters ging es dem Kritiker vor allem um die Wiedergabe der Handlungsstränge, der Beschreibung des Stils oder des Bühnenbilds. Kerr dagegen proklamierte die Funktionslosigkeit der Kritik und gleichzeitig ihren Selbstzweck: Es ging nicht mehr darum, den Leser zu informieren, sondern um die Gattung der Kritik selbst.

Fortan ist zu sagen: Dichtung zerfällt in Epik, Lyrik, Dramatik und Kritik.

Für Alfred Kerr ist die Kritik neben Epik, Lyrik und Dramatik die vierte literarische Gattung. Doch damit nicht genug: Sie ist ihnen nicht gleichgestellt, sondern sogar überlegen, da sie das in der Literatur verdichtete Leben auf einer Metaebene erneut verdichtet. Der Kritiker selbst steht daher nach Kerr über dem Literaten, er ist eine Art Super-Künstler: „Der wahre criticus ist ein nicht unzurechnungsfähiger Dichter.“ Durch seine Rolle als übergestellter Super-Literat soll der Kritiker Einfluss auf die Entwicklung der Literatur nehmen.

In der Praxis zeichnen sich Kerrs Kritiken durch einige stilistischen Besonderheiten aus, die seine Besprechungen von anderen maßgeblich unterschieden. Auffällig war der umgangssprachliche Alltagston, in der er seine Kritiken verfasste, er verzichtete auf Fach- und Fremdworte der Literaturwissenschaft, formulierte in oft einfachen und kurzen Sätzen. In seiner Selbstanalyse, die zu Weihnachten 1928 im Berliner Tageblatt erschien, erklärt er seinen Stil wiefolgt:

Was habt ihr sonst noch an den zwanzig Zeilen bemerkt? Jawohl. Richtig, Mattenheimer. Alles wird … sehr einfach gesagt. So dass es eure Waschfrau (Frau Bartz heißt sie?, na, meinethalben) verstehen kann. Ganz richtig. Es gibt nichts auf der Welt, das ein gescheiter Arbeiter nicht verstehn könnte. Was Brinkmann, — er versteht es trotzdem nicht? Dann ist Der ein Troffel, der es ihm erklären wollte. Das liegt an dem Trottel.

Subjektivität ist eines der Hauptmerkmale, die exemplarisch für Kerrs Texte steht und in der sich das Selbstbild als überlegender Super-Künstler spiegelt: Die Meinung des Kritikers als Individuum inklusive seiner politischen Ansichten, seinen persönlichen Assoziationen und seines Erfahrungshorizonts soll in die Rezension eingehen.
Ganz in diesem Sinne ergriff Kerr, überzeugter Demokrat mit jüdischer Herkunft, schon früh Partei gegen die Nationalsozialisten. Er wurde von Goebbels bereits 1929 zum intellektuellen und politischen Feind erklärt. Nur drei Wochen nachdem Hitler die Macht ergreift, flieht Alfred Kerr Mitte Februar 1933 in einer Nacht- und Nebelaktion aus Berlin. Er hatte von einem loyalen Freund aus dem Polizeipräsidium erfahren, dass sein Reisepass entzogen werden sollte. Über die Tschechoslowakische Republik emigriert er in die Schweiz, von dort aus später über Paris nach England. Sein Name steht im Mai 1933 auf der Schwarzen Liste der Nationalsozialisten, bei den Bücherverbrennungen wird sein Name verlesen und sein Werk für irrelevant erklärt.

Doch nicht nur mit den Nazis geriet Kerr aneinander, sondern auch mit zeitgenössischen Autoren. Mit Berthold Brecht liefert sich der Kritiker einen erbitterten intellektuellen Streit, denn Kerr kritisiert Brechts Stücke am späteren Berliner Ensemble aufs Äußerste und bezeichnete den Dramatiker als „Ragoutkoch“, während er seine Lyrik lobte. Brecht beschimpfte ihn im Gegenzug als „nach Trüffeln schnüffelnden Five-o-clock-tea-Plauderer„.

Was bleibt von Kerrs Poetologie der Kritik heute?
Ein Teil des Kerr’schen Erbes lebt in der Kritik der deutschsprachigen Literaturblogs weiter. Auch hier lässt sich ein klarer Trend zum Subjektivismus abzeichen. Dem deskriptiven Habitus der feuillitonistischen Literaturkritik stellen viele Blogger ganz nach Kerr ein subjektives Ich entgegen, eigene Assoziationen, emotionale Bezüge und Erfahrungen prägen die Blog-Buchbesprechungen und stellen den Kritiker teilweise stärker in den Vordergrund als den besprochenen Text.
Diese vermeintliche Gefühlsduselei der Literaturblogger wurde bisher als Dilletantismus abgetan. Außer Frage steht, dass das Maß entscheidend ist und es auch hier Qualitätsunterschiede gibt: die Kritiken Kerrs waren subjektiv, aber gleichzeitig stets scharf analytisch, der zu rezensierende Gegenstand stand immer im Zentrum. Der Kerrsche Humor, seine Lust an der Sprache und dem Fabulieren, die jeden seiner Texte auszeichnen, bleiben unerreicht. Trotzdem ist jene Parallele, die sich zwischen der Literaturkritik vor 100 Jahren und heute abzeichnet, ein interessanter, zu berücksichtigender Aspekt, der sich vielleicht unbeabsichtigt, aber sicher nicht zufällig herausentwickelt hat.