Alte neue Denkräume: Die Benjamin-Brecht-Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste

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Treffen sich zwei Intellektuelle zum Schachspielen … So könnte auch ein schlechter Gelehrtenwitz beginnen. Gemeint sind in diesem Fall aber niemand geringeres als einer der wichtigsten Denker der Moderne – Walter Benjamin – und einer der bedeutendsten deutschsprachigen Literaten des 20. Jahrhunderts – Bertolt Brecht. Ihrer Freundschaft und dem gemeinsamen Schaffen hat die Akademie der Künste in Berlin nun eine Ausstellung gewidmet.

Ein Glücksfall, denn wer hätte die derartig komplexe und dicht verwobene Beziehung von Benjamin und Brecht besser begeh- und begreifbar machen können, als die Akademie der Künste, die nicht nur das Walter-Benjamin-Archiv, sondern auch das Bertolt-Brecht-Archiv besitzt?

In Empfang genommen wird man im Eingangsbereich von zwei überdimensionalen Portraits der beiden Protagonisten. Der erste Ausstellungsraum beleuchtet die Freundschaft aus der Perspektive der Außenstehenden: Die von der Decke hängenden, schlicht gestalteten Tafeln zeigen Fotografien von Benjamin und Brecht aus verschiedenen Jahren, in ähnlichen Situationen – am Schreibtisch, im Vorgarten –, aber nie gemeinsam. Begleitet werden die Bilder von Kommentaren der Zeitgenossen und Wegbegleitern, darunter Theodor W. Adorno, Gershom Sholem oder Hannah Arendt, die sich zur Freundschaft zwischen Brecht und Benjamin geäußert haben:

“Die Freundschaft Benjamin – Brecht ist einzigartig, weil in ihr der größte lebende deutsche Dichter mit dem bedeutendsten Kritiker seiner Zeit zusammenkam. Und es spricht für beide, dass sie dies wussten.“

Dass dabei im ersten Raum nur Reproduktionen zu sehen sind, kann als Kommentar auf Benjamins vielleicht bekanntestes Werk, „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ gelesen werden.

Die schlichten Holzwände, welche die thematisch angeordneten Vitrinen im zweiten Ausstellungsraum voneinander abgrenzen, erwecken in ihrer Anordnung auf den ersten Blick den Anschein von Bücherregalen. Es sind jedoch keine Bücher – die Privatbibliothek von Bejamin gilt im Übrigen als verschollen – sondern Archivalien, die von der Freundschaft zwischen Benjamin und Brecht zeugen und die „Aura“ aus Benjamins „Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“ beschwören, der sich wohl kein Besucher ganz entziehen kann.
Ausgestellt wird nicht nur Brechts Schachbrett, auf dem beide zahllose Partien austrugen, zu den interessantesten Stücken gehören die Notizen zum gemeinsamen Romanprojekt „Mord im Fahrstuhlschacht“ aus dem Jahr 1933, in dem ein pensionierter Richter als Ermittler im Zentrum stehen sollte. Die Fälle erdachte dabei Brecht, während Benjamin zunächst als persönlicher Assistent des Schriftstellers Tatmotive und Einfälle notierte und daraus eine Zettelsammlung in einem Briefumschlag anlegte.

Wo weder das Brecht- noch das Benjamin-Archiv explizite Zeugnisse des Diskurses bereit hielten, bringt die Ausstellung die Überlegungen beider zueinander, verknüpft Gedanken und Aussagen, die unabhängig vom anderen überliefert sind, aber zweifelsohne im Austausch miteinander erdacht wurden. Die Ausstellung möchte Benjamin und Brecht ins Gespräch, in einen Dialog bringen. Die Gespräche während der Schachspiele oder stundenlangen Telefonate, die nicht überliefert sind, werden so rekonstruiert.

Die Ausstellungsräume selbst sind dabei sehr reduziert. Man lässt bewusst Platz, um den, wie die der Titel verspricht, extremen Denkprozessen, die hier thematisiert werden, aber auch dem Besucher Raum für eigene Gedanken und Querverknüpfungen zu lassen. Der überdimensionale Denkraum von Benjamin und Brecht wird so konsequent in die Raumgestaltung der Ausstellung übertragen.

Ergänzt werden die mitunter noch unbekannten Originalobjekte und Manuskripte aus den Nachlässen von Walter Benjamin und Bertolt Brecht von einigen zeitgenössischen künstlerischen Arbeiten, die Themengebiete und Gedanken der beiden aufgreifen, neu denken oder aus der Gegenwart kommentieren.
Besonders ins Auge fallen dabei das ein wenig plakativ wirkende großformatige Gemälde „Parade of the Old New“, welches die Künstlerin Zoe Beloff nach Brechts Gedicht „Parade des Alten Neuen“ benannte und ein Schachbrettautomat, der eine der Partien zwischen Benjamin und Brecht rekonstruieren soll. Ebenfalls bemerkenswert sind die Holzschnitte von Steffen Thiemann, der die Notizen zum gemeinsamen Kriminalromanprojekt auswertete und in einen Graphic Novel übersetzte.

Auch wenn die zeitgenössischen Werke die Beziehung zwischen Benjamin und Brecht und ihren intellekturellen Dialog nicht unbedingt erhellen oder in ein neues Licht rücken, macht die Ausstellung im Ganzen doch eindrucksvoll deutlich, von welcher Bedeutung der Austausch dieser beiden Querdenker für ihre jeweiligen Werke war. Besonders viel Freude wird jedoch wohl trotz der umsichtigen Heranführung an die Leben beider im ersten Ausstellungsraum nur derjenige haben, der sich bereits vor dem Besuch der Akademie der Künste am Berliner Hanseatenweg mit den Werken von Benjamin und Brecht intensiv auseinandergesetzt hat.

Die Ausstellung „Benjamin und Brecht – Denken in Extremen“ ist noch bis zum 1. Januar 2018 zu sehen. Dienstags ab 15 Uhr ist der Eintritt übrigens frei!

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