Am Weltenrand: Helene Bukowskis „Milchzähne“

Postapokalyptische Romane kommen eigentlich nie aus der Mode, und trotzdem könnte man meinen, es erscheinen immer dann besonders viele neue dystopische Endzeit-Texte, wenn Zeitgeist und Gesellschaft verunsichert sind, sich in ihren Grundfesten bedroht fühlen. Dass gerade die Deutschen mit ihrer ‚German Angst‘ als besonders nervös gelten, hat unlängst Frank Biess in seiner Studie „Republik der Angst“ gezeigt, und so überrascht es kaum, dass gerade in den letzten Monaten einige Postapokalypsen den deutschsprachigen Literaturmarkt prägen. Nach Juan S. Guses Roman „Miami Punk“ kommt „Milchzähne“, der Debütroman von Helene Bukowski, mit seinen 250 Seiten fast schmal daher – und entfaltet ein postapokalyptisch-feministisches literarisches Endzeitgewitter, das sich sehen lassen kann.

Erzählerin Skalde – ihr altnordischer Name bedeutet ‚Poetin‘ und steht so programmatisch für ihre Rolle im Roman – wächst bei ihrer Mutter Edith in einem Haus voller Bücher mit Garten auf, das an den Wald grenzt. Innerhalb des Grundstücks ist das Mädchen frei, doch verlassen darf sie es keinesfalls: Das ist die einzige Regel. Erst kümmert sich die Mutter liebevoll um die Tochter, doch als diese ihre Milchzähne verliert, ist Skalde nicht mehr Ediths Verbündete, sondern „eine von ihnen“. Sie, das sind die Dorfbewohner, zu denen auch Skaldes verstorbener Vater zählte.

Du kannst von der Welt nicht erwarten, dass sie immer genauso ist wie in den Büchern.

Die eingeschworene Dorfgemeinschaft lehnt alle Fremden ab, denn bei ihnen ‚lässt es sich noch leben‘. Während rund herum Feuer wüten sollen und angeblich kein Mensch überleben kann, gedeihen in den Gärten der Dorfbewohner noch Obst und Gemüse, Kleintiere können gezüchtet werden, und sogar einige Konserven gibt es noch. Aus Angst vor Eindringlingen, die ihnen etwas wegnehmen könnten, haben die Bewohner vor vielen Jahren die Brücke über den großen Fluss gesprengt, der ihr Dorf mit der Außenwelt verband. Alle Fremden sind nicht erwünscht – und Edith ist eine Fremde.

Woher genau die Mutter kam, hat sie ihrer Tochter nie erzählt. Geschichten über die Ankunft der Mutter kennt Skalde nur von anderen Dorfbewohnern, die Edith nach wie vor als eine Aussätzige behandeln. Angeblich stamme sie vom Meer, was sich im Haus durch eine Sammlung von Ozean-Bildern und Perlmuttschmuck zu bestätigen scheint.
Innerhalb des Dorfes befinden sich Mutter und Tochter in der Peripherie – topographisch mit ihrem abseits gelegenen Waldgrundstück, aber auch sozial. Spätestens nach dem Skalde ihre Milchzähne verliert, wird Edith über diese Situation wahnsinnig. In manisch-depressiven Stimmungswechseln liegt sie entweder stundenlang apathisch in der Badewanne oder auf der Couch, oder schlachtet übermütig mehrere Kaninchen auf einmal für das Abendesssen.

Die Mutter-Tochter-Dynamik wird um eine Generation erweitert, als Skalde bei einem ihrer heimlichen Ausflüge in den Wald ein kleines Mädchen namens Meisis findet. Skalde bringt das Mädchen nach Hause und kümmert sich um sie – obwohl die Dorfregeln die Aufnahme von Fremden strengstens untersagen. Erst versucht Skalde die Anwesenheit von Meisis geheim zu halten, doch das Leben auf engem Raum kennt keine Geheimnisse. Als dann noch die Töchter eines anderen Dorfbewohners verschwinden, machen die Nachbarn Hexenjagd auf Meisis, Edith und Skalde. Nur wenn Meisis binnen zweier Monate ihre Milchzähne verliert und sich so als „eine von ihnen“ entpuppt, dürfen sie im Dorf bleiben bleiben.

Das Mädchen kann als Spiegelfigur, als Gegenstück zu Edith gelesen werden. Meisis’ ungewöhnlicher Name deutet bereits bei ihrem Auftauchen auf die figurative Verwandschaft zwischen Edith und dem rothaarigen Mädchen hin. ‚Meisis‘ kann, ähnlich wie der englische Vorname Maisie, als eine Koseform von Margarete (altgriechisch: Perle) gelesen werden und schlägt so den Bogen zum Perlmuttschmuck von Edith, verweist aufs Meer als gemeinsamen Sehnsuchtsort, der – so stellt sich am Ende heraus – Versprechen auf ein neues Leben ist.

Was Bukowski in insgesamt 77 kurzen, sehr dichten Kapiteln erzählt, ist nicht nur postapokalyptische Dystopie, sondern vor allem auch feministische Gesellschaftskritik. Feministisch ist dieser Roman nicht allein wegen den drei weiblichen Protagonistinnen, den zweieinhalb Generationen von Frauen, die ihr Überleben ganz allein sichern – sondern vor allem wegen der archaisch-patriarchalen Dorfstruktur, „in der das Recht des Stärkeren gilt und ominöse Sitten und Bräuche den Zusammenhalt sichern“, wie Richard Kämmerlings in seiner Besprechung in der Literarischen WELT bereits treffend bemerkte.

„Die Haare kommen mir schon sehr verdächtig vor.“

Die Jagd auf Meisis und Skalde gleicht einer mittelalterlichen Hexenverfolgung – Meisis’ rote Haare sind den Dorfbewohnern schon von Anfang an ein Dorn im Auge, sie bezichtigen sie als Wechselbalg, das für das Verschwinden der beiden Schwestern und den nahenden Untergang der Dorfgemeinschaft verantwortlich sein soll. Weil Skalde und Edith nicht einlenken und Meisis bei sich behalten wollen, sehen sich die Männer des Dorfs nicht nur von Meisis, sondern zunehmend auch von Skalde und Edith bedroht, die sich über die bestehenden gesellschaftlichen Regeln hinwegsetzen. Sie greifen zu misogynen Diskriminierungsstrategien, die an die misogynen Diffamierungen von Clinton im Trump-Wahlkampf erinnern, wie sie Kate Manne in ihrer Monographie Down Girl! beschreibt.

Und weil Dystopien immer auch ein bisschen Spiegel ihres Zeitgeists sind, klingen in der Abschottungsstrategie der ‚alten weißen Männer‘, die Angst vor der Fremde haben, natürlich auch die „Build that Wall“-Chöre von Trump an.
Was genau zu den postapokalyptischen Zuständen führte, in denen Skalde, Edith und Meisis nun leben, erzählt Bukowski nicht. Ob Klimawandel, ob Dritter Weltkrieg, ob nukleare Katastrophe – das alles spielt für Milchzähne keine Rolle, denn im Zentrum des Romans steht die Gesellschaft, das soziale Miteinander.
Bukowskis Debüt ist ein bisschen Coming of Age, ein bisschen Atwood, düster, melancholisch und unheimlich eindringlich in der präzisen, verknappten Sprache: ein poetischer, dichter Roman, den es sich zu lesen lohnt.


Wir danken dem Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar.