„Amazingly beautiful and terrifyingly alone“: Jacqueline Woodsons „Another Brooklyn“

Woodson-Another Brooklyn

Blickt man über den Tellerrand der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur auf jene Bücher, die auch international Erfolge feiern, zeigt sich, dass vor allem ein Thema Konjunktur zu haben scheint, das in der Literatur, die hierzulande entsteht, seltener thematisiert wird: Viele der erfolgreichsten Romane der letzten Jahre erzählen von Freundschaften zwischen Mädchen und Frauen. Allen voran Elena Ferrante mit ihrer Neapolitanischen Saga, aber auch Emma Cline mit ihrem Roman „The Girls“ oder Zadie Smiths neuester Roman „Swing Time“ sind in ihren Übersetzungen auch hierzulande sehr erfolgreich. Einer der großartigsten Romane über eine ‚female friendship’ wurde bislang noch nicht übersetzt: Jacqueline Woodsons „Another Brooklyn“.

I know now that what is tragic isn’t the moment. It is the memory.

Auch „Another Brooklyn“ erzählt, wie Ferrantes Romane, „The Girls“ oder „Swing Time“ aus der Retrospektive.
Anlass für das Erinnern an Kindheit und Jugend ist für die Mitte 30-jährige Ich-Erzählerin August, die als Anthropologin in der ganzen Welt zu kulturellen Todesriten forscht, die Rückkehr nach Brooklyn anlässlich der Beerdigung ihres Vaters. In der U-Bahn trifft sie zufällig auf Sylvia, eine ihrer besten Freundinnen aus Kindheitstagen – und flieht.

Im Alter von 8 Jahren verlässt August im Jahr 1973 zusammen mit ihrem Vater und ihrem vier Jahre jüngeren Bruder die bisherige Heimat Tennessee. Die Mutter, die, über den Tod ihres Bruders im Vietnamkrieg den Verstand verloren hat, mit dem Messer unter dem Kopfkissen schläft und seine Stimme zu hören glaubt, lassen sie zurück. Der Vater geht mit den Kindern in die Heimat seiner Kindheitstage, nach Brooklyn, wo er selbst aufwuchs.

Das Schicksal der Mutter wird über die knapp 200 Seiten des Romans nicht näher erörtert, obwohl die vergebliche Hoffnung, sie würde doch noch nach Brooklyn kommen, omnipräsent in den erzählten Kindheitserinnerungen ist und August in ihr das Vorbild einer starken Frau sieht. Ihre Mutter war diejenige, die vor ihrer Erkrankung in Tenessee die Pecanbaum-Farm ihrer Eltern bewirtschaftete, weil ihr Mann als New Yorker dazu nicht fähig war und ihr Bruder lieber studieren wollte. Sie zerbricht nicht nur am Verlust ihres Bruders, sondern auch am Verfall jener Farm, die nach und nach enteignet wird: „The government owns the pecan trees now. What had once been my family’s has been taken. By the government.“

Sylvia, Angela, Gigi, August. We were four girls together, amazingly beautiful and terrifyingly alone.

Mit dem doppelten Verlust – jenem der Mutter und jenem der Heimat – gehen die Familienmitglieder unterschiedlich um. Während der Vater Halt im Glauben sucht, sich von der Kirche ab- und der Nation of Islam Brothers zuwendet, findet August Halt in der Freundschaft zu drei Mädchen aus der Nachbarschaft. Gemeinsam bewegen sich Sylvia, Angela, Gigi und August unbeschwert durch das Brooklyn der 1970er Jahre. Sie haben große Träume, wollen Schauspielerin, Tänzerin oder Anwältin werden. Doch, so warnen die Erwachsenen, ihre dunkle Hautfarbe, die sie selbst als schön erachten, mache dies unmöglich:

The only curse you carry“, her mother said, „is the dark skin I passed on to you. You gotta find a way past that skin. You gotta find your way tot he outside of it. Stay in the shade.

At eight, nine, ten, eleven, twelve, we knew we were being watched.

Mit der Pubertät werden die vier von den Männern in ihrem Umfeld objektisiert und sexualisiert, gar sexuell belästigt und missbraucht. Männer, die ihnen in dunklen Hausfluren auflauern, Männer, die ihnen einen Dime anbieten, damit sie ihre Unterhosen zeigen, Männer, im Kirchenchor zu dicht hinter den Mädchen stehen – das alles klingt in den Erinnerungen der Ich-Erzählerin fast nebensächlich an, und wirkt, durch die Subtilität und Unausgesprochenheit, noch verstörender.

Auch das Brooklyn der 1970er Jahre hat nichts mit dem größtenteils gentrifizierten, hippen New Yorker Bezirk von heute gleich. Zum Straßenbild gehören Armut, Drogentote und Prostitution. Die weißen Einwandererfamilien verlassen reihenweise das Viertel.

We had blades inside our kneesocks and we’re growing our nails long. We were learning to walk the Brooklyn streets as though we had always belonged to them – our voices loud, our laughter even louder. But Brooklyn had longer nails and sharper blades.

Die, die sich entschließen, zu bleiben und die, die auch wenn sie wollten nicht weg können, träumen genau wie die vier Freundinnen, von einer besseren Zukunft und dem „anderen Brooklyn“:

Everywhere we looked, we saw the people trying to dream themselves out. As though there was someplace other than this place. As though there was another Brooklyn.

Am Ende der Erinnerung von August steht das dramatische Ende der Mädchenfreundschaft. Was scheitert, sind nicht, wie die Eltern es ihnen einzureden versuchten, ihre Lebensträume, sondern das, was sie für selbstverständlich empfanden: die gegenseitige, unbedingte Loyalität und Freundschaft.

Genau wie bei Ferrante, Cline oder Smith ist auch dieser Roman hochpolitisch und erzählt ganz existenziell davon, was es heißt, als – im Falle von Woodson und Smith –  woman of colour aufzuwachsen. Auch sprachlich ist dieser neuste Roman von Woodson, die mit ihrem Bestseller-Memoir „Brown girl dreaming“ in den USA Erfolge feierte, große Literatur. Die Sätze sind kurz, die Sprache ist reduziert, trotzdem voller Metaphern und hoch lyrisch: Es ist bemerkenswert, wie Woodson es schafft, mit so wenig Worten ein derartig scharfes Bild einer Kindheit, einer Epoche, einer Stadt und einer Gesellschaft zu zeichnen. Es bleibt zu hoffen, dass „Another Brooklyn“ in einer ambitionierten Übersetzung bald auch den Weg in die deutschen Buchhandlungen finden wird.

2 Kommentare

  1. Darum mag ich deinen Blog so gerne. Finde hier immer wieder spannende Bücher, über die ich sonst nicht gestolpert wäre. Danke :)

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