André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“: Nur Eitelkeit auf Erden

Skizze eines Sommers

Und täglich grüßt das Murmeltier: keine Longlist des Deutschen Buchpreises ohne seinen DDR-Roman. Das ist kein Grund zu klagen, schließlich gehört die ostdeutsche Republik zur gesamtdeutschen Vergangenheit. Doch André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“ erinnert in frappierender Weise an Peter Richters „89/90“, das im letzten Jahr einen Platz auf der Longlist bekam. Daher drängt sich die Vermutung auf, dass hier per Quote Romane ausgewählt werden, jedem Genre sein Plätzchen, schließlich soll auch für jeden Leser etwas dabei sein. Auch sonst ist bei Kubiczek alles typisch Buchpreis 2016: ein handwerklich solider, völlig harmloser Roman, der den Leser weder herausfordert, noch in Frage stellt; ihn am emotionalen Schlafittchen packen möchte, ohne die wirklich wunden Punkte zu berühren.

Ich glaube, es war dieser Moment, in dem ich kapierte, dass es beim Alkohol nicht um den Geschmack ging, sondern um das gute, warme Gefühl im Bauch.

René, seines Zeichens Ich-Erzähler des Dargebotenen, hat den jugendlichen Jackpot gezogen: sein im diplomatischen Dienst arbeitender Vater ist über die Sommerferien unterwegs und lässt den Sechzehnjährigen mit einem Batzen Geld zuhause, im Potsdam des Jahres 1985. Das Ende der DDR ist in dieser Zeit noch nicht abzusehen, „Skizze eines Sommers“ ist daher kein Wenderoman, auch wenn politische Frühlingsgefühle hier und da aufscheinen. Renés Sommer soll einer der großen Gefühle werden, im positiven, wie im negativen, denn der Tod der Mutter überschattet die Zeit der Freiheit. Die Melancholie ist bei Kubiczek jenes Grundgefühl, das die Euphorie der großen Gefühle erst ermöglicht: „Keine Ahnung, wer zuerst zu wem kam, die Melancholie zu mir oder ich zur Melancholie. Aber eines stand fest: Seit einem Jahr war sie da. Und das andere: Sie ging seitdem nicht mehr weg.“

„Wir rauchen eine vor der Kaufhalle“, sagte Michael, „und dann sehen wir weiter.“

„Skizze eines Sommers“ ist ein Coming of Age-Roman in der DDR und über das was möglich ist, wenn man sich der elterlichen Aufsicht entzieht. Möchte man das als Parabel lesen, ist das einer der wenigen politischen Momente dieses Textes, ansonsten ist die ostdeutsche Republik vor allem etwas miefig, meist schrullig geschildert: „Nur durch den letzten lukultischen Tunnel waren wir noch nicht gekrochen: Spaghetti in Tomatensauce aus dem Glas. Ich sage euch, wer die einmal gesehen hat im Kaufhallenregal, vergisst das sein Lebtag nicht.“ Die meiste Zeit hängt René mit seiner Dreierclique rum, sie rauchen, sie streunen, sie sind jugendlich. Dreh- und Angelpunkt sind die wöchentlichen Besuche in der Tanzbar „Orion“, die für René auch ein Schlüsselmoment bereithält: er erblickt die zu diesem Zeitpunkt nur „große Schwester von Fritzi“ genannte Victoria.  Die Liebe entflammt so schnell wie sie auch wieder vergehen muss, denn Victoria verreist über die Sommerferien.

Die Friedensparolen und Parolen überhaupt gingen bei mir zum einen Ohr rein und kamen zum anderen sofort wieder rausgeschossen.

Die Trauer darüber ist jedoch von kurzer Dauer, René lernt Bianca kennen und verbringt mit ihr einen Großteil des Sommers. Doch auch das vergeht, so wie in diesem Roman alles vergeht, alles ist flüchtig. Mit dem Tod der Mutter auf fundamentale Weise auf die Flüchtigkeit der Dinge hingewiesen, bildet Renés melancholischer Resonanzkörper Baudelaires „Blumen des Bösen“ und die Lyrik Paul Celans. Dazu im krassen Gegensatz steht der Alltag der Jungenclique: „Wir rauchten hin und wieder eine Zigarette, und wir führten kleine nutzlose Gespräche, deren einziger Zweck es war, ab und zu die Stimme des anderen zu hören.“ Adoleszenz bedeutet bei Kubiczek vor allem Arbeit am Gestus. Im Text wird Seite nach Seite dem Rauchen gewidmet, begleitet von dem übermäßigen Konsum von Cola mit Napoleon Cognac. Wer als junger Mensch was darstellen will, muss sich darstellen und ihre Bühne ist der „Orion“-Club.

Neben dem Referenzsystem der Weltliteratur lebt der Roman vor allem von der Rock- und Punkmusik der Achtziger, aus der auch der Titel entlehnt ist. Sie wird nicht nur zum Soundtrack Renés Sommer, sondern zur Schule intimer Sprache:

„Das ist Liebe“, sagte ich und zeigte hoch in den Himmel, der schon ziemlich dunkel war, „denn die Liebe ist eine große Macht von oben, musst du wissen.“
„Ey, das ist doch von Frankie goes to Hollywood“, sagte Victoria und lachte.

Das ist eine Textstrategie, die auch schon der angesprochene Peter Richter für seinen DDR-Text gewählt hat und man aus dem Pop-Roman kennt. Kubiczek begnügt sich damit in diese Tradition zu treten, ohne sie zu variieren oder konterkarieren.

Es war dieses Nie wieder, das mich ganz krank machte.
Nie wieder mit Bianca!

André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“ ist kein schlechter Text, er befolgt das Rezept für einen erfolgreichen Roman bis ins Detail: Ein bisschen Weltliteratur, um den anspruchsvollen Leser mitzunehmen, etwas Punkrock für die Alternativen, DDR für die Nostalgiker und jede Menge Emotion für die Bindung an das Erzählte. Daher liest sich „Skizze eines Sommers“ auch, als hätte die Jury des Deutschen Buchpreises den Roman eigenhändig im Kessel zusammengebraut. Es wäre der perfekte Gewinner des Wettbewerbs, auch weil es die komplette Antithese zum letztjährigen Gewinner Frank Witzel wäre. Während Witzel sich zur Unlesbarkeit ausprobiert hat, wurde hier so lange an der Oberfläche poliert, bis jede Widerständigkeit verloren ist. Mit Literatur wie dieser scheint die diesjährige Jury die Klagen von Kulturbetrieblerinnen wie Felicitas von Lovenberg erhört zu haben: „Skizze eines Sommers“ ist so unanstrengend und bequem, dass man wunderbar viel davon verkaufen kann.


Weitere Besprechungen gibt es auf dem Buchpreisblog.