Andreas Guskis „Dostojewskij“: Der Anti-Europäer

Die erste, aber vielleicht einzige Nebelkerze zündet Guski direkt am Anfang: „Dostojewskij ist ein Autor der Krise. Für die Helden und Handlungen seiner Romane gilt dies ebenso wie für die Konjunkturen seiner Rezeption.“ Alles ist momentan ein Etwas der Krise (man hörte den Ausdruck sicherlich auch hier schon), ganze germanistische Vorlesungsverzeichnisse schreiben sich mit Seminaren wie „Figuren der Krise“, „Literatur der Krise“ und „Autoren der Krise“. Dabei ist das eigentlich ein Gemeinplatz, denn wenn das Werk eines Autors nicht die Krisenmomente seiner Zeit mit aufnimmt, wenn auch nur indirekt, dann ist es kaum der Rede wert, sondern eine der Aufgaben einer Literatur, die sich nicht in weltfremden Ästhetizismus flüchtet. Aber Schwamm drüber, auch wenn Guski bei seinem Label, das er Dostojewskij anheftet, danebenhaut, hat er eine fabelhafte Biographie geschrieben, die er in seinen Beobachtungen sonst sehr treffsicher bleibt.

Ganz zurecht stellt Guski fest, dass sich mit Dostojewskij paradigmatische Auseinandersetzungen der Moderne beschreiben lassen: „So wie Dostojewskij die kulturellen Krisen Russlands und Europas im 19. Jahrhundert literarisch auf den Punkt gebracht hat, treffen seine Werke noch immer wunde Stellen unserer (post)modernen Welt: das Verhältnis von Wissen und Glauben, von Leib und Seele, von Individuum und Gesellschaft, von Gesellschaft und Gemeinschaft, von nationaler und transnationaler Identität, um nur einige zu nennen.“ Darüber hinaus muss man jedoch auch betonen, dass sich an Dostojewskijs Leben entlang auch zentrale Umbrüche im Literaturbetrieb und das Verhältnis Russlands zur Welt erzählen lässt.

Auch Dostojewskij hatte von einer literarischen Karriere geträumt, und er träumt noch immer von ihr.

Denn als Dostojewskij, so beschreibt Guski, seine literarische Karriere startet, tritt er in eine literarische Öffentlichkeit, die gerade ihre Spielregeln ändert. Etwas verspätet bildet sich im Russland des 19. Jahrhunderts eine bürgerliche Schicht heraus, aus der nun wiederum Literaten heraustreten: „Demgegenüber gehören Russlands Dichter bis ins 19. Jahrhundert hinein entweder dem vermögenden Adel an oder sind Staatsdiener. Literatur ist eine Freizeitbeschäftigung, kein Beruf.“ Mit dem Aufkommen des Berufsschriftstellers setzt eine seichte Demokratisierung der Kunstproduktion ein, auf der anderen Seite bedeutet das Hineindrängen junger Schriftsteller in den Markt auch erhöhte Konkurrenz: „Als Arbeit wird Literatur zwangsläufig zum Schreiben unter Druck. Es wird lange dauern, bis Dostojewskijs dies erkennt, und noch viel länger, bis er es anerkennt.“

Das Wort ‚Dienst‘ (russ. sluschba) hat für Dostojewski […] die Konnotation ‚deutsch‘.

Dostojewskij wird zu einem Vorreiter dieser Entwicklung: „Dostojewskij sollte – lange Zeit ohne sich dieser Rolle bewusst zu sein, geschweige denn sie anzustreben – in Russland zum Pionier jener ‚Industrie‘ […]“ werden und gleichzeitig widerstrebt ihm diese Entwicklung. Geld, das kommt nicht mehr vom Mäzen oder vom fürstlichen Hof, sondern vom Verleger und letztendlich vom Leser, das hart erkämpft werden muss. Das weiß kaum einer so gut wie Dostojewskij, der immer ein Leben in Schulden führt: „Nun hat Dostojewskij ständig bei irgendwem Schulden; ein Leben ohne Schulden kennt er überhaupt nicht.“ Das wird von seiner manischen Spielsucht unterstrichen, die ihn in deutschen Kurstädten regelmäßig bis an die Grenze des Ruins führt: „Wiesbaden wird zum Fiasko. Schon am ersten Tag verspielt Dostojewskij sein gesamtes Geld und kann das Hotel nicht mehr bezahlen.“

Für ihn persönlich stellt das Freudenhaus doch kein moralisches, sondern ein finanzielles Problem dar.

Doch dass es überhaupt zu dem Punkt kam, dass sich Dostojewskij um Geld und Leserschaft Gedanken machen konnte, war gar nicht so wahrscheinlich. Guski macht mehrere entscheidende Punkte in seinem Leben aus, die er für wegweisend hält: Seine erste Erfahrung mit Gewalt, einen rüpelhaften Feldjäger, der einen Kutscher malträtiert („‘Meine erste persönliche Kränkung, Pferd, Feldjäger.‘“), der Tod seiner ersten Frau und vor allem seine erste Verbannung nach Sibirien bzw. was dem vorangegangen ist. Denn Dostojewskij wird zusammen mit vermeintlichen Verschwörern, mit denen er eine subversive Gruppe bildet, zunächst zum Tode verurteilt. Nur macht die Exekution kurz vor der Durchführung halt – eine Scheinexekution. Sie stellt, so Guski in der Interpretation Dostojewkijs Äußerungen dazu, seine Welt auf den Kopf und besiegelt die Hinwendung zum glühenden Nationalismus: „Die Begnadigung ist für ihn mehr als Lizenz zum Weiterleben. Sie wird zur metaphysischen Erfahrung, zur ‚Wiedergeburt in eine neue Form‘, zu einem Gleichnis […]“

Kinder spielen eine Schlüsselrolle in Dostojewskijs Werk, doch über seine eigene Kindheit schweigt er beharrlich. Überhaupt gibt er nur wenig von sich preis.

Nachdem Dostojewskij die bitteren Jahre am asiatischen Ende Russlands in staubverwirbelten Provinzstädten hinter sich gebracht hat, vollzieht er eine paradoxe Bewegung: Während es ihn geistig hinein ins russische Herz der orthodoxen Mystik und politischen Slawismus zieht, verbringt er mehr und mehr Zeit im Ausland, was bei ihm nicht etwa zu mehr Weltoffenheit führt, sondern seinen Hass, vor allem Deutschenhass, noch mehr verstärkt: „Der mehr als vierjährige Aufenthalt in Deutschland, Italien und der Schweiz gibt Dostojewskijs antieuropäischen Ressentiments neues Futter und verleiht seinen Attacken gegen den dekadenten Westen das Gütesiegel ‚unmittelbarer Erfahrung‘.“ Zu welch Irrsinn dieses Ressentiment führen sollte, will Guski auch in der Dostojewskij-Rezeption erkennen:

Für den Pazifisten Tolstoj zählt der Krieg zu den Ursünden der Menschheit, für Dostojewskij ist er eine moralische Frischzellenkur, da er Tugenden wie Mut, Ehre und Opferbereitschaft fördere, die in Friedenszeiten an Auszehrung litten. Argumente dieser Art machen begreiflich, weshalb Chefideologen des Nationalsozialismus wie Alfred Rosenberg und Joseph Goebbels so begeisterte Dostojewskij-Leser waren.

Hinter all diesen vielen spannenden soziopolitisch-kulturellen Kontexten verschwindet bei Guski jedoch nie das Werk des Jahrhundertautors, das sich nach langen Schwierigkeiten und Kämpfen um öffentliche Anerkennung schließlich mit Romanen wie „Der Idiot“, „Die Dämonen“ oder „Die Brüder Karamasow“ in Höhen emporreckt, die in Russland zu dieser Zeit nur mit seinem Rivalen Tolstoj vergleichbar war. Manchmal fragt man sich zwar, warum Guski sich dafür entscheidet, so tief in die Zusammenfassung einzelner Texte zu gehen, von denen es wahrlich genug gibt. Das ändert jedoch nichts daran, dass Guskis „Dostojewskij“ all das auf großartige Weise leistet, was eine gute Biographie leisten sollte: Sie ist ganz nah beim Autor und weist gleichzeitig weit über ihn hinaus.


Wir danken C.H. Beck für das Rezensionsexemplar.