Andreas Maiers „Der Kreis“: „Haus. Stille. Gardinen. Ich.“

Processed with Snapseed.

Im schnelllebigen Literaturbetrieb ist Andreas Maier eine echte Konstante. Während ein Debüt das nächste Debüt jagt, Autoren mal Historienromane, mal Science-Fiction-Dystopien veröffentlichen, schreibt Maier mit mönchischer Gelassenheit seit Jahren an seiner autobiographischen Romanreihe oder wie er es nennt: der Ortsumgehung. In den letzten Bänden ging es um die geistige Vermessung des Elternhauses, Onkel J., den romantischen Ersterlebnissen und der Aneignung einer eigenen Sprache, geschult an der Bravo. So wie sich das Leben beim Aufwachsen immer weiter öffnet, entfaltet sich auch Maiers Romanzyklus: von der kleinsten Einheit des Hauses, dem Zimmer, bis nun mittlerweile zum Kreis. In diesem neusten Band erwacht im Ich der Schriftsteller.

In nahezu jedem von Maiers Romanen entdeckt der Ich-Erzähler einen neuen Raum im Familienhaus. Mal ist der Keller, in dem der Bruder Modelle baut, nur damit seine Schwester sie in ihrer kindlichen Zerstörungswut verwüstet, mal das Esszimmer, in dem die regelmäßigen Familienessen zur Schule von sozialen Umgangsformen werden. In „Der Kreis“ betritt die Narration die elterliche Bibliothek, in der das Ich erste literarische Erfahrungen macht und dem Klavierspiel der Mutter lauscht. Der Roman beschreibt die Formung erster ästhetischer Erfahrungen, das Entwickeln erster literarischer Geschmäcker und den Gang durch kindliche Mythen, die von Wirklichkeit erfüllt werden: „Ich dachte immer an geheimnisvolle, hochwissenschaftliche Dinge, die in dem Zimmer geschähen, wenn sie darin saß.“

Ich blätterte es bisweilen durch, es war nach Wörtern geordnet, von A bis Z, aber die Wörter sagten mir nichts. Manche klangen ganz einfach. Sein. Aber ich wußte nicht, was es zu Sein zu sagen gäbe.

Maier lässt seinen Roman mit folgendem Satz beginnen und bestimmt damit das strukturgebende Prinzip seines Textes: „Der Kreis hat keinen Anfang und kein Ende, kein Vorne und kein Hinten, und wenn man ihn als Band zur Möbiusschleife bindet, auch kein Innen und Außen.“ Der Kreis als Struktur, in der es kein Innen und kein Außen gibt, ist am Anfang des Romans noch nicht gegeben. Das kindliche Ich erlebt die Welt als dichotom und mystifiziert. Diese Weltsicht verdichtet sich in den regelmäßigen Besuchen der Mutter bei dem hessischen Dichter Fritz Usinger. Der Lyriker zog sich am Ende seines Lebens in den Adolfsturm der Friedberger Burg zurück und galt seitdem als weiser Mann im Turm. Der Ich-Erzähler schildert, wie die Mutter in größter Anspannung zu den Audienzen fährt, manchmal auch kurz vor dem Ziel wieder umdreht. Für das Kind formiert sich darüber das Bild von Literaten: abseits von der Welt leben sie in Burgen, sind unerreichbar und in Geheimnis gehüllt: „Ich nahm das damals alles einfach so hin, diese comic-hafte Dichotomie der Welt, die mir Usinger in die Burg als Sagengestalt hineinzeichnete.“

Mir schien dieser Ort geradezu heilig zu sein. Heilig, denn dort wohnte ein Dichter. Er war summa summarum der erste Schriftsteller in meinem Leben.

Ähnlich klare Unterscheidungen durchziehen auch eigene künstlerische Erfahrungen: „Musik unterschied sich in wahr und falsch.“ Die elterliche Bibliothek wird zum Wissenshorizont, der den Blick gleichzeitig öffnet und in seinen Grenzen geschildert wird: „Über Helmut Schmidt stand darin, daß er Finanzminister gewesen war. Insofern hielt ich die Kanzlerschafts Schmidts noch nicht für wirklich gültig, sondern bloß vorläufig. Welt wurde etwas, wenn es im Lexikon stand.“ Das Ich ist gerade von diesen Büchern angezogen, zu dem sich besonders bildliche Assoziationen zum Autor einstellen. Jene Bücher, die – wie ein Schulbuch – in mehrfacher Ausführung herumliegen und ohne Autor auskommen, entziehen sich der Mystifizierung des Buches, wirken künstlich: „Aber ich hatte kein Mitleid mit dem gelbroten Buch, denn es war ja nur ein Surrogat von Buch.“

Die Bücher meiner Mutter hatten etwas Stilles und Edles und erinnerten darin an Artus‘ Tafelrunde.

„Der Kreis“ ist ein Roman der Grenzüberquerungen. Die künstlerische Sphäre, die Maiers Ich in diesem Text entdeckt, wirkt zunächst vom eigenen Leben getrennt und unerreichbar. Die ästhetische Schulung in Literatur und Musik bewirkt zwar ein Erwachen, aber der Gedanke, selbst als Künstler tätig zu werden, ist nicht Teil einer Welt, in der Dichter in Burgen wohnen. Die Dichotomie der Welt löst sich erst auf, als der Ich-Erzähler bei einer Schulaufführung unter anderem auf den mittlerweile Welterfolge feiernden René Pollesch trifft. Der damals noch unbekannte, dem Erzähler ähnelnde junge Mann führt die so simple wie grundlegende Wahrheit vor Augen: „Daß man selbst dorthin kommen kann, auf die andere Seite.“ Dass es da einen Weg auf die andere Seite gibt, ist vielleicht die fundamentalste Erfahrung einer Adoleszenz, die Maier nun in mittlerweile fünf Romanen schildert. Auch in „Der Kreis“ erreicht Maier gewohntes Niveau, auch wenn ein paar wenige Teile des gewohnt kurzen Texts im Vergleich abfallen. Wie nach jeder Andreas Maier-Lektüre ist die beste Nachricht daher: dieses Projekt ist noch lange nicht an seinem Ende angekommen.


Wir danken Suhrkamp für das Rezensionsexemplar.

Kommentar verfassen