Andreas Mosters „wir leben hier, seit wir geboren sind“: Wir, Ich und das Andere

wir leben hier, seit wir geboren sind (1)

Die Gegenwartsliteratur ist fest in der Hand eines tristen Realismus‘. Die ganze Gegenwartsliteratur? Nein, ein paar wenige leisten Widerstand. Doch die großen Helden unserer Tage sind die Knausgards mit ihren realistischen Klogangchroniken, die Glavinics und Meyerhoffs. Wiedererkennen möchte sich der Leser in diesen meist autobiographischen Stoffen, anschlussfähig soll es sein, an die eigene Lebenswelt. Früher hat die Literatur einmal die Aufgabe übernommen, den Leser mit dem Fremden zu konfrontieren, heute ist gute Literatur jene, die einen Alltag vorführt, der genauso öde ist, wie der des Lesers. Dabei ist es gerade die Fähigkeit der Kunst, dem Konsumenten mit Differenzerfahrungen zu konfrontieren, ihre große Leistung – wie Gesellschaften reagieren, die den Umgang mit dem Fremden verlernt hat, sieht man im Europa dieser Tage. Weil Andreas Moster, Übersetzer und Romandebütant, es wagt, die Literatur an den Punkt des Unbekannten zu führen, ist ihm ein echter Wurf gelungen.

Die intensivste Erfahrung mit der Fremde liegt an der Schwelle zu diesem Text – sowohl auf der Seite des Lesers, wie auch auf jener der Figuren. Der Leser betritt eine Welt, die sich ihm verweigert, keine Namen, keine Geographie preisgibt und auf der Ebene der Erzählung betritt ein Mann ein Dorf, den keiner dort kennt, den keiner erwartet hat. Beäugt von einer Gruppe Mädchen, die sich auf einer Mauer reiht, führt er sich mit einer Störung der Ordnung ein: „Sie haben nichts zu tun, ihre Langeweile liegt in der schweren Luft wie ein Gewitter, ihre Hände liegen zwischen den Beinen, während sie den Mann beobachten, der an der weißen Mauer entlanggeht und die Steine umdreht.“

Natürlich bemerkte Georg Musiel, dass das Mädchen ihm folgte.

Im Laufe des schmalen Buches, das Andreas Mosters Debütroman ist, kommt etwas Konkretion in die Handlung, der Mann, aus dessen Sicht der Roman teilweise geschildert ist, entpuppt sich als Georg Musiel, der in das Dorf gekommen ist, um die Wirtschaftlichkeit des örtlichen Steinbruchs zu bewerten. Die Grundkonstellation – ein Fremder kommt ins Dorf und damit kommt die große Welt ins Kleine – teilt der Text mit anderen Romanen; man denke nur an den Richter, der in „Hundert Jahre Einsamkeit“ nach Macando kommt. Der Roman erzählt sehr behutsam; die Benennung der Welt, die Dinge müssen erst fassbar werden. So fängt die Mädchengruppe nach den ersten Kontakten mit Georg an, den Mann zu zeichnen, der ihre Aufmerksamkeit erregt hat – jede ein Körperteil, denn die Mädchen sind zu Anfang selbst nur Gruppe, ihnen fehlen die Namen und damit die Individualität.

Der plötzliche Tod seiner Mutter, das langsame Sterben seines Vaters. Zwischen diesen beiden Enden lag eine Wahrheit, die er nicht verstand.

So schält sich ein Mädchen nach dem nächsten aus der Gruppenkonstellation und wird als einzelne sichtbar. Während der Text am Anfang noch in einem ständigen Wir („Wir werden eine Mauer bauen. Wir sind ein Körper mit fünfzig Händen.“) operiert, kommen immer mehr Ichs dazu. Zunächst erscheint das Dorf noch als ein organisches Wesen, aus dem höchstens einzelne Teile zaghaft hinauswachsen, später ist das Dorf nur noch die Ansammlung einzelner. In der Anschauung des Anderen konstituiert sich das eigene Ich, das gilt für die Figuren, aber auch für den Erzähler, der sich auf alle Seiten schlägt, rochiert, teilweise in Sekundenschnelle: „Die Mädchen können ihn ausweiden, bei lebendigem Leib. Aber wir tun nichts.“

Ich weiß nicht, was geschehen wird, wenn er hierbleibt, wenn er nicht geht, das Dorf nicht verlässt.

Doch das, was Georg in den Mädchen auslöst, trifft im Dorf nicht nur auf Gegenliebe: „Georg, der Stachel im Fleisch des Dorfes.“ Seine Anwesenheit bedroht nicht nur das Selbstbild des Dorfes, das nicht wahrhaben möchte, dass ihr Steinbruch nichts mehr abwirft, sondern auch die Unschuld der Mädchen. Das plötzliche Interesse am Fremden der Mädchen ruft die Väter auf den Plan: „Mein Vater sagt: Ihr braucht euch nicht zu wundern. Ihr habt die Ordnung auf den Kopf gestellt, also wundert euch nicht.“ Die Situation eskaliert schließlich, die Mädchen sind vor die Wahl gestellt, gegen die Väter zu opponieren oder sich wieder in das dörfliche Gesetz einzugliedern.

„Und wie ist die wirtschaftliche Situation des Steinbruchs?“
„Schlecht. Aussichtslos.“

Andreas Mosters „wir leben hier, seit wir geboren sind“ geht mit einer ganz grundsätzlichen Erfahrung um: die Begegnung mit dem Fremden. Während sich durch den Neuankömmling bei den Mädchen ein neues Selbstbild entwickelt und die Konfrontation mit dem Anderen erst ein Ich herausbildet, nehmen die Väter Georg Musiel vor allem als Vorboten einer wirtschaftlichen Ordnung wahr, auf die sie nicht vorbereitet sind.

Doch bei allem, was der Roman Profundes zu der Auseinandersetzung mit dem Fremden sagen kann, das wirklich überzeugende an Mosters Text ist, dass diese Auseinandersetzung mit literarischen Mitteln ausgefochten wird. „wir leben hier, seit wir geboren sind“ muss sich zu keiner Zeit erklären, Änderungen in der Psychologie der Figuren werden subtil auf der Erzählebene vollzogen. Der Leser muss dadurch selbst eigene Fremdheitserfahrungen mit dem Text machen, das Gesagte wechselt abrupt seinen Ursprung, wehrt sich gegen eine plumpe Identifikation mit den Figuren. Moster geht das Wagnis ein, eine Literatur zu schreiben, die dem Leser vor den Kopf stößt und geht als Gewinner aus der Sache hervor. Als Verlierer stehen jene am Rand, die die Literatur als Durchlauferhitzer für ihren Narzissmus missverstehen.


Wir danken dem Eichborn Verlag für das Rezensionsexemplar.

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