Andrzej Stasiuk: Die Tektonik des Ostens

Der Osten

Die Losung Heinrich Himmlers „Der Osten gehört der SS.“ ist der grausame Höhepunkt europäischer Großmachtphantasien. Die Nationalsozialisten wollten in Osteuropa all das verwirklichen, was sich ihre Chefideologen an Spinnereien ausgedacht hatten: Das deutsche Volk hatte zu wenig Raum, deswegen musste Platz geschaffen werden. Was dann folgen sollte, war die perfekte, natürlich deutsche, bäuerliche Gesellschaft – arisch und naturverbunden. Der Osten Europas war schon immer Ort großer Umwälzungen und heikler politischer Projekte. Wer nachvollziehen will, wie deutsche Generäle schon während des Ersten Weltkriegs ins Schwärmen kamen, als sie über die deutsche Zukunft im Osten nachdachten, der lese Arnold Zweigs „Der Streit um den Sergeanten Grischa“. Das letzte Projekt, das Eurasien übergestülpt wurde, war der Kommunismus. Die Schaffung des neuen Menschen hat jedoch Trümmerlandschaften zurückgelassen, durch die Andrzej Stasiuk in seinem neuen Text „Der Osten“ gezogen ist.

Stasiuk ist Pole und Polen ist auch der Ursprung aller Überlegungen: In Form eines LPGs präsentieren sich dem Ich-Erzähler die verschütteten Reste der kommunistischen Vergangenheit, die als still akzeptierte Fremdkörper in einem Land verweilen, dass sich schon wieder einmal neu erfunden hat. Denn wie schwierig dieses Polen zu greifen ist, wird jedem klar, der nur einen Blick auf politische Landkarten Europas verschiedener Epochen wirft. Wohl kaum ein Land wurde so oft geteilt, neu konstituiert und zerschlagen. Über Polen nachdenken heißt erst einmal zu spezifizieren, welches Polen gemeint ist: Das Königreich Polen-Litauen, Kongresspolen, die Zweite Republik, die Volksrepublik Polen oder das heutige demokratische Land, das bereits wieder dabei ist, seine politische Verfasstheit grundlegend zu verändern. Stasiuk, der im Realsozialismus aufgewachsen und mit dessen Regime in Konflikt geraten ist, weiß um diesen Umstand. Deswegen entscheidet er sich Polen an den Orten zu suchen, von denen es beeinflusst wurde: „Im Jahr 2006 fuhr ich zum ersten Mal nach Russland, weil ich das Land sehen wollte, in dessen Schatten meine Kindheit und Jugend vergangen waren.“

Das Zitat Das Kollektive hatte das Individuelle aufgefressen.

Dieses Land, das einen so langen Schatten über Stasiuks Heimat geworfen hat, endet erst, wenn aus Osten fast schon wieder Westen geworden ist. Und so führt der Text den Leser von Polen bis ins weit entfernte Kamtschatka. Ein leitendes Prinzip gibt es dabei nicht. Das Ich – das nur „Ich“ genannt werden muss, weil der Verlag durch die Bezeichnung „Roman“ eine narratologische Unsicherheit in den Text gebracht hat – fährt immer dort hin, wo es hingetrieben wird. Doch was sich durchzieht ist ein grundsätzliches Interesse für Orte des Zerstört- und Bedrohtseins: Verlassene Dörfer, die in dem Moment keine Zukunft mehr hatten, als der Staat sie nicht mehr lebendig subventionierte und Grenzstädte, die unter den Einfluss des aufstrebenden Nachbarn China zu fallen drohen: „Aber die wichtigste Botschaft der Stadt Manzhouli war: ‚Russland, du hast keine Chance.‘“

Am Anfang ist es ein Gefühl, als würde die Geographie dich verarschen.

Dies ist eine der Pointen Stasiuks: Polen lässt sich nicht nur durch die Brille Russlands verstehen, in Russland vollziehen sich auch zeitversetzt die gleichen Prozesse. Das frühere Imperium, das einst mit eiserner Hand die Geschicke Polen lenkte, ist an seinen Rändern ausgefranst und fremden Einflüssen ausgesetzt. Auf seinem Weg begegnen dem Erzähler die verschiedenen asiatischen Volksgruppen Russlands, Vietnamesen und Chinesen prägen das Erscheinungsbild, je näher man dem Pazifik kommt. Fortbewegt wird sich – wie könnte es anders sein – unter anderem mit der Transsibirischen Eisenbahn. Doch bei Stasiuk bleibt von der einstigen Magie nicht mehr viel übrig. Die Reise wird als das entlarvt, was die Werbemaschinerie verschweigt: Eine mehrtätige, unbequeme Reise durch teilweise tristes, mindestens ödes Land.

Krasnokamensk erwies sich als totales Kaff.

Die Öde ist auch das, was die Beobachtungen des Ichs konfiguriert. Der Text ringt sich jedes zu findende Farbadjektiv ab, das die bleierne, dunkle Atmosphäre bestimmen kann, die geschildert werden soll. Die jahrzehntelange Politur namens Kommunismus wird in den einzelnen Ortsbeschreibungen langsam abgetragen, bis darunter die Leere der sibirischen Steppe zum Vorschein kommt. Mit dem Verweis auf die vielen Eroberer Russlands – von Dschingis Khan bis Napoleon – wird schließlich sichtbar: Die leere, undefinierte Landschaft musste zwangsläufig zur Projektionsfläche verschiedener Mächte werden. So kommt ein Schreiben, das genau diese Leere unter dem Geröll der Ideologien hervorbringen will, an seine Grenzen: „Ulaangom, was kann man über Ulaangom schreiben…“

Ich möchte, dass sie von früher erzählt. Mit der Gegenwart werde ich allein fertig.

Das ist es, worum es in „Der Osten“ in Wirklichkeit geht: Der Verlust von Traditionen und damit immer auch der Verlust der Erzählungen. Das Schildern des Ostens, was hier immer ein Schildern Polens bleibt, zeigt Gesellschaften, deren kulturelles Fundament nach den Zerstörungsorgien vergangener Epochen abgesunken ist und die nach den ideologischen Experimenten des 20. Jahrhundert schließlich mit der Leere zurückbleiben, die sich der Landschaft spiegelt, die sie bewohnen: „Ich schreibe nicht über die Juden. Ich schreibe über uns. Über die, die geblieben sind. Darüber, dass wir den Raum ausfüllen, aus dem sie verschwunden sind.“ Deshalb versucht Stasiuk, wie es bei ihm heißt, die „Schichten des Lebens“ unter der Politur des Kommunismus wieder hervorzubringen. Das gelingt ihm mit diesem Text, der durch seine melancholische, fast resignative Stimmung keine heitere, aber lohnenswerte Lektüre darstellt.


Wir danken Suhrkamp für das Rezensionsexemplar.