Anfang oder Ende? Julia Wolfs „Walter Nowak bleibt liegen“

Wolf-Walter Nowak bleibt liegen

Bei den 40. Tagen der deutschsprachigen Literatur im letzten Sommer las Julia Wolf in Klagenfurt ihren Text „Walter Nowak bleibt liegen“. Mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis wurde sie nicht ausgezeichnet, wohl aber mit dem 3sat-Preis. Nun ist unter dem gleichen Titel der vollständige Roman erschienen.

Walter Nowak ist gerade achtundsechzig geworden. Jeden Morgen um 8 Uhr ist er schon da, wenn das Schwimmbad öffnet, und schwimmt seine 1000 Meter – im Zweifel lieber eine oder zwei Bahnen zu viel, als nur eine zu wenig. Seine Firma, die Hebebühnen vertreibt, hat Nowak verkauft. Zu seinem Sohn Felix aus seiner ersten Ehe mit Gisela hat er kaum Kontakt. Seine zweite Frau Yvonne, die rund zwanzig Jahre jünger ist als ihr Mann und beim Radio arbeitet, ist im erzählten Jetzt, in dem Walter Nowak auf dem Boden seines Badezimmers liegen bleibt, verreist.

Da blitzt etwas auf, eine Ahnung, nein, ein Wissen, wie das ablaufen wird. Das ist der Anfang. Das ist das Ende. Von jetzt an geht es abwärts mit mir, nur noch abwärts.

Warum er liegen bleibt und was dazu führte, dass er überhaupt auf dem Badezimmerboden liegt? Das rekonstruiert Walter Nowak als Ich-Erzähler, der auf den knappen 150 Seiten des Romans auf einer zeitlichen Ebene die vergangenen 48 Stunden seit Yvonnes Abreise, immer wieder aber auch weiter zurück blickt und die entscheidenden Momente seines Lebens – von der Rückkehr des Großvaters aus der Kriegsgefangenschaft, die er im Kindesalter erlebte, über die Beziehung und Trennung zu seiner Ex-Frau Gisela und den besonderen Momenten mit seinem Sohn Felix – Revue passieren lässt. Erzählt wird als innerer Monolog im Präsens; die Erzählzeit ist die erzählte Zeit.

Die Verkettung von Ereignissen, die Walter in die Lage auf dem Fußboden gebracht hat, beginnt am Morgen des vorletzten Tages. Nach Yvonnes Abreise geht er wie jeden Tag ins Schwimmbad. Als er eine junge Frau im Nebenbecken entdeckt, die ihn an seine Frau erinnert, ist er so abgelenkt, dass er das Ende der Bahn verfehlt und mit dem Kopf am Beckenrand aufschlägt. Als er am Beckenrand wieder zu sich kommt, scheint er nur leicht verletzt. Bereits aber auf dem Weg nach Hause, scheint alles verändert.
Was folgt, ist ein Ausbrechen aus den gewohnten Bahnen. Kurzerhand wirft Walter den von Yvonne vorbereiteten Ernährungsplan für die kommenden Tage über den Haufen und zerlegt kurzerhand ein ganzes Wildschwein. Am nächsten Morgen steht er nicht wie gewohnt mit den ersten Sonnenstrahlen auf, sondern schläft bis Mittags, um danach vermeintliche Indizien zusammen zu tragen, die beweisen sollen, dass seine Frau ihn betrügt.

Ich steige in mein Auto, will nach Hause fahren, und das Nächste, was ich weiß, ich fahre auf der Umgehungsstraße, auf einmal ist klar, ich fahre in die Firma.

Es ist nicht recht klar, ob Walter Nowak so verwirrt ist, weil er – es gibt Wein und Bier – zu viel getrunken hat, weil der Unfall im Schwimmbad doch mehr Schaden angerichtet hat, als er zunächst denkt, ob es der oft inszenierte Rückblick auf das eigene Leben im Moment des Todes ist – oder vielleicht einfach schlicht eine unzuverlässige Erzählinstanz.

Himmel, Gemäuer, dahinter Ruine, alles grau, Mutter die einzige Farbe. Mit ihren Nägeln, dem roten Mund. Das Gesicht des Mannes, als er sich umdreht, grauer, Grauen.

Ähnlich ungewiss bleibt im Nachklang auch die Geschichte, die sich um Walters Vater umspannt. Dieser sei nämlich, folgt man den Erzählungen der Mutter, Elvis Presley höchstpersönlich. Als Walters Großvater aus der Kriegsgefangenschaft kommt, fordert er seine Tochter, das „Ami-Liebchen“ mit den geschminkten Lippen und lackierten Nägeln auf, Walter zur Adoption frei zu geben, er sei schließlich ein Bastard. Aber die Mutter steht zu ihm – Vertrauensbeweis genug für Walter, um die Identität seines Vaters nicht zu hinterfragen. Das übernimmt Walters Sohn Felix, dem Oma Lore die ganze Geschichte freimütig erzählt. Ob dies am Ende nur Projektion ist oder wirklich stimmt, bleibt offen.

Während der Lektüre rekonstruiert der Ich-Erzähler Walter nicht nur, wie es zum Erliegen auf dem Badezimmerboden kam, vielmehr schafft es Julia Wolf durch die Perspektive des Inneren Monologs besonders kunstvoll, eine beeindruckend runde Figur zu schaffen. Wer ein Bespiel für das narratologische Motto „Show, don’t tell“ sucht, kann hier fündig werden. Denn Walter beschreibt sich an keiner Stelle selbst, warum auch – er führt einen Monolog. Der Leser lernt ihn einzig durch seine Gedanken und Taten kennen. Sympathisch ist dieser Protagonist dabei übrigens nur bedingt. Walter Nowak ist konservativ, wahrscheinlich auch ein kleiner Chauvinist, und vor allem hat er Angst vor dem Alter und dem damit verbundenen Verlust seiner Männlichkeit.

Neben dem Bild rund um die alleinig im Zentrum stehende Figur von Walter, die sich nach und nach mosaikartig zusammensetzt, überzeugt „Walter Nowak bleibt liegen“ vor allem durch die stilistische, konsequente Umsetzung der Perspektive. Die kurzen Sätze bleiben teils fragmentarisch, immer dann, wenn die Gedanken von Walter abschweifen. Eine „Nebenbei-Lektüre“ ist dieser Text nicht, denn immer wieder wird der Leser aufgefordert, mitzudenken, Sätze zu ergänzen.
Eine Rahmenhandlung, die sich um das Geschehen spannt, eine Menge unerhörte Ereignisse und nur 150 Seiten Länge: Eigentlich ist „Walter Nowak bleibt liegen“ mehr eine Novelle als ein Roman. Welchem literarischen Genre man den neuen Roman von Julia Wolf zuschreiben mag – dieses schmale Buch ist eine besondere, ein ganz besonders empfehlenswerte Lektüre.


Wir danken der Frankfurter Verlagsanstalt für das Rezensionsexemplar.