Anja Kampmanns „Wie hoch die Wasser steigen“: Babylon Kapitalismus

Der Kapitalismus macht die Welt groß. Und gleichzeitig ganz klein. Arbeiten können die Gutausgebildeten mittlerweile fast überall. Ein Jahr in Shanghai, dann Berlin, vielleicht als nächstes Kuala Lumpur? Gleichzeitig schrumpft die Arbeit, ohne soziales Gefüge irgendwo in einer fremden Stadt, die Welt manchmal bis auf ein kleines Bürocubical zusammen. Eine Gesellschaft, die Arbeit und Sozialgefüge, so trennt, produziert laufend Orientierungslosigkeit. Die allumgreifenden Diskussionen um Begriffe wie Heimat oder Identität zeugen davon. Was macht das mit den Menschen? Anja Kampmann hat mit dieser Frage im Gepäck in „Wie hoch die Wasser steigen“ große Literatur gemacht.

Bohrinseln sind vielleicht die ortlosesten Orte. Irgendwo im Meer sind dort Arbeiter meist für mehrere Wochen stationiert, bis sie die Insel für den nächsten Heimatbesuch wieder verlassen. Mitten im Meer stehen sie gleichförmig, aussehend wie die nächst bessere Bohrinsel, könnten sie sich überall befinden – es würde auch keinen Unterschied machen. In dieses Leben wirft der Roman Waclaw, einen der Arbeiter, der nach dem Verlust von Mátyás, seinem Vertrauten, daraus ausbricht.

Das Licht brannte, aber das Bett von Mátyás war leer.

Waclaw bricht auf, erst auf den Spuren Mátyás‘ Wurzeln, schließlich auf die seiner eigenen. Er ist der Nachfahre polnischer Auswanderer, die im Ruhrgebiet gelandet sind. Dorthin geht es, genauso wie nach Polen, immer nach der Suche nach so etwas wie einem größeren Zusammenhang. Irgendwann wird aus Waclaw im Text Wenzel, dann wieder Waclaw. Nirgendwo ist er so ganz zuhause, nirgendwo kann er sich so richtig verständlich machen: „Er redete zu ihr in einer Sprache, die sie nicht verstand, niemand hier verstand die paar Brocken Polnisch, die ihm sein Vater beigebracht hatte.“

Gehen, wohin niemand dir folgt.

Kampmann ist von Hause aus Lyrikerin. In vielen Fällen bereitet der Ausflug in die Prosa dann vor allem Schmerzen beim Leser. Bei „Wie hoch die Wasser steigen“ stellt es sich jedoch als großes Glück heraus. Denn – egal ob die Autorin nun nicht kann oder will – jeder Versuch in diesen Text einen narrativen Sog einzuführen, würde seinem Sujet nicht gerecht. Bilder tauchen in diesem Text auf und zerfallen wieder wie auch die Welt nur sporadisch anwesend ist. Kampmanns Sprache fängt eine Welt auf, in der der Zusammenhang zunehmend verlorengeht, in sie immer wieder scheinbar Dinge ohne Kausalität zusammenstellt: „Dies war nicht Mexiko, und die Männer waren müde […]“

Die Kontinente drifteten, das Öl war Millionen Jahre alt, der Winter war dunkel auf dem Dorf.

Waclaws Reise (oder wie die Kritik es immer wieder nennt: Roadtrip) ist gerade das Gegenteil einer Bildungsreise im Sinne der Selbstbildung. Wo sich sonst Klarheit einstellt, herrscht in „Wie hoch die Wasser steigen“ vor allem Orientierungslosigkeit: „Er wusste nicht einmal, zu welchem Land diese Nummer gehörte, wie spät es bei ihm war, ob Morgen oder Nacht, Nacht wie hier.“ An jeder Ecke begegnen ihm Phantome: „Waclaw dachte an die Österreicher, die er am Rand der Sahara getroffen hatte.“

Das ist es doch, was alle hier wollen, oder nicht. Raus in die Welt, zumindest raus aus der alten.

Reisen bedeutet in Kampmanns Roman Zusammenhänge herzustellen und gleichzeitig aufzulösen. Weltkunde, so zeigt der Roman, bedeutet in der Gegenwart nicht mehr unbedingt den Zugewinn von Wissen und Erfahrung, sondern kann im Gegenteil all dem entgegenwirken. Kampmanns Leistung bei alldem kann gar nicht zu Gering eingeschätzt werden: In der deutschsprachigen Literatur sind Romane selten, die sprachlich so aufregend, so präzise und berührend und gleichzeitig im besten Sinne politisch sind, in dem sie den Menschen in seiner Verlorenheit zeigt, in die ihn die kapitalistische Welt treibt.


Wir danken dem Hanser Verlag für das Rezensionsexemplar.