Anja Kümmels „V“: Orpheus dreht sich nicht um

V

Wie die Digitalisierung unseres Alltags die Ästhetik und Bildsprache der verschiedenen Kunstrichtungen beeinflusst, ist eine Diskussion die erst langsam so richtig in Fahrt gekommen ist. In den letzten Jahren haben sich viele Filme mit dem Thema beschäftigt: von Michael Manns „Blackhat“, über die neusten James Bond-Filme bis hin zu „Jurassic World“ finden sich viele kluge und weniger kluge Reflexionen darüber, wie man das Unsichtbare darstellbar macht. Denn eine Welt, in der die großen Raubüberfälle sich nicht mehr in maskierten Bankplünderungen, sondern in wenigen Hackerclicks manifestieren, muss unweigerlich eine ganz neue Formsprache produzieren. Konsum, politische Ereignisse, Kriminalität, Kommunikation und Kriegsführung wandern (zu Teilen) immer mehr in den Bereich des Digitalen und damit ins Nichtdarstellbare ab. Die Literatur hat zum Nichtsichtbaren freilich ein anderes Verhältnis, ihre Kernaufgabe ist die Sichtbarmachung der Welt. Damit könnte das alte Medium Buch die Antwort auf die ästhetischen Herausforderungen der Zukunft darstellen. Denn fest steht: dort, wo sich das Äußerliche unsichtbar macht, werden allegorische Formen umso wichtiger, die die Dinge aus den Schatten zurückholen.

In diesem Frühjahr ist im Hablizel Verlag ein Roman erschienen, der in diesen Diskurs stößt: Anja Kümmels „V oder die vierte Wand“, gerade nominiert für die diesjährige Hotlist, den kleinen schmuddeligen Bruder des Deutschen Buchpreis. Ihr Text entwirft eine dystopische Gesellschaft, die angedeutet bleibt, aber zumindest so viel verrät: Die Welt ist in einer neuen bipolaren politischen Situation. Chinesen und Amerikaner haben die Welt unter sich aufgeteilt, wobei das im Zentrum der Handlung stehende Londoner Zentrum chinesisch geworden ist. Die Bürger dieser Gesellschaft sind längst Teil eines omnipräsenten digitalen Zustands. Bei ihrer Geburt werden sie gechipped und stehen damit unter ständiger Kontrolle. Gesundheitsmessungen, Emotionen, Bewegungskoordinaten, alles wird gesammelt. Die mediale Wahrnehmung der Welt erreicht in solch einem Daten-Regime ein neues Level: die emotionale Interaktion mit Mitmenschen wird durch das sogenannte EmoRec erleichtert, welches den emotionalen Zustand des anderen bestimmt.

In Island gibt’s ja keine Anonymen. Oder besser gesagt: Alle sind anonym. Denn niemand ist gechippt.

Bereits klar ist: Öffentlichkeit ist ein Problem in „V oder die vierte Wand“ und so beginnt der Roman folgerichtig mit einem Bekenntnis: „Was ich jetzt sage, ist nicht für die Cloud. Es für mich, Fenna. Ich werde nichts davon teilen können. Niemand wird es liken, taggen, kommentieren.“ Fenna, eine der zwei Hauptprotagonisten, lebt in Island und ist furchtbar gelangweilt. Die Inselnation im Atlantik ist eine Gegenwelt zu den im Roman vorgestellten Metropolen wie London. Das Leben ist im Vergleich archaisch, der Alltag folgt einer Langsamkeit, die für Fenna nicht erträglich scheint. So nimmt sie einen Auftrag an – sie betätigt sich als Auftragskillerin –, der sie nach London führt. Allerdings kommt sie nicht in der britischen Hauptstadt an, die sie erwartet hat. Alles erscheint merkwürdig antiquiert.

Die Cloud ist ein Gefängnis. Island ist ein Gefängnis. Beide zusammen ketten dich auf ewig an die Vergangenheit.

Der zweite Protagonist im Bunde ist Mesca, ein Mexikaner, der von Los Angeles nach London kommt und sich in einem alten Sanatorium – im Text immer nur als „disgrace land“ bezeichnet – in einem Außenbezirk niederlässt. Dort ist er Teil einer obskuren Clique, die dem Müßiggang, der Partywelt und den Drogen sehr zugetan ist. Das Zentrum ihrer Welt ist die V-Bar, ein Hotspot der urbanen Partywelt, in der sich Anhänger der New Romantic und des 80er Jahre Punk tummeln. Obgleich die Zeitebenen von Anfang an unklar sind, geraten sie mit Fennas Ankommen völlig aus dem Gleichgewicht. Denn als sie aus dem Flugzeug steigt, findet sie sich nicht in dem dystopischen Zukunftslondon wieder, sondern im Jahr 1980. All die technischen Gadgets, die sie mitbringt, bleiben wirkungslos. Ohne Technik ist sie auf so primordiale Techniken wie Empathie und Auffassungsvermögen zurückgeworfen, der EmoRec bleibt stumm. Als sie in einem Hotel ein Zimmer buchen möchte und das digitale Buchungssystem vermutet, geschieht das Ungeheuerliche: „Nichts dergleichen geschah. Stattdessen schlug der Portier ein großes schwarzes Buch auf. Ein Buch!“ Das Wort „Buchung“ verweist auf sein ursprüngliches Medium zurück. Die Rückkehr zum Buch ist freilich auch ein Kommentar auf das Vorhaben des Textes. Die digitale Zukunft im gedruckten Buch zu beschreiben ist eigentlich ein Paradoxon.

Mathis hat ein Lächeln aufgesetzt, das das EmoRec tumb und gutmütig nennt.

Schlimmer jedoch als das umständliche Buchen eines Hotelzimmers erscheint das Fehlen mittlerweile essentiell gewordener Bewusstseinswerdung. Phänomene wie das Selfie, das ständige Bebildern des Instagram-Accounts und das Teilen unwichtiger Ereignisse auf Facebook sind zu Praktiken geworden, mit denen wir uns in der Welt verorten: „Nur geteilte Zeit ist gelebte Zeit.“ Wir versichern uns unseres Daseins mit ständigen Authentisierungsversuchen. Die Einnahme unseres Mittagessens wird erst wahr, wenn wir es fotografieren und ins Internet stellen – mit jedem Like und jedem Share wird es umso wahrhaftiger. Mit dem Verlust dieser Techniken gerät auch der Status des eigenen Ichs in Gefahr, was für Fenna – eh schon verloren in einer Stadt, die sie nicht kennt und die aus der Zeit gefallen ist – zu einem echten Problem wird. Allerdings stellt das öffentliche Leben auch Kategorien wie Privatheit und Intimität in Frage. Wenn alles geteilt wird und somit auch im Grunde mit jedem kommuniziert wird, wird es umso schwieriger exklusive Kommunikation herzustellen. Der anfangs erwähnte Bekenntnischarakter der Romaneinleitung erhellt den Blick: Möglicherweise ist die Literatur eines der letzten Refugien für Intimität.

immer wenn ich manolo sehe, vergesse ich die zeit: im all hatte zeit keine bedeutung. die zeit beginnt immer erst jetzt.

Das Durcheinanderkommen der Zeit ist auf allen Ebenen des Romans greifbar. Nicht nur, dass die Protagonisten ihn selbst erleben – „Ich hab da diesen Riss in der Zeit.“ – auch der Text ist so strukturiert, da er keine klare Zuordnung auf der Zeitachse erlaubt. So brechen die abwechselnd Fenna und Mesca zugeordneten Kapitel immer wieder abrupt ab, steigern ihr Tempo, bis der Leser verwirrt zurückbleibt. Das kann frustrierend wirken, bis man sich auf dieses Vexierspiel einlässt und die Verwirrung als ästhetisches Ergebnis akzeptiert. Denn dem Roman kommt es darauf an, dass Zeitlichkeit nicht als Nach-, sondern als Nebeneinander organisiert ist. Der V-Club, in den sich im späteren Verlauf auch Fenna auf der Suche nach ihrem Opfer Eden verläuft, macht dies deutlich: Er ist einmal der Ort einer gegenwartssüchtigen Jugend und gleichzeitig erinnert sein Name an die Bombardierung Londons im Zweiten Weltkrieg durch die Nazis: „ein london der zukunft, ein london der vergangenheit, ein london des unbestimmbaren jetzt.“

V1 und V2, sagt er. Vergeltungswaffen der Nazis. Die V-Nacht. Daraus hat sich der Begriff V-Spirit entwickelt.

Anja Kümmels „V oder die vierte Wand“ zeigt dem Leser eine Gesellschaft, die der Gegenwartssucht erlegen ist und das Gespür für die ständig präsente Vergangenheit verloren hat, selbst dann, wenn sie sich plötzlich in ihr verirrt hat. Vielleicht war selten in einer Zukunftsvision so viel Vergangenheit und so wenig Zukunft vorhanden wie in diesem Roman. So wundert es nicht, dass der Text zum Mythos zurückkehrt: „was gewesen ist, muss nicht länger sein. – erst jetzt geht mir auf, was das eigentlich heißt: so lange orpheus sich nicht umdreht, so lange eurydike ein bild in seinem kopf bleibt, ist alles rückgängig zu machen, sogar der tod.“ Die Erzählung von Orpheus als eine Geschichte von Verweigerung und Akzeptanz von Vergangenheit – Anja Kümmels Roman ist klug, unterhaltsam, rasant und sehr gegenwärtig mit bleibender Wirkung.


Wir danken dem Hablizel-Verlag für das Rezensionsexemplar.

2 Kommentare

  1. Klingt super spannend, möchte ich unbedingt lesen. Das sind genau die Fragestellungen mit denen ich mich momentan beschäftige. Danke für den Tipp :)

    • Sehr gerne! War auch eine dieser seltenen Lektüren, bei der man völlig unbedarft an den Text herangegangen ist und dann umso beeindruckter war. Nur nicht vom Einstieg frustrieren lassen, der Text ist widerborstig und man braucht seine Zeit, um sich darauf einzustellen.

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