Anna Giens & Marlene Starks „M“: Mit dem Strapon in die Welt schlagen

Ist Berlin-Neukölln der eigentliche Mittelpunkt Deutschlands? Kaum eine Woche vergeht, in der man nicht irgendetwas über den ehemaligen Arbeiter- und Migrantenbezirk Westberlins hört. Mal wird er als das neuste Beispiel einer voranschreitenden Gentrifizierung deutscher Innenstadtbezirke angeführt, mal ist er der Hort der hippen, digitalen Boheme und dann ist er immer wieder auch der Ort, an dem sich Deutschlands Kampf gegen kriminelle Clans entscheiden soll. Vermutlich ist Neukölln auch der einzige Ort, in dem man auf der niedrigschwelligen Ebene des Bezirksbürgermeisters bundesweite Prominenz erreichen kann. Im Herzen der jungen Berlinliteratur hat der Bezirk schon seit langem einen festen Platz und so streift auch die Ich-Erzählerin in „M“, dem Debütroman der Autorinnen Anna Gien und Marlene Stark, durch das Neuköllner Nachtleben.

Seit einiger Zeit geistert durch die hiesigen Diskussionen das Wort vom „digitalen Prekariat“. Gemeint ist damit die Gruppe gutausgebildeter, junger Großstadtbewohner, die in Startups, Marketingfirmen etc. in Praktika, Freelancer-Verhältnissen und anderen Schrecklichkeiten festhängen. In ähnlicher Weise kann man wohl auch von einem großstädtischen Kulturprekariat sprechen, wobei beide Gruppen wohl milieutechnisch eh verquickt sind. Teil dieses Kulutprekariats ist auch Ich-Erzählerin „M“, die sich als Künstlerin und DJane versteht und damit ihren Alltag verbringt. Neukölln ist dafür das natürliche Habitat: „Für junge Erwachsene, die nichts mit sich anzufangen wissen, ist das einer der wenigen Orte, die hier noch übrig geblieben sind.“

„Bist du glücklich, M?“
„Irgendwie schon.“

Ständiger Fluchtpunkt dieses Textes ist die herannahende Vernissage der Künstlerin M. Über allem was geschieht (oder besser: nicht geschieht), schwebt das Damoklesschwert dieses Datums. Das Buch schließt auch mit diesem Tag, bis dahin erzählt M den Alltag einer Frau, die Abends auflegt, morgens meist mit drogenverursachten Pappmund aufwacht und dazwischen einem regen Sexualleben nachgeht. Wobei der Punkt, an dem man tatsächlich davon sprechen kann, dass sie Sexualität lebt, erst noch im Text erreicht werden muss. Denn der im Text steilweise sehr explizit beschriebene Sex hat einen ambivalenten Status. Mal forciert M. ihn, mal erlebt sie ihn lakonisch mit und erst gegen Ende wird er zur einer echten Ermächtigungsstrategie.

Die weißen Fliesen, der Pissegeruch, der nasse Boden aquarellieren.

M.s Sexualpartner sind zu allermeist männlich und werden sehr häufig von der Clubnacht zu ihr ans Ufer gespült. Manchmal sind es aber auch die ewig junggebliebenen, erfolgreichen, mittelalten Männer, die die heimische Familie entweder für eine Nacht gerne mal vergessen oder aber sich nie eine angeschafft haben, weil sie nicht ins Bild des lebenslangen Playboys passen: „Gustav ist viel unterwegs, außerdem ist er die Inkarnation der wildesten Hochschlaffantasie jeder erfolgshungrigen Künstlerin.“ Einer davon ist Richard, der sich von M. gerne mit einem Strapon anal penetrieren lässt. Die Metaphorik muss nicht lange entschlüsselt werden: Das Phallische wird sich einfach selbst umgeschnallt: „Ich kann es fühlen. Er ist wirklich da. Ich habe einen Schwanz.“

Ich schiebe das Bild gewaltsam weg. Ramme es Richard in den Hals.

Glücklicherweise ist der Roman klug genug, als dass er dort haltmachen würde. Denn der umgeschnallte Gummipenis ist zwar ein griffiges Symbol für einen Machttausch, aber in dieser Konstellation wären die Rollen eben nur vertauscht, die Machtstrukturen blieben die gleichen. Daher ist der nächste Schritt die Gründung einer digitalen, orgiastischen Vereinigung: „Die virtuelle Phalanx aka Sexgruppe aka Schwarninterlegens aka Koksnutten ist vielleicht so etwas wie die Übertragung des Metadatenarchivs in die Realität.“ Die Gruppe organisiert sich übers Internet und trifft sich dann zu einer großen Feier der Sexualität, alle ineinander verschlungen, ein riesiges Geschlechtsteilnetzwerk in Solidarität vereint.

Rainers Sperma schmeckt gut. Seine Vorliebe für Cola und thailändisches Essen geben seiner Sahne eine erfrischende Ingwernote.

Diese Suche nach neuen Formen des Zusammenlebens ist das eine, das M erzählt. Das andere ist ein Konglomerat aus Alltagsbeobachtungen. Da wird sich mal über Touristen in Neukölln lustig gemacht („Rollkoffer, das sind immer Touristen oder DJs oder beides.“) oder aber Häppchen fürs Feuilleton ausgeteilt: „Zur Zeit feiern alle die Rückkehr nach Reims, Didier Eribon hat es tatsächlich geschafft, dass wir uns alle beim dritten Glas Crémant die tiefe Einsicht in unsere verstockten Bobo- Existenzen […] zuflüstern, als hätten wir es eigentlich immer gewusst, ganz tief drinnen, dass unsere geheuchelte Kumpelschaft mit dem Spätiverkäufer genauso widerlich ist wie unsere Political Correctness.“

Speed ist eine unproduktive Droge.

Nicht immer haben diese Beobachtungen den Punch, den der betont lässige Habitus, der diesen Text umgibt, suggeriert. Teilweise latscht M auch ganz schön in durchgetretenen Fußstapfen herum, wie man dem Text grundsätzlich anmerkt, dass er aus einem urbanen Hipstermilieu heraus entstanden ist, das für seinen hyperindividuellen Anspruch reichlich viele Konventionen entwickelt.

Am Ende wird der Text vielleicht auch Opfer jener Bedingungen, aus denen er heraus entsteht: Die Gesellschaft der Singularitäten, wie sie hier zum Auftritt kommt, kann nur noch bedingt deutlich machen, wo sie in ihren grundsätzlichen Ängsten, Nöten und Schicksalen anschlussfähig an den nächsten sein soll. Zwar sind die grundsätzlichen Machtmechanismen zwischen den Geschlechtern eine Klammer, aus der heraus andere Kontexte herangeholt werden könnten, dennoch ist die hier geschilderte Lebenswelt derart hyperspezialisiert und auf Räume wie Berlin oder Hamburg reserviert, dass dem Roman viel subversive Wucht verlorengeht – ein Phänomen, mit dem beispielsweise Virginie Despentes in ihrer Subutex-Trilogie bewusst umgeht und der Frage nachgeht, was bestimmte Schichten und Milieus überhaupt noch verbindet.

Alle lieben Texte, die man nicht versteht. Dabei geht es vor allem darum, Inhalt so konsequent zu vermeiden, dass es sich nach ganz viel Inhalt anhört.

Daher bleibt nach einer vergnüglichen und teilweise anregenden Lektüre ein ähnlicher pappiger Geschmack im Mund zurück, wie ihn M. nach einer durchzechten Nacht verspürt. Wie gerne liest man einen Roman, der dem großspurigen und gönnerhaften Bobo mit dem Strapon zu Leibe rückt. Wie wenig gerne liest man jedoch einen Neuköllner Crowdpleaser, der noch ein Stück zur Selbstüberschätzung der Berliner Binnensicht beiträgt.


Wir danken Matthes & Seitz für das Rezensionsexemplar.