Arno Geigers „Unter der Drachenwand“: Stell dir vor, es ist Krieg und einer macht Pause

Die Literatur über den Zweiten Weltkrieg ist in der Regel eine Literatur der Front oder des Lagers. Die Pole sind Stalingrad und Auschwitz, während Oer-Erkenschwick selten als Schauplatz gewählt wird. Der Grund dafür ist naheliegend: Wo sonst sollte der Horror der nationalsozialistischen Herrschaft erkundet werden, wenn nicht da, wo dieser sich in Krieg und Vernichtung manifestiert? Die Leerstelle, die diese Literatur gelassen hat, hat am prominentesten W. G. Sebald beklagt, der der Nachkriegsliteratur das Versäumnis vorwarf, den Bombenkrieg nicht thematisiert zu haben. Viel wurde diskutiert, ob die These überhaupt zutreffend sei – sicher ist, dass der Mensch an der Heimatfront der Literatur eher fremd ist. In diese Lücke stößt unter anderen Arno Geiger mit seinem neusten Roman „Unter der Drachenwand“, der die Frage umkreist, was mit einem Soldat passiert, wenn der Krieg eine kurze Pause macht.

Idyllischer als am Mondsee wird es in Österreich kaum mehr: Im Salzkammergut gelegen, von Bergen umringt, könnte man fast den Eindruck erliegen, dahinter gäbe es gar keine Welt. Das ist ein Grund, weshalb der kriegsverletzte Protagonist Veit Kolbe 1944 dort hin zur Erholung geschickt wird. In Arno Geigers Roman blitzt der Krieg als hautnah Erlebtes zuerst nur ganz kurz am Anfang auf: „So hatte mich der Krieg auch diesmal nur zur Seite geschleudert.“ Der Ich-Erzähler wird verletzt, doch überlebt. Kurze Zeit später findet er sich am Mondsee wieder und ist damit eine Anomalie: Dass ein wehrfähiger Mann nicht an der Front ist, ist nicht vorgesehen. Das stimmt zwar nicht – schließlich sind nicht tödliche Verletzungen im Krieg keine Seltenheit –, aber das sind im Normalfall nicht die Soldaten, über die Geschichten erzählt werden.

Nichts zählte, außer dass ich am Leben war.

Für Veit Kolbe beginnt ein Alltag an der Heimatfront, der ihm nicht nur Zeit zum Verheilen gibt, sondern auch zur Reflexion über das Erlebte. Krieg, wie er bei Arno Geiger geschildert wird, ist zwar etwas, das man räumlich, aber nicht emotional hinter sich lassen kann: „Und wieder konnte ich mich nicht erinnern, dass ich den Krieg, im Moment des Erlebens, als so furchtbar empfunden hatte wie jetzt im Bett.“ Vor allem dann nicht, wenn das Kriegerische den Alltag bereits vollumfänglich infiziert hat: „Sogar die Schaufensterpuppen hatten jetzt Soldatenhaltung […].“ Wenn der Erzähler Veit Kolbe also immer wieder die Drachenwand anruft, dann ist dieser Fels nicht nur Schutz vor den Schrecken des Krieges, sondern auch Gefangenschaft in einer trügerischen Sicherheit.

Am Mondsee. Unter der Drachenwand.

Dass Kolbe dann doch so etwas wie kurzfristiges Glück findet, liegt daran, dass sich sein Erwartungshorizont von den langen Linien zum Greifbaren verengt: „An eine große Zukunft konnte ich nicht mehr glauben, ich hatte gelernt, der großen Zukunft zu misstrauen. Und deshalb kam mir die kleine Zukunft gerade recht.“ Er lernt Margot kennen, die eigentlich aus Darmstadt kommt und auch am Mondsee Schiffsbruch erlitten hat. Mit ihr verbringt er schöne Tage in unschönen Zeiten.

In den Niederungen lag kein Schnee, ein ödes, winterliches Kolorit.

Doch Arno Geiger ist ein zu routinierter Schriftsteller, als dass er nicht die Gefahr kommen sieht, dass vor lauter Salzkammergutromantik die existenzielle Traumabewältigung zur Kitschkiste verkommen könnte. Deswegen bricht der Roman die sonst so konsistente Ich-Perspektive von Veit Kolbe immer wieder, entweder durch Episoden, die in Wien spielen oder durch Briefe, die vom Bombenkrieg in Deutschland künden. Sie bringen den Krieg dann doch wieder in die Idylle hinein, dienen als Störfeuer in die Stille hinein.

Eingang in Geigers Text sollen Korrespondenzen, Briefe und Dokumente aus der Gegend zu Kriegszeiten gefunden haben. Die Kritik will darin ein diffiziles Spiel mit der Authentizität gesehen haben. Es ist schon merkwürdig, wie viel Selbstverständlichkeiten in der Beschreibung von Literatur verlorengegangen sind. Dass Literatur Stoff aus der Wirklichkeit birgt, um ihn dann wieder in Literatur zu verwandeln, ist eigentlich nichts ungewöhnlich. Zumal „Unter der Drachenwand“ zu keinem Zeitpunkt Authentizität behauptet.

Umso teurer die Zeit, desto eiserner das Zeitalter.

Arno Geiger also dafür zu loben, seinen Text für Wirklichkeitspartikel zu öffnen, führt daher in die Irre. Vielmehr ist an „Unter der Drachenwand“ lobenswert, wie der Text es vermag, diesen Ort am Mondsee, sprachlich und inhaltlich, als Zwischenreich von Krieg und Frieden auszufüllen. Zum Beispiels über den etwas skurrilen Brasilianer, der in seiner Heimatsehnsucht so etwas wie den Stefan Zweigschen Brasilientraum manifestiert.

Dass der Text trotz aller schriftstellerischen Routine dazu neigt, zu floskeln („Es ist bedauerlich, dass der Mensch ständig Wünsche hat, obwohl er sie nicht verwirklichen kann.“) oder aber etablierte Topoi etwas unmotiviert aufgreift („Wörter wie Verbrechen und Treue war hohl geworden und zerbrachen, wenn ich sie in den Mund nahm.“), ist ärgerlich, ändert aber nichts daran, dass „Unter der Drachenwand“ im Großen und Ganzen ein gelungener Roman ist. Vielleicht gerade, weil er nichts anderes sein will als Literatur.


Wir danken Hanser für das Rezensionsexemplar.

1 Kommentare

Kommentar verfassen