Arno Schmidt: Atomares Gelehrtentheater

Gelehrtenrepublik

Das Jahr 1774 war in Deutschland kein gutes Jahr, um sich literarisch hervorzutun. Denn es war das Jahr, in dem alles von dem Sensationserfolg „Die Leiden des jungen Werthers“ eines gewissen Johann Wolfgang von Goethes überstrahlt werden sollte. Doch aus dem Werther ruft es „Klopstock!“ und er verneigt sich damit vor dem Dichter, der in Goethes Gegenwart als wichtigster Vertreter der deutschsprachigen Literatur gilt. Dieser stellte im gleichen Jahr – zwei Jahre vor der Unabhängigkeitserklärung der USA und fünfzehn Jahre vor dem Sturm auf die Bastille – Überlegungen über die Zukunft des Gemeinwesens an und entwirft die Utopie der „Gelehrtenrepublik“. Der Werther mag ein Grund dafür gewesen sein, dass sich die Nachwelt nicht an Klopstocks Utopie erinnert, ein anderer, dass sie wohl damals schon zu schön war, um wahr zu sein.

Wobei: „schön“ trifft es nicht direkt. Zwar mag uns der Gedanke eines Staates, der von den Gelehrtesten geführt wird, beim Blick auf die Tristesse des politischen Personals durchaus charmant vorkommen, doch Klopstocks Republik war auch ein strenger und unterkühlter Ort. So sehr wie er die Fürstenherrschaft abschütteln wollte, so wenig traute er dem Volk – oder Pöbel, wie er es nennt – zu, die Amtsgeschäfte zu übernehmen. Ihnen soll lediglich ein „Schreyer“ zugestanden werden: „Es thut nicht Noth ihn [den Pöbel] zu beschreiben. Er hat keine Stimme auf den Landtagen; aber ihm wird ein Schreyer zugelassen, der so oft man nach einer Stimmensamlung ausruht, seine Sache recht nach Herzens Luſt, nur eine Viertelstunde lang, vorbringen darf.“

Wer nur Andrer Meinung oder Geschmak hat, oder wer nur nachahmt, iſt ein Knecht.

Führen, das sollen die Gelehrten und Edlen, in Form von gewählten „Aldermännern“. Wer ein Gelehrter ist und zu den verschiedenen Zünften – hier nicht als Handwerkszünfte, sondern als Zünfte des Denkens – zählt, das bemisst sich an dessen geistiger Schaffenskraft. So radikal Klopstocks Gesellschaftsentwurf auch in Zeiten, in denen sich Herrschaft nicht von Qualifikation, sondern monarchischer Legitimation ableitet, auch wirken mag, so kurios liest er sich rund 250 Jahre später. Zu schematisch seine Einteilung der einzelnen Bevölkerungsgruppen und Zünfte, zu idealistisch das Bild der sogenannten Gelehrten. Dazu kommt das humoristische Potential. Denn Klopstock geht von der progressiven Idee aus, dass in einer solchen Gesellschaft die Gewaltanwendung, auch in Form von Strafen und Sanktionen, obsolet sei. So müssen die Bewohner der „Gelehrtenrepublik“ mit anderen Bestrafungen rechnen: „Wenn ein Freyer oder Edler auslaͤndische Worte ohne Beduͤrfnis in die Sprache mischt, so entgilt er’s, sinds nur wenige, durch die Stirnrunzel, sinds aber viele, so traͤgt er den Hund.“

„Also ist letzlich der Zweck der Insel doch erreicht: objektive Auswahl; und entscheidende Förderung großer Künstler!“

In Klopstocks Gesellschaft soll zwar Politik gemacht werden, aber sie soll nicht ideologisch sein: „Von unserer Politik. – Wir haben gar keine.“ Wie sehr jedoch die großen Ideologien die gelehrte Eintracht der Aufklärung stören sollten, konnte er nicht ahnen. Der niedersächsische Eremit Arno Schmidt nahm sich dieses Stoffes an; in einer Zeit, in der der Kalte Krieg am heißesten war. In seinem Roman hat sich die Utopie zur Dystopie umgekehrt. Ein Atomkrieg hat Europa verwüstet und Klopstocks Deutschland gibt es nicht mehr. Seine Gelehrtenrepublik ist eine im Pazifik schwimmende, artifizielle Insel, die sich an Jules Vernes „Propellerinsel“ anlehnt. Auf ihr versammeln sich Gelehrte, Künstler und Erfinder, die jedoch verbannt werden, wenn die, schon von Klopstock geforderte, geistige Potenz versagt. Die Architektur der Insel folgt der weltpolitischen Parität: Eine Hälfte der Insel ist den US-Amerikanern zugesprochen, die andere den Sowjets. Die beiden Seiten spiegeln sich, so gibt es auch zwei Bibliotheken, was deutlich macht: Die Gelehrsamkeit folgt den politischen Wissensordnungen.

„Das Plagiat: was ist es im letzten Grunde andres als Selbsterkenntnis?“

Arno Schmidt möchte mit seiner Verne-Klopstock-Persiflage den bitteren Wahnsinn des Kalten Kriegs offenbaren: die Zweiteilung der Insel führt dazu, dass die Förderung der Künste und Wissenschaften entweder zum hohlen Ritual verkümmert oder nur dem politischen Prestige zugeführt wird. Die Bibliotheken sind leer oder nur von Sonderlingen bevölkert; in der postapokalyptischen Welt ist kein Raum mehr für die Wissensformen, die die Insel gerade stärken sollen. Beide Parteien reagieren höchst sensibel auf das Handeln des anderen, auch wenn das Albernheiten hervorruft: „Wie sie, die Russen, durchgedrückt hatten, daß dem westlichen Gesetz über „Gotteslästerung“ entweder ein Pendant wegen „Lästerung des Atheismus“ gegenübergestellt, oder aber beide Delikte als läppisch aufgehoben werden sollten […]“ Schmidt zeigt damit vor allem, dass es in Zeiten der politischen Entzündbarkeit keine neutrale Wissenschaft oder Kunst unter dem Schutzmantel des Staates geben kann.

Wie macht man Konversation mit einer jungen Zentaurin?

Der im Zentrum stehende Journalist Charles Henry Winer sieht auf seiner Reportage nicht nur die Propellerinsel, sondern auch den „Hominidenstreifen“, ein durch eine riesige Mauer abgetrennter Bereich, in dem sich Mutanten aufhalten, die in Folge der atomaren Verstrahlung entstanden sind. Wir wissen von Arno Schmidt, dass er ein Faible für alles Phantastische und das Genre der Science-Fiction hatte. 1957 ist jedoch das Szenario eines Atomschlags keine weltfremde Spinnerei, auch wenn die Möglichkeit der Entstehung von Zentauren wohl eher gering war.

„Na, daß die Japaner & Deutschen weg sind, ist ja für uns 1 Segen“ sagte ich energisch: „Die, ohne deren Beteiligung einem jeden Weltkrieg ja gleichsam etwas gefehlt hätte!“

Welche Folgen der politische Wahnsinn für jeden utopischen Zukunftsgedanken hat, lässt Arno Schmidt auf eine Pointe zulaufen. Jeder Block kontrolliert eine der beiden Propeller, die die Insel steuern. Wie man vermuten könnte: auch in dieser Hinsicht sind sich die Parteien nicht einig. Vom Optimismus Klopstocks ist nichts geblieben und die Gelehrtenrepublik wird zur Gelehrtenfarce: „Die Amerikaner haben ‚Volle Kraft rückwärts‘ gegeben; die Russen ‚Unverändert Volldampf voraus‘“ / „Und das Ergebnis?“ – Das Ergebnis?: „Wir drehen Uns!: Auf der Stelle!“

2 Kommentare

  1. Dieses Buch ist ein großes Meisterwerk. Ein Abenteuer-Roman, den man ohne weiteres einfach so lesen kann, wenn man sich auf die sprachlichen Eigenheiten einlässt. Oder, und das vertieft das Lesevergnügen, ein komplexes Geflecht aus Verweisen auf eben Klopstock, Jules Verne (von dem ja im Prinzip das ganze Handlungsgerüst stammt) und auch noch ein Verweis auf Schmidt und seine Werke selber. Sein bestes Buch.

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