Auf der Reise: Chaim Nolls Erzählband „Schlaflos in Tel Aviv“

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Chaim Noll, der als Hans Noll 1954 in Ost-Berlin geboren wurde, lebt nun seit über zwanzig Jahren in Israel. Er hat sich gegen das Leben in einer der Großstädte entschieden und sich zurückgezogen in der Wüste Negev niedergelassen. Sein neuestes Buch „Schlaflos in Tel Aviv“, das im Frühjahr 2016 im Verbrecher Verlag erschien, umfasst vierzehn Erzählungen aus den letzten dreißig Jahren. Stilistisch und motivisch bleibt Noll sich treu, die Perspektiven verschieben sich jedoch.

Chronologisch sind die Geschichten nicht angeordnet. Alle vierzehn Erzählungen, die in diesem Band versammelt und zwischen 1987 und 2015 entstanden sind, finden ihren gemeinsamen Nenner in der Thematik, die aus verschiedenen Perspektiven und Annäherungsweisen verhandelt wird: Es geht um deutsch-jüdischen Beziehungen nach der Shoah, zunächst im geteilten, dann im wiedervereinten Deutschland und später auch aus israelischer Perspektive. Es geht um Fragen der Identität, um ein Gefühl der Fremde, um das verschüttete Erbe der gemeinsamen Kultur.

Die Frau sieht ihn nach wie vor an. Fragt noch einmal, zweifelnd: „Du bist Deutscher?“
„Ja.“
„Du siehst nicht so aus.“

In den ersten Geschichten des Bandes, die in Deutschland angesiedelt sind, werden immer wieder einzelne Figuren von Anderen durch ihr Aussehen als jüdisch oder fremd identifiziert und – bewusst oder unbewusst – degradiert, so gleich in der ersten Erzählung „Kein Geld“, in der Konrad, ein jüdischer Junge in pubertärem Alter mit der U-Bahn nach Hause fahren möchte, sein Geld verloren hat und deshalb die Passanten am Bahnsteig um Geld für ein Ticket bittet.

Ich schreibe Bücher, für die es keine Leser gibt. Die die sie lesen können, wurden nicht geboren. Ihre Eltern wurden vorher umgebracht.

Das Gefühl der Fremdheit wiederholt sich auch in der Erzählung „Schwarze Hunde“, die von einem Dichter-Ich erzählt, das zwar als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Universität seinen Lebensunterhalt verdient, aber keine Leser für seine Gedichte findet. Er fühlt sich unverstanden, nicht zugehörig.
Das Gefühl vieler Figuren, ihre Identität aus den Augen verloren zu haben, spiegelt sich in den Transiträumen, in denen viele der Geschichten spielen: Erzählt werden Geschichten am Bahnhof, am Flughafen oder auf Reisen. Der Verlust der deutsch-jüdischen Identität bricht sowohl in der Erzählung „Zinsen aus Zürich“ als auch in „Barfuß in Crocs“ symbolisch als wiederkehrender Alptraum von einem Diebstahl am Bahnhof über die Figuren herein. Der gemeinsamen deutsch-jüdischen Kultur gehen viele der Figuren, so zum Beispiel in „Schwarze Hunde“ oder „Schlaflos in Tel Aviv“, als Literaturwissenschaftler auf den Grund, in dem sie sich mit den großen jüdischen Autoren der deutschen Literatur beschäftigen: Else Lasker-Schüler, Max Brod oder Leo Perutz.

Ich weiß, Tel Aviv ist nicht Israel. […] Wir leben in einer Blase. Aber es ist die einzige Stadt, in der man überhaupt leben kann.

Während die Figuren in den ersten Geschichten des Bandes überwiegend Deutsche mit jüdischen Wurzeln sind, die in Deutschland leben, stehen in den letzten fünf Erzählungen Israelis mit deutschen Wurzeln im Zentrum. In „Barfuß in Crocs“, „Nachbarn“ und „Schlaflos in Tel Aviv“ stammen die verschiedenen Ich-Erzähler mit jüdischem Hintergrund aus Deutschland und leben in Israel. Die Erzählung „Völkerrecht“ erzählt die Geschichte von Elisabeth, die als junge Frau aus einem streng christlich geprägten Elternhaus nach Israel kam, um dort ehrenamtliche Hilfe zu leisten, und sich in einen Israeli verliebt, konvertiert und selbst als Elisheva zur Israelin wird.
Thematisiert wird auch der Trend unter junger Israelis, dessen Großeltern vor den Nazis fliehen konnten, nach Deutschland zurückzukehren. So trifft das Erzähler-Ich in „Barfuß in Crocs“ am Flughafen von Tel Aviv auf Yaniv, der nach seinem Militärdienst nun erstmals mit Snowboard und deutschem Pass nach Berlin reist, um dort zu leben, obwohl er – wie das Snowboard zeigt – keine Vorstellung hat, was ihn erwartet.

Immer wieder geht es in den letzten fünf Geschichten auch um einen modernen Antisemitismus, der nichts mehr mit den äußerlichen Stigmatisierungen zu tun hat, die den Figuren in den ersten Erzählungen begegnen, wenn sie aufgrund ihres Aussehens als jüdisch oder zumindest fremd identifiziert werden, und um die politische Lage im Nahen Osten.
So spiegelt die Erzählung „Völkerrecht“ den Konflikt um die israelische Siedlungspolitik, „Barfuß in Crocs“ thematisiert die Geschichte des Zionismus und „Nachbarn“, in dem das aus Deutschland stammende und in Israel lebende Ich auf der Reise zu einem Vortrag einen Libanesen trifft, der ihn in eine Diskussion über die politische Lage im Nahen Osten verwickelt, die Einsätze der israelischen Arme gegen die Hisbollah.

Nolls Sprache ist reduziert, es sind meist einzelne Tage, alltägliche Szenen aus dem Leben der Figuren, von denen erzählt wird. Viele der Geschichten werden von direkter Rede, von Dialogen zwischen den Figuren dominiert, andere Geschichten wie „Olga“ oder „Tod eines Ikonenhändlers“ sind monologische Erinnerungen an Menschen.
Obwohl Noll realistisch erzählt, greift er gelegentlich auf surrealistisch-mythische Motive zurück. So erzählt „Idylle“ von einer Klinik, mutmaßlich eine psychiatrische Einrichtung, in der sich die Bewohner allabendlich um ein defektes Münztelefon im Gemeinschaftsraum versammeln, von dem aus die Menschen kostenlose Anrufe tätigen und den Kontakt in die Außenwelt, in ihre alten Leben und damit in die Vergangenheit halten. Die Erzählung „Schwarze Hunde“ greift das mythologische Motiv vom geisterhaften, dämonischen schwarzen Hund auf, welches bei Erscheinen den Tod vorausdeutet. Erlöst wird das Dichter-Ich der Erzählung, das daran verzweifelt, keine Leser für seine Lyrik zu haben, durch eine Muse, die an Lasker-Schüler erinnert.

Nirgendwo auf der Welt hat das Chaos eine so bezaubernde Gestalt. Nirgendwo verfliegt die Zeit so schnell, als ginge jede schrille Sekunde geradewegs in die Ewigkeit ein.

„The city that never sleeps“ ist bei Chaim Noll nicht der Big Apple, sondern Tel Aviv. Das liegt nicht nur an der auch nachts andauernden Lautstärke des Straßenlärms, der zwischen den Häuserschluchten schallt, sondern auch an den Traumata, die diese Stadt schon durch seine geographische Lage repräsentiert. Am Mittelmeer erbaut und den Blick immer zurück nach Europa gewendet, symbolisiert sie für das Ich in der Titelgebenden Erzählung die Sehnsucht nach dem Vergangenen und dem Vernichteten.

Ich lebe nicht in Tel Aviv, möchte dort auch nicht leben, wie ich mir oft versichere, dennoch hängt vieles von der Romantik der ersten Tage an dieser Stadt […] Wir haben hier zwei Jahre verbracht, ehe wir in die Wüste gingen, immer noch fixiert auf die Küste des Mittelmeers, das uns mit Europa verband.

„Schlaflos in Tel Aviv“ versammelt kluge Erzählungen, die jede für sich, aber vor allem in ihrer intelligenten Anordnung wirken und ein Bild vom Konflikt der deutsch-jüdischen Identität vermitteln. Hoffentlich sammelt Chaim Noll nicht erst wieder ein viertel Jahrhundert lang Geschichten, bevor er den nächsten Erzählband herausgibt.


Wir danken dem Verbrecher Verlag für das Rezensionsexemplar.

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