Auguste Hauschners „Der Tod des Löwen“: Böhmens Sonne ist im Niedergang

Ein Jahr ist es schon wieder her, da erinnerte sich die europäische, aber vor allem die deutsche Öffentlichkeit an vierhundert Jahre Dreißigjähriger Krieg. Ausgangspunkt wie Zentrum dieses Konflikts war die Stadt Prag, in deren Stadtmauern böhmische protestantische Stände auf katholische Herrscher stießen und aus dem Fenster warfen. Die Gewalt verließ diese Stadt nicht, dreihundert Jahre später war die Stadt schon wieder zu klein für zwei geworden: dieses Mal für Tschechen und Habsburgerdeutsche. Wer in die Geschichte Prags schaut, der entdeckt eine unruhige Stadt – das gilt auch für „Der Tod des Löwen“ von Auguste Hauschner.

Wer einmal schauen möchte, wie männliche Kanonisierung funktioniert, der muss nur den Wikipedia-Eintrag zum „Prager Kreis“ besuchen. Dort wird er neben den Dazugehörigen wie Franz Kafka und Max Brod eine Liste weiterer Männer finden, allesamt verdienstvoll, fraglos, doch Auguste Hauschner erblickt man dort nicht. Wer dann auch noch einen traurigen Blick darauf wirft, was von Hauschner noch lieferbar auf den Backlists der Verlage steht, der wird nichts finden, außer die üblichen BoD-Ausgaben direkt aus der Hölle fragwürdiger Verlage. Umso verdienstvoller ist es nun, dass der homunculus verlag aus Erlangen Der Tod des Löwen nun in schöner, belastbarer Ausgabe neu aufgelegt hat.

„Trotz hundert Päpsten und Brüdern und Erzherzogen, ein Rudolf von Habsburg verlässt den Posten nicht, auf den ihn Gott der Herr selbst hingestellt hat.“

Die 1916 erschienene Novelle spielt im Prag, das sich am Vorabend des Dreißigjährigen Kriegs befindet. Der als schwacher Herrscher geltende Rudolf II. befindet sich in den letzten Momenten seiner Regentschaft als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, der zu dieser Zeit in Prag residiert. Die strukturellen Probleme des Reiches und religiösen Konflikte innerhalb des Reiches machten eine Eskalation immer wahrscheinlicher, im Text drückt sich explosive Stimmung vor allem im Stimmungsbild des Kaisers ab, der sich dem Leser als unsicherer Nervösling präsentiert: „‚Oh, wie sie alle an mir zerren. Der eine sagt mir so, der Zweite anders.'“

„Ich! Ich! Ich befehle! Ihr habt zu gehorchen!“

Dieser verschanzt sich normalerweise in seinem Schloss („Gespenst über Gespenst. Im Schloss wird man von Mauern erstickt, im Freien schreckt die Grenzenlosigkeit des Raums.“) und vertraut bei der Ausdeutung seines Schicksals wahlweise auf den Astronom Tycho Brahe, der sich dem astrologischen Sehnsüchten seines Herrschers allerdings entzog („Der Däne war ein Ketzer, der sich erdreistete, den Einfluss der Gestirne auf das Menschenschicksal anzuzweifeln, und er versuchte, den Sternenlauf zu einem System von gesätzmäßigen Bewegungen herabzusetzen.“) oder aber dem Wohlergehen des titelgebenden Löwens: „Mehmet Ali war des Kaisers Liebling. Durch eine Weissagung waren ihrer beider Schicksale verknüpft: Des Löwen Ende sollte dem Monarchen Tod bedeuten.“

Was im Zwinger dort zugrunde ging, war ihm nicht das Dasein eines Wüstentiers; das Todesurteil über Rudolfs des Zweiten wurde dort gefällt.

Als auch noch ein Komet am Himmelszelt gesichtet wird, ist der eh schon nervöse Rudolf II. komplett am Ende, was ihn schließlich dazu bewegt, den zweifelhaften Schutz der Schlossmauern zu verlassen. Denn im Prag der Zeit wohnt auch noch eine andere Figur, die über besondere Fähigkeiten verfügen soll: Rabbi Löw bzw. im Text auch Rabbi Ben Bezalel genannt. Diesen möchte Rudolf dazu bewegen, ihn in die Geheimnisse der Kabbala einzuführen, was Rabbi Löw trotzig mit dem Verweis darauf ablehnt, dass dies Christen nicht erlaubt sei.

„Man sagt, er habe einen Menschen aus schnödem Ton gebaut und durch Magie ihm Oden eingeflößt.“

Die Welt, in die der Leser in der Novelle eingeführt wird, zeichnet sich durch ihre magisch-mythische Übercodierung aus. An jeder Ecke lauert eine Figur, die ein intimes Verhältnis zu den inneren Geheimnissen der Welt besitzt. Im Gegensatz zu Prager Romanen wie Gustav Meyrinks Walpurgisnacht fehlt jedoch Gesellschaft fast komplett. Rudolf begegnet hier und da der Masse auf der Straße, doch sie kein wirklicher Faktor für die Narration. Das liegt auch daran, dass der Roman das höfische Gesellschaftsbild übernimmt, das er in der beschriebenen Zeit vorfindet, und Rudolf II. zur zentralen Temperaturkurve macht, an dessen fiebrigen Ausschlägen sich gesellschaftliche Zustände ablesen lassen.

Blind und taub schritt der Kaiser durch diese unbekannte Welt.

Und so kommt es auch, dass die komplette Prager Welt wie die Verlängerung Rudolf II. selbst wirkt, der von einem alchemistisch verwirrten Gedankengang zum nächsten irrt. Rabbi Löw, Tycho Brahe, der Löwe Mehmet Ali – sie alle sind sind mit dem Schicksals des Kaisers verquickt. Dass aus der Novelle dann nicht „nur“ das Psychogramm eines verwirrten Königs wird, liegt auch an der literarischen Qualität einer Auguste Hauschner, die es schafft deutlich zu machen, dass diese flirrende Atmosphäre den Zustand einer Stadt beschreibt, die zum Erscheinen 1916 selbst nun fast wieder kurz vorm Überkochen ist.

Dementsprechend düster fällt der Ausblick am Ende der Novelle aus: „Böhmens Sonne ist im Niedergang, am Horizont erheben sich die Schatten großer Finsternisse: Es dämmert des dreißig Jahre langen Krieges graue blutigrote Nacht.“ Als Auguste Hauschner diese Worte schreibt, ist ein weiterer brutaler Krieg gerade in die Halbzeit gegangen und noch schrecklichere Kriegsjahre stehen bevor. Wer Auguste Hauschner heute liest, wird sie in der Liste der bedeutenden Prager Schriftstellerinnen nie wieder auslassen.


Wir danken dem homunculus Verlag für das Rezensionsexemplar.