Aus dem Osten: Kathrin Schmidts „Kapoks Schwestern“

Kapoks Schwestern

Kathrin Schmidt, die vor sieben Jahren mit „Du stirbst nicht“ den Deutschen Buchpreis gewann, hat einen neuen Roman vorgelegt. „Kapoks Schwestern“ lässt sich wohl ohne weiteres als Berlin-Roman identifizieren. Schauplatz ist jedoch kein hipper Szenebezirk wie Mitte, Neukölln oder Friedrichshain, sondern eine Einfamilienhaus-Siedlung am Baumschulenweg im Südosten von Berlin, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Die Siedlung in Köpenick ist Ausgangspunkt für eine Erinnerungsreise in die Geschichte des letzten Jahrhunderts, die anhand zweier Familien erzählt wird und von Berlin aus in den Osten führt, um am Ende nach Berlin zurückzukehren.

Nach vierundzwanzig Jahren „selbstgewähltem Exil“ ohne Kontakt zur Familie kehrt Werner Kapok im Spätsommer 2014 zurück in sein Elternhaus, das von seiner Schwester Renate bewohnt wird.
Aus der Zeit gefallen ist die Siedlung „Eintracht“ rund um den Lingusterweg in Berlin-Köpenick, in der er seine Kindheit verbrachte – die Häuser verfallen, die junge Generation verlässt die Siedlung, um in andere Bezirke und Städte zu ziehen, die Infrastruktur bietet nicht einmal mehr einen nahegelegenen Supermarkt. Genau so, wie die Zeit in der Siedlung seit seinem Weggang vor 24 Jahren  im Jahr 1990 stillgestanden zu haben scheint, hat sich auch nichts am Verhältnis zu den Nachbarsschwestern verändert. Claudia und Barbara Schaechter, zwei alleinstehenden Frauen in ihren Mid-Fünfzigern, mit denen die Kapok-Geschwister ihre Kindheit verbrachten, sind nach dem Tod von Joachim und Cilly Schaechter in ihr Elternhaus, den Gropiusbau – es wurde von einem Gropius-Schüler errichtet – zurückgekehrt. Sie sind die titelgebenden Schwestern von Kapok, mit denen er keine familiäres, sondern vielmehr ein ehemals amouröses Verhältnis während seiner Jugendjahre verbindet.

Man geht sich aus dem Weg, bis man zwangsläufig doch aufeinandertrifft. Nachdem die inoffizielle, aber doch über Jahre aufrechterhaltene Beziehung zwischen Werner und Barbara in die Brüche ging, verließ er sein Elternhaus, um mit Ditte, einer Konsum-Verkäuferin zusammenzuziehen und sie zu heiraten, als sie schwanger wurde. Kurz nach der Geburt seines Sohnes Henry war ihm klar, dass ihn die Mutter seines Kinders mehr anwiderte als gefiel, weswegen er sich trennte und Berlin letztlich 1990 den Rücken kehrte, als seine Professur für „interdisziplinäre Zivilisationsforschung“ an der Humboldt-Universität zu Berlin, die seinetwegen nur zwei Jahre zuvor geschaffen wurde, abgeschafft wird. Einen Dozenten für marxistisch-leninistische Theorien brauchte im wiedervereinigten Deutschland niemand mehr, vor allem, weil er nebenbei auch als inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit zur Hand ging.
Kapok zog nach Trebesee, einem Dorf in Mecklenburg, das langsam verfällt und nicht einmal mehr an das Streckennetz der Deutschen Bahn angeschlossen ist, um sich dort „zu verrücken“, um nicht verrückt zu werden:

Verrücken war die Art gewesen, mit der er dem Verrücktwerden etwas entgegenstellen wollte. Verrückte sich also selbst nach Trebesee. Verrückte seine in den verschiedenen Gehirnkästen existierenden Präferenzen, seine Art sich zu kleiden, zu essen, einzukaufen. Es kam vor, dass er Socken an den Händen trug und eine dunkle Unterhose, zur Mütze verschnürt, auf dem Kof. Das er winters in dicker Jacke unter dem XXL-Oberhemd das Haus verließ. Grüße am Abend mit „Guten Morgen“ und umgekehrt.

Das Kopfkissen riecht ebenso wie Laken und Decke nach Zeit.

Nicht nur Werner, sondern auch den Schaechter-Schwestern scheint die Begegnung unangenehm, ein Erinnerungsprozess wird angestoßen, der den Roman im Folgenden seinen Stoff bietet: Kapoks Schwestern ist nicht nur Wende-, sondern auch und vor allem ein epochaler Familienroman, der primär die Familiengeschichte der Schaechters nach und nach freilegt.
Die einzelnen Abschnitte des Romans, die ohne Betitelung auskommen, springen assoziativ zwischen den Generationen, Jahrzehnten und Schauplätzen; pfeift in der Küche der Schaechter-Schwestern im erzählten Jetzt der Teekocher, eröffnet der folgende Abschnitt mit dem Aufgießen des Tees im Jahr 1934 durch die gemeinsame Großmutter. Hinsichtlich der assoziativen Erinnerungstechnik erinnert „Kapoks Schwestern“ stark an Petrowskajas „Vielleicht Esther“, wobei in Petrowskajas Fall die Bilder noch weitaus poetischer und symbolstärker sind als bei Schmidt, die vor dem Hintergrund ihres realistischen Erzählstils eher zu unscheinbaren oder alltäglichen Assoziationsbildern neigt.

Über ihre jüdische Herkunft und die Geschichte der Eltern wissen Barbara und Claudia nämlich wenig. Besonders Vater Joachim, Jahrgang 1919, der mit den Eltern und Schwester in Moskau „überhitlerte“, predigte zu Lebzeiten, dass seine jüdische Herkunft im Sozialismus nichts gelte: „Er vermied es, ‚Juden‘ zu denken, wie er auch sich selbst allenfalls für den Sohn eines Juden hielt.“ Claudia und Barbaras Mutter Cilly Schaechter, geborene Bokshorn, hielt es ähnlich wie er Mann, den sie 1948 in Leipzig während des Studiums kennenlernte. Als sie in einer Erinnerungsepisode von Werners Mutter Henny nach der Herkunft des Rezepts ihres Eintopfes, dem typischerweise zu Shabbat gereichten Tscholent, erkundigt, gibt sie nur an: „Aus dem Osten, ja.“ Erst spät, als Mutter Cilly im hohen Alter dement wird, fängt sie an, jiddisch zu sprechen und auf die jüdischen Speisegesetze zu verweisen. Auf alten Videobändern aus der Kindheit entdecken die Schwestern ihren Vater, der eine von der Mutter selbstgehäkelte Kippa trägt; dass es sich um eine religiöse Kopfbedeckung handelt, bemerken die Frauen erst vierzig Jahre später – genau wie die Tatsache, dass sie selbst jüdisch sind.

Gestern Morgen hat er geflucht, dass sein Sohn ihm Hend und Hose geklaut hat, um verschwinden zu können. Heute findet er es hingegen gut, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt und ihm offenbar beide passen. Die Möglichkeit, dass er selbst nicht weit ab vom Stamm liegen kann, will er sich aus dem Kopf schlagen.

Letztendlich ist „Kapoks Schwestern“ auch ein Roman über die Beziehungen zwischen Eltern und ihren Söhnen und Töchtern. Erst als Werners Sohn überraschend im Kapokhaus auftaucht, bemerkt er, dass er nichts über ihn weiß und er ihm gefehlt hat. Noch in der Nacht des Wiedersehens flüchtet Henry, ohne eine Spur im Rest des Romans zu hinterlassen, genau wie sein Vater, der 1990 spurlos nach Trebesee verschwand. Auch Werner wendete sich mit seiner Flucht nicht nur von seinem bisherigen Leben, sondern auch vor allem vom Vater Kurt Kapok ab, der in den Rückblicksepisoden eher streng und unnahbar als liebe- und verständnisvoll erscheint und auch das eine oder andere Mal antisemitische Anspielungen und Kommentare fallen lässt.

Anhand zweier Familiengeschichten rekonstruiert Kathrin Schmidt auf den knapp 450 Seiten von „Kapoks Schwestern“ leichtfüßig und mit Blick fürs Detail über einhundert Jahre deutscher Geschichte. Bei der nur selten lang werdenen Lektüre wäre das eine oder andere Mal ein Figurenverzeichnis oder Stammbaum hilfreich gewesen, wie er etwa anderen großen Familienromanen wie „Das achte Leben“ von Nino Haratischwili beiseite gestellt wird. Auf der Hand liegt jedoch, dass Schmidt ihr Handwerk beherrscht: Gekonnt führt sie die vielen losen Handlungsfäden und die daran hängenden Lebensgeschichten zusammen und verflechtet sie mit großer Gewissenhaftigkeit zu einem dichten Text, ohne dabei den Mut zur Leerstelle – über Henry erfährt man beispielsweise fast nichts, er taucht auf und verschwindet wieder – zu verlieren. Hoffentlich lässt Schmidt nicht wieder sieben Jahre auf ihren nächsten Roman warten.


Wir danken Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar.

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