„Auserwählt, um Widerstand zu leisten“: Jan Wehns „Morgellon“

Wehn-Morgellon

Noah Zimmermann hat ein Urlaubssemester genommen und sich in die – noch unveränderte – Wohnung seines kürzlich verstorbenen Großvaters einquartiert. Die unter der Matratze versteckten Bargeldreserven sorgen für das leibliche Wohl des Studenten, der von dem Geld Pizza bestellt oder seinen alten Freund und Ärztesohn Sven dafür bezahlt, dass dieser ihm mit Vatis Rezeptblock bei der Beschaffung von Medikamentennachschub hilft, seit die Vorräte des Großvaters an Benzodiazepinen zur Neige gehen. In seiner Debütnovelle „Morgellon“ erzählt Jan Wehn vom Abschied aus der Realität und dem neuen Weltbild zwischen Chemtrails und der ‚GmbH Deutschland‘, der immer mehr Menschen Glauben schenken.

Gleich zu Beginn der Lektüre wird klar, dass sich dieser Ich-Erzähler physisch wie psychisch in einem labilen Zustand befindet. Neben dem Tod des Großvaters hat er zum Rest seiner Familie – so wird später deutlich – ein schwieriges Verhältnis:

Im Traum sitzen wir alle zusammen am Esstisch. Mama, Samu, Papa und ich. Wir essen Tafelspitz mit Meerrettichsauce und Salzkartoffeln. Papa erzählt von den Patienten aus der Praxis und wir lauschen kauend seinen verrückten Geschichten. Danach erzählt Mama, wen sie alle auf dem Wochenmarkt getroffen hat. Anschließend ist Samu an der Reihe und erzählt vom Fußballtraining und aus dem Kindergarten. Danach will ich auch etwas erzählen, aber keiner hört mir zu. Es ist, als ob ich gar nicht existieren würde.

Küchenpsychologen würden hier den Grund für das Drogenproblem suchen, vielleicht ist diese aber auch nur Symptom der gelangweilten Generation Y, der sich der Ich-Erzähler zuordnen lässt. Noahs Drogensucht steht nicht im Vordergrund von „Morgellon“, sie ist vielmehr Anlass für das Einsetzen der Handlung, die auf 75 Seiten der Eskalation entgegensteuert.

Als dieser nämlich bei einem Besuch von Sven, der ihm neue Rezepte vorbeibringen will, über Kopfschmerzen klagt, vermutet sein Freund aus Kindertagen die Chemtrails am Himmel seien Schuld. Mehr aus Langeweile als aus Überzeugung beginnt Noah wenig später zu googlen und stößt im Netz auf die Verschwörungstheorien jener, die hinter den weißen Kondensstreifen am Himmel eine absichtliche Anreicherung mit Chemikalien vermuten, um die Menschheit wahlweise zu vergiften, zu unterjochen oder zu vernichten.

Weil es ja nichts schaden kann, baut er nach der Anleitung eines YouTube-Videos von einer gewissen Lea einen sogenannten Orgonitkegel zur Abwehr der Wirkung nach – und ist erstaunt, als seine Kopfschmerzen und Sehstörungen nachlassen. Er radikalisiert sich, glaubt, an der „Morgellons“-Krankheit zu leiden, bei der Betroffene meinen, dass feine Fäden ihnen aus der Haut wuchsen, die von den Chemtrails über die Luft in den Körper aufgenommen wurden. Der Spiegel berichtete bereits 2012 über dieses neue Krankheitsbild, das erstmals in den USA auftrat, und kommt nach einer Studie („Mehr als die Hälfte der Betroffenen litt der Untersuchung zufolge an psychischen Problemen, darunter auch Depressionen – das ist eine ungewöhnlich hohe Quote. Zudem maßen die Mediziner per Haarprobe, dass die Hälfte der Patienten kürzlich Drogen oder starke Beruhigungs- oder Schmerzmittel konsumiert hatte.“) zum Fazit, dass das Hautleiden „wohl auf Einbildung“ beruhe. Der titelgebende „Morgellon“, ein Einzelner, der zu Unbehagen des Ganzen – der Gesellschaft – führt, ist in letzter Konsequenz Protagonist Noah selbst.

Immer weiter lässt der Ich-Erzähler sich auf die Verschwörungstheorien ein, über die er sich im Internet austauscht und an denen er keinerlei Zweifel mehr hat. Schließlich gerät er auch an eine Gruppe von Reichsbürgern, die der Bundesrepublik nicht nur ihre Existenz aberkennen, sondern auch einen bevorstehenden Bürgerkrieg, in dem nicht weniger als „die vollständige Auslöschung Westeuropas“ vollzogen werden soll, vermuten. Am Ende verbarrikadiert sich Noah in der Wohnung seines Großvaters und wartet mit dessen Jagdgewehr auf den Angriff: „Der Lauf zielt direkt auf Brusthhöhe. Sollen sie nur kommen.“

„Morgellon“ erzählt die sehr zeitgenössische Geschichte einer Eskalation: Schließlich steigen seit Jahren die Zahlen jener, die an der Informationskompetenz der etablierten Medien zweifeln und mithilfe von alternativen Fakten ein Gegenkonzept von Realität konstruieren, in dessen Mittelpunkt die Weltverschwörung steht.

Wir sind wenige, aber schon bald wird das ganz anders aussehen. Träumt einer, ist es nur ein Traum, aber träumen viele, ist es das Startsignal einer neuen Wirklichkeit. So war es doch, oder etwa nicht?

Ob es sich bei Wehns 75-seitigen Text wirklich um eine Novelle handelt, ist streitbar: Die kategorischen Merkmale dieses Genres erfüllt der Text nur bedingt. Als Rahmenerzählung könnte man die beiden Bilder lesen, die den narrativen Text voran- und nachgestellt sind; Über die hellblauen Doppelseite zu Beginn des Text erstreckt sich ein einzelner Kondensstreifen, auf der letzten ebenso blauen Doppelseite unzählig viele.
Auch scheint der Einsatz von umgangssprachlichem Jugendslang an der einen oder anderen Stelle noch etwas schief und ungelenk; trotzdem gelingt es Wehn, die Thematiken literarisch aufzuarbeiten. Durch die Ich-Perspektive hat der Leser unmittelbar an der Radikalisierung von Noah Teil, nach und nach verschwimmen – durch Drogenkonsum und Verschwörungstheorien in gleich doppeltem Sinn – die Realitäten.


Wir danken dem Korbinian Verlag für das Rezensionsexemplar.

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