Ausstellung: Werk und Leben von Arno Schmidt in 100 Stationen

Zettelkasten

Die Akademie der Künste in Berlin zeigt derzeit in Zusammenarbeit mit der Arno Schmidt Stiftung eine Ausstellung zum Werk und Leben Arno Schmidts in einhundert Stationen. Der Besuch lohnt sich.

Wer Halle 3 der Akademie der Künste im Hanseatenweg betritt, wird von Dunkelheit empfangen. Die einhundert Stationen, die der Ausstellung ihren Namen geben, weisen in Form von durchnummerierten Leuchttafeln den Weg durch den Ausstellungsraum und sind gleichzeitig als Orientierungspunkte im umfassenden Werk Arno Schmidts zu verstehen, die auch Besuchern einen leichten Zugang ermöglichen, die mit Schmidts Texten nicht vertraut sind.
In grob chronologischer Ordnung [man beginnt beim Klingelschild des Elternhauses und endet beim letzten Manuskript] führen die Station von Vitrine zu Vitrine, die jeweils zwei Objekte ausstellen und meist in Opposition zueinander stehen: so heißen die Stationen, die sich eine Vitrine teilen beispielsweise „Atheismus und Privat-Mythos“, „Goethe und Wieland“ oder „Kostüm und Lederjacke“. Jede der Vitrinen wird umrundet, um neben der Erläuterung zum Gegenstand auch einen passenden Ausschnitt aus einem literarischen Text oder einem Brief Schmidts zu lesen: man verschafft sich ein Gesamtbild, in dem man Schmidt buchstäblich „von allen Seiten“ betrachtet.

Die Ambivalenz, die sich in der Konzeption und Anordnung der Ausstellung ausdrückt, spiegelt sich im Gesamteindruck, den der Besuch von Arno Schmidt gewinnt: während sein literarisches Werk experimentell neue Ausdrucksmöglichkeiten zu erschließen versucht und seine Texte als deutschsprachige Neo-Avantgarde gelten können, ist die private Person Arno Schmidt ein biedermeierlicher Spießer, der sich aufs Land ins niedersächsische Bargfeld zurückzieht und in einer langjährigen Ehe zwischen Einmachgläsern und Schlagermusik arbeitet.

Es wird deutlich: auch eine noch so gut konzipierte Literatur-Ausstellung wie diese kommt nicht ohne die „auratischen Gegenstände“ aus: Schmidts grüne Lederjacke, die in verschiedenen Texten vorkommt und die der Autor auf verschiedenen Fotografien trägt, sein Teddy aus Kindertagen oder Bleistiftstummel, die bis aufs letzte Stück herunter geschrieben sind. Für den Schmidt-Liebhaber sind solche Objekte sicherlich von emotionalem Wert, für einfache Besucher ist es wohl eher unverständlich, was der Steiff-Teddybär als Massenware zum Autor Schmidt aussagt.

Interessant jedoch ist, dass Schmidt sich der Aura gewisser Gebrauchsgegenstände aus seinem Besitz bereits zu Lebzeiten bewusst ist: so signiert er Bücher, die er sich anschafft, mit kurzen Kommentaren, oder schenkt seiner Haushälterin ein Stück seines Holzschreibtisches, das er ihr widmet, signiert und damit authentifiziert. Es wird schnell klar: Arno Schmidt denkt seinen Nachlass zu Lebzeiten bereits mit und leistet durch das Sammeln, Aufbewahren und Authentifizieren in gewisser Weise die Vorarbeit für Ausstellungen wie diese.

Von der Sammel- und Sortierleidenschaft zeugt auch das wohl wichtigste Objekt der Ausstellung: Eine kleine Auswahl der Zettelkästen zu „Zettels Traum“. Eindrucksvoll zeigen diese selbstgefertigten Holzkästen, die mit kleinen handschriftlich oder mit der Schreibmaschine beschrifteten Karteikarten den Schreibprozess des literarischen Werks Arno Schmidts auf.

Neben den Zettelkästen ist das fünfzehnminütige Video der Station „Kann-Arnien-Vogel“ ein besonderer Fund. Es zeigt das Interview von Jürgen Möller für den Norddeutschen Rundfunk zu Arno Schmidts Roman „Kaff auch Mare Crisium“ vom 21. März 1961 im Bargfelder Haus, in dem der Autor sein Verständnis von Sprache, moderner Literatur und den eigenwilligen Prosaformen und der selbstgemachten Rechtschreibung erläutert, die sein Werk durchziehen. Wer bisher ratlos vor der Form der Schmidtschen Texte stand, dem geht spätestens hier ein Licht auf.

Der Besuch der Ausstellung der Akademie der Künste ist – für Liebhaber und Nicht-Kenner des Werks gleichermaßen – eine absolute Empfehlung. Mehr Informationen gibt es auch auf lustauflesen.de.


Arno Schmidt. Ausstellung in 100 Stationen.
Akademie der Künste Berlin, Haus am Tiergarten, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin.
Di – So, 11 – 19 Uhr
Eintritt 6 / 4 € [Bis 18 Jahre und dienstags von 15-19 Uhr Eintritt frei]

2 Kommentare

  1. Es ist, soweit ich das dem Bericht / der Kritik entnehmen kann, die Ausstellung, die schon in Celle gezeigt wurde. Celle hat gegenüber Berlin einen Vorteil: Es ist nicht weit bis Bargfeld. Dort lässt sich das Haus besichtigen, in dem Schmidt lebte und schrieb. Auch Jahrzehnte nach seinem Tod kann man hier die Einsamkeit erfahren, die Schmdit suchte und zum Arbeiten brauchte. Ähnlich wie bei anderen Autoren der Nachkriegszeit wird es für die gegenwärtigen Leser schwierig, das Werk Schmidts zu verstehen. Das beginnt schon bei Abkürzungen wie EVG für die Europäische Verteidigungsgemeinschaft, setzt sich bei dem Geist der fünfziger Jahre und der Politik Adenauers fort und ist bei der Auseinandersetzung mit der Kirche noch lange nicht durch. Aber im Unterschied zu Böll oder dem fast vergessenen Paul Schallück beeindruckt Schmidt immer noch mit seiner Sprache und seinem Humor. Danke für den gut geschriebenen Bericht und die uneingeschränkte Empfehlung. Schmidt braucht Reklame.

    • Lieber Manfred, danke für deinen Kommentar. Ja, das stimmt, die Ausstellung, die im Moment in der AdK zu sehen ist, wurde vorher in Celle gezeigt.
      Die Nähe zu Bargfeld war sicherlich ein Vorteil für den Standort Celle, aber da Schmidt, wie du so treffend formuliert hast, die Reklame braucht, erreicht die Ausstellung in Berlin sicher viel mehr Menschen, die sich dann hoffentlich so stark begeistern lassen, dass sie die Pilgerfahrt nach Bargfeld auf sich nehmen, um den Kann-Arien-Vögeln zu lauschen. Liebe Grüße!

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