Alle Artikel vonGerrit

Philipp Schönthalers »Der Weg aller Wellen«: Unknown Identity

Wann hört Gegenwartsbeschreibung auf, wann fängt Dystopie an? Die Frage drängt sich bei der Lektüre von Philipp Schönthalers  »Der Weg aller Wellen« auf, denn seine Version einer aus dem Ruder laufenden Silicon Valley-Gesellschaft ist so nah an der Realität, dass die Grenzen verschwimmen. Tatsächlich bewirbt der Verlag das Buch auch gar nicht als Dystopie, die Rezeption möchte sie dennoch darin erkannt haben. Hat die Zeit die Dystopie überholt? Leben wir in einer Dystopie? Weiterlesen

Ocean Vuongs »On Earth We’re Briefly Gorgeous«: Friction and Fiction

Was kann eine solche Rezension leisten, außer den Begeisterungssturm noch einmal ertönen zu lassen? Nichts. Aber in seltenen Fällen ist dies auch gerechtfertigt, denn ein Buch wie »On Earth We’re Briefly Gorgeous« taucht nur sehr selten auf dem Horizont der Gegenwartsliteratur auf. Sowohl die amerikanische wie auch die deutsche Rezeption überschlägt sich im Lob, was auf der anderen Seite zu erwarten war, als dass es eine allgemeine Sehnsucht nach frischen Stimmen gibt, auf der anderen Seite aber auch verblüffen darf, da Vuongs Text sich den üblichen Strickmustern entzieht. Ocean Vuong hat zuerst als Lyriker auf sich aufmerksam gemacht, was vielleicht eine Erklärung dafür sein könnte, dass er es schafft, einen gleichzeitig leisen wie lauten Text zu kreieren. Weiterlesen

Steffen Kopetzkys »Propaganda«: Boys will be Boys

Während der Zeiten der Studentenproteste ’68 gab es einen beliebten Kampfspruch: »USA SA SS«. Das Verhalten Amerikas, gerade in Hinblick auf den Vietnamkrieg, sollte damit in die Nähe der Gräuel der Nationalsozialisten gerückt werden. Linke Renegaten wie Henryk M. Broder oder Götz Aly haben darin im Nachhinein einen psychologischen Reflex gesehen, die eigene Schuld den einstigen Siegermächten überzustülpen. Zwar kommt man nicht umhin, den Vietnamkrieg in der Nachbetrachtung als einer der schrecklichsten kriegerischen Auseinandersetzung der Post-Zweite-Weltkriegs-Epoche zu nennen, doch diesen Schlachtruf gerade aus deutschen Mündern zu hören, hat etwas Infames. Rund fünfzig Jahre später erklingt er erneut – dieses Mal aus den Buchdeckeln des neuen Romans von Steffen Kopetzky: »Propaganda«. Weiterlesen

Dana von Suffrins »Otto«: Dürfen die das?

Als am 20. August die Longlist zum Deutschen Buchpreis verkündet wurde, waren wieder die Social Media-Abteilungen der Verlage gefragt: Jubelbilder mussten her. Am meisten jubeln durfte S. Fischer, aber auch der Hanser Verlag konnte zufrieden sein. Sogar Wallstein durfte einmal kurz aufjuchzen, denn sie hatten das Kunststück vollbracht, sich mit einem der schlechtesten Romane der letzten Zeit auf die begehrten Plätze zu setzen. Nur Kiepenheuer & Witsch dürfte begossen in die Wäsche geschaut haben, als der Börsenverein in ihrem Fall schwarzen Rauch aufstiegen ließ. Und so machte der Verlag das einzig konsequente: Er präsentierte über Facebook und Twitter die wortwörtlichen leeren Hände. Das kann mal passieren, ist in diesem Fall aber ärgerlich, weil sie einen Roman im Petto gehabt hätten, der in diese Hände gehörte: »Otto« von Dana von Suffrin. Weiterlesen

Steven Blooms »Mendel Kabakov und das Jahr des Affen«: Biographie vs. Geschichte

Der ältere jüdische New Yorker Mann hat über Jahrzehnte die amerikanische Kultur geprägt, von Woody Allen bis Larry David, von Philip Roth bis Paul Auster. Auffällig: Der alte New Yorker Mann scheint besonders obsessiv über sich selbst oder andere, ähnliche alte Männer erzählen zu müssen. Und so ist die amerikanische Literatur- und Filmgeschichte voll von alten, männlichen Künstlern, Professoren, Schriftstellern, Regisseure etc. in New York. Da macht auch Steven Blooms »Mendel Kabakov und das Jahr des Affen« keine Ausnahme. Weiterlesen

Colson Whiteheads »The Nickel Boys«: Look at what they did to me

Vor zwei Jahren krachte Colson Whitehead mit Donnerhall auf den deutschen Buchmarkt. Sein Roman »Underground Railroad« schien das Buch zur Stunde zu sein – was erfreulich war, weil es sehr gelungener Roman war. Und vielleicht ein wenig unerfreulich, weil hinter dem omnipräsenten Whitehead die vielen weiblichen Autorinnen of Color zu verschwinden drohten, die sich in ähnlich gelungener Weise mit dem amerikanischen Rassismus auseinandersetzen. Dafür trägt Whitehead keine Verantwortung, es zeigt aber, dass die Rezeptionsverfahren immer noch Kalibrierung benötigen. So ist nun also Colson Whitehead eine echte internationale Marke geworden, was auch immer etwas bedrohlich ist. Denn Marken wollen gepflegt werden und provozieren vorschnelle Publikationen. Weiterlesen

Norbert Scheuers »Winterbienen«: Bienenstich

Nazis und Zombies, Nazis und Dinosaurier, Nazis und Aliens – wenn es um den Spieltrieb geht, verspürt vor allem das Trash-Segment des Hollywoodkinos eine große Lust daran, alles Mögliche auf Nazis oder Nazis auf absurde Dinge loszulassen. In der Kategorie der »Was wäre wenn«-Geschichtsschreibung rangiert der Nationalsozialismus immer noch an erster Stelle, was auch den anhaltenden Erfolg der Serienadaption »The Man in the High Castle« erklärt. Nazis sind also vielseitig einsetzbar: Da liegt es auf der Hand, einen Roman zu schreiben, der die beiden deutschen Lieblingsthemen verbindet – Nazis und Bienen. Weiterlesen

Katerina Poladjans »Hier sind Löwen«: Dark Side of the Moon

Die Weltliteratur ist voller Bücher über Büchermenschen: Schriftstellerinnen, Bibliothekarinnen, Archivarinnen, Literaturwissenschaftlerinnen, Buchhändlerinnen. Meist tritt Literatur dann in Selbstreflexion und überdenkt ihre inneren wie äußeren Umstände. Daraus kann ganz große Literatur wie zum Beispiel bei Canettis »Die Blendung« werden oder es wird so anstrengend wie wenn Thomas Mann über Goethe schreibt. Buchrestauratorinnen sind jedoch selten dabei. In »Hier sind Löwen« von Katerina Poladjan tritt genau eine solche Figur aufs Tableau. Weiterlesen

Jaroslav Rudiš »Winterbergs letzte Reise«: Lonely Planet Kakanien

Mittel- und Osteuropa ist ein topographischer Raum, der über Jahrhunderte in deutscher Sprache verzeichnet wurde. Gerade Tschechien bzw. Böhmen schien seit der Herrschaft der Habsburger geradezu deutsches Kernland, obwohl das Deutsche eher Sache der ständischen Eliten war. Mit der Gewalt, mit der Deutsche und Österreicher das 20. Jahrhundert überzogen, zerrissen sie die Bande, die Europa mit ihrer Sprache überzogen. Zurück blieb die Erinnerung an einen deutsch-kakanischen Sprachraum, von dem »Winterbergs letzte Reise« erzäht. Weiterlesen

Sibylle Bergs »GRM«: »Wohlstand für viele und Elend für die Low Performer«

Kaum ein Buch wurde in diesem Jahr so stark antizipiert und dann auch so frenetisch durchgejubelt wie der neueste Roman von Sybille Berg, »GRM«. Das mag am Text liegen, es liegt aber sicherlich auch an der Person Bergs, die in der öffentlichen Wahrnehmung als ähnlich lässige Rebellin gilt wie eine Virginie Despentes – und das obwohl sie sich mit SPIEGEL Online und Jan Böhmermann eingelassen hat. Sibylle Berg ist überall: Kolumnistin, Theaterregisseurin, Schriftstellerin. Vielleicht prädestiniert sie auch das dafür nun mit »GRM« einen Text vorzulegen, der sich in das Herz der Finsternis unserer Gegenwart hineinwagt. Weiterlesen