Alle Artikel vonGerrit

Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale“: Im inneren Salon

TheHandmaidsTale

Bei den diesjährigen Emmy-Verleihungen gab es viele Sieger, wie sollte es auch anders sein, bei einer Verleihung, die Preise mit der Gießkanne ausschüttet. Doch einer der großen Sieger war sicherlich „The Handmaid’s Tale“. Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Roman der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood und zieht einen mittellangen Roman auf die Länge von zehn Folgen. Die im Text so dominante Ich-Erzählerin June Osborn bzw. Offred wird in der Serie ausgerechnet von der so talentiert wie religiös verwirrten Elisabeth Moss verkörpert. Doch dass die Hauptdarstellerin einer Serie, die eine totalitär-religiöse Gesellschaft zeichnet, sich der Humbug-Gemeinschaft von Scientology angeschlossen hat, ist nicht die größte Krux. Wer heute noch mal Atwoods Roman „The Handmaid’s Tale“ liest, kann verstehen, warum dieser Stoff als Serie nur scheitern konnte – und warum Atwood eine große Schriftstellerin ist. Weiterlesen

Sabrina Janeschs „Die goldene Stadt“: Auf dem Umweg zum Weltruhm

Die goldene Stadt

El Dorado – so heißen heute nur noch schlechte Tex-Mex-Restaurants und noch schlechtere Cocktail-Bars, in denen der Cocktail-Preis zur Happy Hour schon mal in den bedenklichen Bereich rutscht. Lange Zeit war der Name „El Dorado“ jedoch eine Verheißung auf die ganz große Entdeckung und gleichzeitig der Inbegriff der kolonialen Ignoranz: Als die spanischen Konquistadoren alles Gold, das Südamerika zu rauben hatte, eingeschmolzen und ins Mutterland gebracht hatten, erträumte man sich einen Ort, der vor lauter Gold überquoll. Viele haben auf der Suche nach der sagenumwobenen Stadt aus Gold ihr Leben an den unbarmherzigen Dschungel verloren oder von Moskitos zerstochen und entnervt aufgegeben. Einer, der sich auch auf den Weg machte, war der Deutsche Rudolph August Berns. Der entdeckte zwar dann nicht El Dorado, aber immerhin mit Machu Pichhu die bedeutendste Ruinenstadt, die von der Inka-Kultur erhalten geblieben ist. Über seine unwegsame Reise hat Sabrina Janesch nun ihren neuen Roman „Die goldene Stadt“ geschrieben. Weiterlesen

Ijoma Mangolds „Das deutsche Krokodil“: Das Unikum

Das deutsche Krokodil

Als Kritiker selbst Bücher zu schreiben, ist wohl das gefährlichste Vorhaben in der Literaturbranche. Gibt es positive Reaktionen vermutet jeder Freundschaftsdienste, wird das Buch verrissen, meint man die Messer zu hören, die schon jahrelang in Vorbereitung gewetzt wurden. So oder so, man kann es eigentlich kaum jemanden Recht machen. Früher war das eigene (literarische) Schreiben und Kritikersein noch kein Widerspruch, da war es aber auch üblicher, dass Schriftsteller als Kritiker tätig wurden. In jüngerer Vergangenheit hat Fritz J. Raddatz sich mit seinem eigenen Werk ganz passabel geschlagen, vor allem mit seinen biographischen Texten, Reich-Ranicki versuchte sich erst gar nicht am Fiktionalen, feierte dafür riesige Erfolge, vor allem mit seinem Memoir. Schlechter erging es da Helmuth Karasek, der mit seinen literarischen Gehversuchen regelmäßig auf die Nase fiel. Nun hat sich Ijoma Mangold, Literaturchef bei der ZEIT, ein Herz gefasst und in „Das deutsche Krokodil“ sein Leben beschrieben. Leider hat der literaturbeflissene Kritiker darin keinen konsequenten Umgang mit dem Autobiographischen gefunden. Weiterlesen

Ingo Schulzes „Peter Holtz“: Lebt denn der alte Schelmenroman noch?

Peter Holtz

Der Schelmenroman ist ein trügerisches Genre. Er gibt einen leichtfüßigen Ton vor, muss sich seicht anfühlen, ohne es zu sein. Der Schelm ist eine naive Figur, doch der Roman darf nicht naiv sein. Der Schelm hat ein simples Weltbild, doch seine literarische Einbettung muss differenziert sein. Und der Schelm hat ein kindliches Gemüt, doch es gibt nichts Schlimmeres als kindliche Literatur. Wie es der Gemeinplatz sagt, ist das Einfache schwer zu machen und so ist es auch beim Schelmenroman. Seine Wurzeln reichen bis in die Vormoderne zurück, der Referenztext ist und bleibt der „Simplicissimus“. Mit der Grasschen Blechtrommel hat vielleicht zum letzten Mal ein deutscher Literat Erfolg mit diesem Genre gehabt, auch wenn Oskar Matzerath vielleicht kein lupenreiner Schelm ist. Nun hebt Ingo Schulze an, das Schelmische in der Literatur wiederzubeleben. Sein „Peter Holtz“ schaffte es zwar auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2017, scheiterte aber zur Überraschung vieler an der Shortlist. Man muss leider sagen: zu Recht. Weiterlesen

Édouard Louis‘ „Im Herzen der Gewalt“: Verbrechen und Strafe

Im Herzen der Gewalt

Die französische Soziologie und Philosophie sind sicherlich diejenigen auf dem Kontinent mit der breitesten Strahlkraft. Ihre Hochzeit hatten die französischen Theoretiker in den 60er und 70ern; nun, da die Grandseigneurs mittlerweile abgetreten sind, treten ihre Schüler aus deren Schatten. Allen voran ein gewisser Didier Eribon, der bei Pierre Bourdieu in die Lehre ging und in Frankreich schon länger als öffentlicher Intellektueller präsent ist. In Deutschland sorgte er mit dem Überraschungshit „Rückkehr nach Reims“ für Aufsehen. Gleichsam eifrig, aber hierzulande noch nicht ganz so bekannt ist Geoffroy de Lagasnerie, der sich in der Foucaultschen Tradition mit dem Wesen der Justiz und der Strafe auseinandersetzt. Und dann ist da Édouard Louis. Er ist der jüngste der drei und derjenige, der sich der Literatur zugewandt hat. 2015 kam in der deutschen Übersetzung sein Debütroman „Das Ende von Eddy“. Nun führt er mit „Im Herzen der Gewalt“ seine Auseinandersetzung mit den großen Theorielinien der französischen Soziologie weiter. Weiterlesen

Gerhard Falkners „Romeo oder Julia“: Es kann nur einen geben

Romeo oder Julia

He did it again: Nachdem Falkner letztes Jahr schon sein Buch auf die Longlist des Deutschen Buchpreis hieven konnte, hat er es nun mit seinem neuen Roman „Romeo oder Julia“ auf die Shortlist geschafft. Letztes Jahr hatte er mit „Apollokalypse“ eine deutsche Mentalitätsgeschichte abgeliefert und über den Zusammenhang zwischen Eros und Zerstörungswut sinniert. Obwohl Falkners Buch zu den besseren Anwärtern auf der letztjährigen Liste zählte, merkte man „Apollokalypse“ auch die Schwierigkeiten an, die der Romandebütant mit einer Gattung hatte, die bislang nicht zu seinem Repertoire gehörte. Nun, mit „Romeo oder Julia“ sitzt Falkner schon deutlich fester im Sattel und arbeitet sich am Ereignisbegriff ab. Weiterlesen

Michael Wildenhains „Das Singen der Sirenen“: Ausgeheult

Das Singen der Sirenen

Die Geisteswissenschaften haben es gesamtgesellschaftlich nicht leicht. Sie bringen keinen direkten Ertrag hervor, gelten als verquatscht und unproduktiv. Wer heuer eine Kostprobe eines weitverbreiteten Ressentiments genießen möchte, musste in den letzten Wochen nur einen Blick in DIE ZEIT werfen. Da verteidigte die zuletzt etwas über zwielichtige Konten ins Straucheln geratene Speerspitze des Feminismus ihr Zentralorgan „Emma“ gegen Rassismusvorwürfe, die die Gender-Theoretikerinnen Judith Butler und Sabine Hark erhoben. Ein einziges Wort reicht aus, um zu verstehen, woher der Wind eigentlich wehte: „Berufs-Denkerinnen“ seien die beiden. Schwarzer hatte gar nicht erst vor, den beiden inhaltlich gegenüberzutreten, sondern versuchte lieber, direkt einen ganzen Berufsstand zu diskreditieren. Dass jemand dafür bezahlt wird zu denken, ist in einer ergebnisorientierten Gesellschaft ein Skandalon, selbst bei solchen, die sich einstmals selbst als Vordenkerin sahen. Darüber was es heißt, sich mit dem Immateriellen zu beschäftigen, hat Michael Wildenhain den Roman „Das Singen der Sirenen“ geschrieben. Weiterlesen

Sven Regeners „Wiener Straße“: Auf der Suche nach dem verlorenen Ziel

Wiener Straße

Die Wiener Straße schneidet einmal quer durch das Fleisch von Kreuzberg. An ihrem äußersten Ostende lugt sie fast schon einmal nach Treptow rüber, am anderen Ende verlängert sie die Oranienstraße, die einstmals mit dem SO36 das Sinnbild des alternativen Stadtteils war. Heute ist sie vor allem noch durch zwei passable Fußballkneipen und als jene Straße bekannt, die dem berühmt-berüchtigten Görlitzer Park zur Südseite Einhalt gebietet. Wie überall in Berlin kämpft auch diese Ecke der Stadt mit Gentrifizierung und Stadtwandel. Doch einst, so erzählt die Legende, war auch die Wiener Straße ein wilder Mix aus Migranten, Studenten, Künstlern und Tagedieben. Wer diese Zeiten noch mal Revue passieren lassen will, der kann das nun in Sven Regeners x-ten Fortführung des Lehmann-Kosmos tun. Weiterlesen

David Vogels „Eine Ehe in Wien“: Mit dem Schlimmsten rechnen

Eine Ehe in Wien

David Vogels Leben war immer ein Leben am Rande des Unglücks. Der Vater starb früh, viele Umzüge führten ihn schließlich kurz vor dem Ersten Weltkrieg nach Wien, wo er nach Kriegsausbruch interniert wurde. Eine Tuberkuloseerkrankung führte ihn in den Zwanzigern nach Palästina, wo er tragischerweise nicht geblieben ist, sondern nach Europa zurückkehrte. Dort endete sein Weg schließlich in Auschwitz und mit ihm für viele Jahre die Aufmerksamkeit für sein Werk. Seine Verfolgung und Vernichtung durch die Nationalsozialisten mag ein Grund für den Schatten sein, der sich über sein Werk gelegt hat, der andere sicher der Umstand, dass er seine Texte im Hebräischen schrieb. Das unterschied ihn von den allermeisten jüdischen Wiener Schriftstellern seiner Zeit und machte ihn zu einem Begründer einer modernen hebräischen Literatur, die ihre Wurzeln jedoch noch fest in Europa hatte. Das lässt sich nun in einer Neuauflage von Vogels großen Roman „Eine Ehe in Wien“ nachlesen. Weiterlesen

Thomas Lehrs „Schlafende Sonne“: Größenwahn und nackte Angst

Schlafende Sonne

Wer heute das Märkische Museum in Berlin besucht, dem präsentiert sich ein ganzer Gemischtwarenladen an Ausstellungsstücken. Das Stadtmuseum erinnert noch an Zeiten, als das Museum kein didaktisch durchgestylter Wissensvermittlungsort war, sondern auch immer Kuriositätenkabinett. Einer dieser Kuriositäten, die sich dem Besucher dort eröffnen, ist ein originales Kaiserpanorama – ein Beispiel für die neue Sucht am Sehen der Jahrhundertwende. Mit der Fotographie kam eine Vorstellung des realistischen Sehens auf, Dinge waren plötzlich abbildbar, bei denen die Malerei sich vorher nur annähern konnte. Damit verbunden war auch die Idee eines bruchlosen Sehens. Die Leute wollten getäuscht werden und nicht von einem Bilderrahmen darauf aufmerksam gemacht werden, es mit einem Bildausschnitt zu tun zu haben. Das Bild sollte in seiner Totalität erkennbar sein, möglichst realitätsnah. Irgendwann war zwar die Zeit des Panoramas auch wieder vorbei, spätestens mit dem Film, doch mit „Schlafende Sonne“ holt Thomas Lehr es noch einmal ins 21. Jahrhundert. Weiterlesen