Alle Artikel vonGerrit

Michael Lentz‘ „Schattenfroh“: Gegen das Verstummen anschreiben

Michael Lentz‘ „Schattenfroh“ gehörte mit zu den großen Favoriten für den diesjährigen Deutschen Buchpreis – nur um dann nicht mal auf der Longlist zu stehen. Das kann man der Jury vielleicht nicht mal verübeln, schließlich ist „Schattenfroh“ sicherlich eins der herausforderndsten Bücher der letzten Zeit, obwohl man natürlich immer hofft, dass die Leute, die darüber entscheiden, welche Werke beachtet, ins Rampenlicht gestellt und ausgezeichnet werden, ein Sensorium dafür haben, wo Saisonware aufhört und große Literatur anfängt. Zu letzterem gehört „Schattenfroh“ in jedem Fall, auch oder gerade weil man sich daran die Zähne ausbeißt, verzweifelt und sich eine blutige Nase holt. Weiterlesen

Lisa Hallidays „Asymmetry“: Kein Anschluss unter dieser Nummer

Philip Roth hatte jahrelang teuflische Rückenschmerzen. Philip Roth zog im hohen Alter nach New York. Philip Roth war jüdisch und kam aus New Ark. Roth liebte Essen aus dem Deli. Er hatte ein Faible für die europäischen Schriftsteller, allen voran Kafka und Thomas Mann. Philip Roth hatte wohl selbst damit gerechnet, dass er irgendwann mal den Nobelpreis erhält. Und Philip Roth hatte einen feinen Humor. All das wusste man über Philip Roth und es bestimmte sein öffentliches Bild. Man meinte dies auch zu wissen, weil Roth diese Themen immer wieder selbst in seinen Romanen thematisiert hat und dutzende Figuren geschaffen hat, allen voran Nathan Zuckerman, die immer wieder zu Alter Egos erklärt wurden. Roth öffentliches Bild war also immer ein Amalgan aus der historisch verbürgten Person und verschiedenster literarischer Figuren. So scheint es folgerichtig, dass der US-amerikanische Schriftsteller in Lisa Hallidays „Asymmetry“ nach seinem Tod als Figur wieder auftaucht. Weiterlesen

Alfred Bratts „Die Welt ohne Hunger“: Mit Maggi zum Weltfrieden

Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Masse. Mit dem Aufstieg des Industrieproletariats und der damit einhergehenden Urbanisierung gab es plötzlich eine gesellschaftliche Gruppe, die sich durch ihren sozialen Status als homogene Masse verstand und gleichzeitig das Produkt und Beförderer der Moderne wurde. Je mehr sich der Arbeiter als politisches Subjekt verstand, desto entschlossener brachte er seine Forderung vor. Gleichzeitig erkannte das 20. Jahrhundert, z.B. Canetti in seinem „Masse und Macht“, das gefährliche Potenzial, das ihnen inne liegt. Die Masse ist entzündlich, hoch emotional und verführbar. Damit die Masse nicht zu Fackel und Heugabel greift, musste das 20. Jahrhundert vor allem Antworten auf die verschärften Verteilungsfragen finden. Auch davon erzählt „Die Welt ohne Hunger“ von Alfred Bratt, das 1916 zum ersten Mal erschien und nun in der edition atelier neuaufgelegt wurde. Weiterlesen

David Lynchs/Kristine McKennas „Traumwelten: Bürgermeister von Fear City

David Lynch als vielseitig begabt zu beschreiben, wäre eine hanebüchene Untertreibung. Er ist Filme- und Serienmacher, Musiker, Schriftsteller, Geschäftsmann, bildender Künstler und spiritueller Führer. Obwohl die bildende Kunst seine erste Liebe war und er sich – so scheint es – dieser Leidenschaft mit zunehmenden Alter wieder mehr widmet, hat sich Lynch spätestens mit „Twin Peaks“ in das Herz der popkulturinteressierten Masse hineingedreht. Lynch, der mittlerweile 72 Jahre alt ist, ist in der letzten Lebens- und Werkphase angekommen. Klassischerweise ist das die Zeit, in der man Bilanz zieht. Das hat er nun in „Traumwelten“ getan, das – alles andere wäre höchst verwunderlich – auch aus der klassischen Form fällt. Weiterlesen

Ulrike Mosers „Schwindsucht“: Die Krankheit mit den vielen Namen

Krankheiten gibt es viele. Manche sind so alltäglich, dass sie vom Menschen stoisch ertragen werden, andere sind so besonders und selten, dass sie kaum ins öffentliche Bewusstsein gelangen. Und dann gibt es Krankheiten, die so verheerend sind und Gesellschaften radikal prägen, dass sie zu einem Zeitzeichen werden. Einst war es die Pest, die ganze Landstriche leerfegte, jüngst war es HIV, der Virus, der zu einem Umschlagpunkt einer sich sexuell-befreienden Gesellschaft gedeutet wurde. Krankheiten prägen den Menschen nicht nur auf basale Weise in seiner körperlichen Verfasstheit, sie prägen auch wie Gesellschaften über sich selbst nachdenken, wie Ulrike Moser in ihrem Buch „Schwindsucht“ darzustellen versucht. Weiterlesen

Gabriele Tergits „Etwas Seltenes überhaupt“: „Wunderbar, nicht?“

Ähnlich wie Irmgard Keun oder Vicky Baum musste Gabriele Tergit erst in Vergessenheit geraten, um schließlich wiederentdeckt werden zu können. Tergit, die eigentlich Elise Reifenberg hieß, gehörte zu ihrer Zeit zur Berliner intellektuellen High Society. Sie publizierte im Berliner Tageblatt, das zum damals einflussreichen Mosse-Verlag gehörte, sie war bekannt mit den Größen der deutschsprachigen Literatur. Der Weg ins Exil war schließlich nicht nur ihrem kritischen Geist, sondern auch ihren Judentum geschuldet, das sie über Umwege nach Israel, dann schließlich nach London führte. Trotz einiger Besuche ist Tergit nach dem Krieg nie wieder in Deutschland heimisch geworden. Nun bemüht sich der Schöffling & Co. Verlag zumindest darum, dass ihr Werk wieder einen Platz in Deutschland findet. Weiterlesen

Alexander Schimmelbuschs „Hochdeutschland“: „This is not an exit.“

Wohin treibt der Neoliberalismus? Und wohin reißt er die Gesellschaft mit sich? Hinter dem Zusammenbrechen der nahöstlichen Nicht-Ordnung der Nachkriegsära und den daraus resultierenden Fluchtbewegungen ist fast in Vergessen geraten, dass in den frühen Zehnerjahren ein ganz anderes Problem die meisten Gesellschaften vor eine existenzielle Bewährungsprobe stellte: ein heiß gelaufener Finanzkapitalismus. Wer die verheerende Wirkung dieses Finanzcrashs und die verfehlte politische Reaktion darauf besichtigen möchte, sollte beim nächsten Griechenlandurlaub mal einen kurzen Zwischenaufenthalt in den Außenbezirken Athens und Thessalonikis einplanen. Doch die nächste Krise ließ nicht lange auf sich warten und so atmeten New York, London und Frankfurt auf: Es darf wieder auf den Putz gehauen werden. Weiterlesen

Robert Seethalers „Das Feld“: Der Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch

Der Tod ist der Literatur kein Unbekannter. Gestorben wird eh dauernd, genauso wie getrauert. Weil die Literatur das Reich der Fiktion ist, so sehr sich die Autobiographisten auch dagegen wehren, kennt die Literatur auch Tote, die nicht zum Schweigen gebracht werden. Zuletzt sorgte der Totentanz des großen amerikanischen Schriftstellers George Saunders, „Lincoln in the Bardo“, für Aufsehen, der damit direkt den Man Booker Prize gewann. Saunders erzählte von Präsident Lincoln, der am Grab seines Sohnes trauert und um den sich eine ganze Gesellschaft Toter schart, die von ihrem Schicksal kündet. In „Lincoln in the Bardo“ wird daraus eine kluge Geschichte über ein amerikanisches Trauma und wie eine Gesellschaft sich darum formiert. Weiterlesen

Benjamin von Stuckrad-Barres „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“: Die Welt von Gestern

Mit „Panikherz“ ist Benjamin von Stuckrad-Barre eigentlich in eine neue Werkphase eingestiegen. Er war Popstar, Jungschriftsteller, TV-Talker, Feuilletonist, Drogenabhängiger – und dann musste der Stuckrad-Barre-Zug irgendwann die Notbremse ziehen. Lebenswandel, Drogenentzug, Selbsterforschung: Das Ergebnis war „Panikherz“, das nicht nur Seelenstriptease, sondern auch Epochenwandel sein sollte. Stuckrad-Barre, der wie kaum ein anderer für das kulturelle Klima der späten 90er/frühen Nullerjahre stand, beendete die große Zeit der Ironiker. Es hieß nun Thomas Gottschalk statt Harald Schmidt, Udo Lindenberg statt Oasis. Den literarischen Wert von „Panikherz“ kann man in Frage stellen, kulturhistorisch war es höchst interessant. Was nun jedoch mit „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“ aus den letzten Jahren hinterherschwappt, zeigt wie schnell das Werk Stuckrad-Barres gealtert ist. Weiterlesen

Klaus Modicks „Keyserlings Geheimnis“: Jahrhundertaktuelle Literatur

Manche germanistischen Gemeinplätze stimmen dann doch: Wenn ein Schriftsteller einen anderen Schriftsteller porträtiert, weist der ausgestreckte Zeigefinger auch immer auf ihn zurück. Derjenige, der Spiel vielleicht am besten beherrschte, war Thomas Mann, der einfach so oft über Goethe geschrieben hat, bis Deutschland endlich begriff, dass es in Thomas Mann wohl Goethes rechtmäßigen Wiedergänger erkennen musste. Klaus Modick ist nicht Thomas Mann und Eduard von Keyserling ist nicht Goethe, dennoch wird man auch bei der Lektüre von Modicks neustem Roman „Keyserlings Geheimnis“ das Gefühl nicht los, dass hier jemand auf den Schultern des mittlerweile in Vergessenheit geratenen Schriftsteller seine eigene Ästhetik verteidigen möchte. Weiterlesen