Alle Artikel vonGerrit

Claude Simons „Das Pferd“: Lob der kleinen Form

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Lange Zeit war ein ungeschriebenes Gesetz in der deutschen, vielleicht internationalen Verlagslandschaft: Bitte nicht zu lang! Romane, die eine bestimmte Seitenanzahl überschritten, galten als unverkäuflich. Zwischen Arbeit, Glotze und sich Anschreien haben die Leute keine Zeit, Tausendwälzer mit sich durch den Alltag zu schleppen. Doch die Zeiten scheinen sich in den letzten Jahren gewaltig zu ändern. Parallel mit dem (neuerlichen) Aufstieg der Serienkultur ist die epische Länge in der Gegenwartsliteratur der heißeste Scheiß. An die Literatur wird eine Erwartungshaltung herangetragen, die sich auch im Serienkonsum wiederfindet: Ein Sog muss sich einstellen, nur wer durch die Seiten fliegt, hat die höchste Stufe des Lesens erreicht. Der neue Leser möchte sich von Literatur in die Schwachsinnigkeit quatschen lassen, bis ein Zustand der ekstatischen Besinnungslosigkeit erreicht wird, anders kann man sich die Erfolge von Knausgård oder Yanagihara nicht erklären. In diesem kulturellen Umfeld liest sich das nun erstmals in Buchform publizierte „Das Pferd“ wie ein Loblied auf die kleine Form. Weiterlesen

Boris Sawinkows: „Das schwarze Pferd“: Die Mitte verloren

Das schwarze Pferd

Die Sowjetunion hat zahlreiche Künstlerbiographien verschlungen. Die bekanntesten sind die Solschenizyns, Isaak Babels oder Boris Pasternaks – manche von ihnen wurden ermordet, andere eingekerkert oder in die Verstummung getrieben. Sie alle eint, nicht auf der verordneten ästhetischen Linien zu wirken, ihr Vergehen war poetische Dissidenz. Einer der in Deutschland unbekannteren war Boris Sawinkow. Sein Schicksal besiegelte sich in dem Moment, als er entschied, Anhänger der Kerenski-Regierung zu werden, jenem Übergangsregime, das zwischen Zarismus und Kommunismus die Hoffnung auf demokratische Reformen in Russland weckte. Seine Gegnerschaft zum Kommunismus machte ihn, nachdem die Bolschewiki im Bürgerkrieg obsiegten, zum Staatsfeind. Seine Haft sollte er lebend nicht verlassen. Nun erscheint sein Werk in deutscher Übersetzung im Galiani Verlag. Weiterlesen

Hanns Zischlers „Kafka geht ins Kino“: Kaum gestohlen, schon im Kino

Kafka geht ins Kino

Als das Kino zur Jahrhundertwende aufkam, galt es zuerst als Kuriosität. Das Kino fand man nicht auf den großen Boulevards, sondern auf den Jahrmärkten, gestaunt wurde nicht über den künstlerischen Gehalt der kurzen Filme, sondern über die Tatsache ihrer Existenz an sich. Doch dass das Kino mehr als eine Kuriosität war, deuteten schon die ersten Schnipsel an: die berühmte Einfahrt eines Zuges in den Bahnhof von La Ciotat. Der Film war eng mit dem technischen Fortschritt verbunden; das Kino ist nicht einfach nur eine moderne Kunstform, sondern sollte die gesamte Wahrnehmung der Welt verändern. Das aufgenommene Bild wurde plötzlich flüchtig, so wie der Blick aus dem Zug ein flüchtiger wurde. Franz Kafka, der Jahrhundertschriftsteller, war vom Tempo der Jahrhundertwende angezogen und gleichzeitig verschreckt. Nachzulesen ist das nirgendwo so aufregend wie in dem neuaufgelegten Text von Hanns Zischler: „Kafka geht ins Kino“. Weiterlesen

Mareike Krügels „Sieh mich an“: Das Leben, das keiner wollte

Sieh mich an

Plötzlich wacht man auf und weiß: Das war es nun. Das Leben wird keine Überraschungen mehr für einen übrig haben, alles ist eingerichtet. Wie konnte das Leben so werden wie es ist? Wo hat man die falsche Abzweigung genommen und wieso hat man es nicht früher kommen sehen? Die Frage danach, wie determiniert das Leben ist, hat die Literatur schon immer fasziniert. Bei Thomas Mann lernt man, dass Familien so etwas wie Schicksalsgemeinschaften sind, die Gesetzmäßigkeiten folgen, Max Frisch setzte der Sehnsucht nach der Flucht aus dem eigenen Leben das Spiel mit der Identität entgegen und die Ronja von Rönnisierte Literatur der Millenials klagt vor allem darüber, dass eigentlich alles gut, aber doch irgendwie langweilig ist. Auch Mareike Krügels neuer Roman „Sieh mich an“ geht der Frage nach, wie eigentlich alles so weit kommen konnte. Weiterlesen

Jakob Noltes „Schreckliche Gewalten“: Of Wolf and Man

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Wer einmal einen kurzen Blick über die bisher zusammengetragenen Pressestimmen zu Jakob Noltes „Schreckliche Gewalten“ wirft, dem kann ganz schwindelig werden. Der junge deutsche Autor aus der niedersächsischen Provinz muss vor Selbstbewusstsein kaum laufen können: ein junger Thomas Pynchon soll er sein, tarantinoeske Literatur schreiben, der wahnsinnigste Künstler seit David Lynch. Vergleiche in der Kritik haben immer zwei Funktionen: Sie dienen der Orientierung, machen Querverbindungen auf und sollen Kontinuitätslinien aufzeigen. Und sie dienen dem Kritiker als Beweis der eigenen Belesenheit. Dass bei Nolte der Hang zum Vergleich besonders groß ist, mag einmal daran liegen, dass er noch kein Werk vorweisen kann, aus dem heraus man den Roman erklären könnte, aber auch daran, dass „Schreckliche Gewalten“, wie viele bekundeten, mit seiner Wucht überfordert. Vielleicht ist daher der Vergleich im Fall von Jakob Nolte das größte Lob – anders kriegt man ihn nicht in den Griff. Weiterlesen

Lukas Bärfuss‘ „Hagard“: Zu Fuß durch den Untergang

Hagard

Die Literatur ist eine Verfolgungsjagd. Ständig haftet jemand an den Fersen der handelnden Figuren, auf Schritt und Tritt werden sie verfolgt. Mal mit gar göttlicher Allmacht, mal mit eingeschränktem Wissen darüber, was das Handlungspersonal als nächstes machen wird. Die Rede ist natürlich vom Erzähler, der eine manische Präsenz in der Literatur ist. Manche Figur in der Weltliteratur ist über die ständige Anwesenheit eines Zweiten wahnsinnig geworden, andere wiederum nehmen sie mit besonnener Gelassenheit hin. Die Hatz des Erzählers ist ein altes Motiv, der voyeuristische Charakter des Erzählens ist ein beliebtes Thema, mit dem sich die Literatur selbst thematisiert. In diese Tradition tritt Lukas Bärfuss mit seinem neuen Roman „Hagard“, bei dem gleich zwei auf die Verfolgungsjagd gehen: Protagonist Philip und eben der Erzähler selbst. Bärfuss macht daraus eine zivilisatorische Abrechnung, die nur müde an dessen Vorbilder erinnert. Weiterlesen

Philip Roths „I Married a Communist“: „The tyrant of evil is Everyman!“

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Wut, Wut, Wut wohin man schaut. Rund um die Welt berufen sich Politiker auf die Wut der Bevölkerung. Vor allem die USA scheinen momentan ein besonders wütendes Land zu sein, was Trump ins Weiße Haus getragen hat. Die Vereinigten Staaten hatten viele wütende Jahrzehnte, eines davon waren die Fünfziger Jahre. Dabei hätte alles so schön sein können: Aus dem Zweiten Weltkrieg war man als Hegemon der westlichen Welt herausgegangen, die Wirtschaft brummte so stark, dass das Versprechen auf Reichtum für Jedermann greifbar schien. Doch etwas verhinderte, dass man sich auf den Lorbeeren der Errungenschaften ausruhte: das Gespenst des Kommunismus. Während man im Außen den blutigen Koreakrieg führte, verfolgte der US-Senator Joseph McCarthy alle vermeintlichen kommunistischen Umtriebe im Inneren. Auch McCarthy wurde von Wut getrieben, von heiliger Wut, was wiederum Verbitterung auf der Gegenseite auslöste. In Philip Roths „I Married a Communist“ bekommt dieser Konflikt ein literarisches Gesicht. Weiterlesen

„wir leben hier, seit wir geboren sind“: Ein Gespräch mit dem Autor Andreas Moster

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Andreas Mosters Roman „wir leben hier, seit wir geboren sind“ ist vielleicht die Entdeckung der letzten Monate. Sein Debütroman ist mutig, weil er gegen den allgemeinen Trend des Autobiographischen anschreibt, er ist kunstvoll, weil er eine Sprache findet, die den Leser zum Fremden macht und er eine Erzählung schafft, die eine höhere Wahrheit in sich birgt. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, was für ihn Literatur ausmacht, was er von manchen Blüten der Gegenwartsliteratur hält und wann er Erfahrungen mit der Fremde macht. Weiterlesen

Jochen Schmidts „Zuckersand“: Es grönemeyert

Zuckersand

Kindermund tut Wahrheit kund, Kinder sind unsere Zukunft, Kinder an die Macht – die deutsche Sprache ist wahrlich voll von Floskeln über Kinder. Auch in die entgegengesetzte Richtung: Kinder können so grausam sein! Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen, doch wer würde schon jenen widersprechen wollen, die das Kindsein zu einem paradiesischen Zustand unverfälschter Wahrheit hochstilisieren, schließlich ist die Kulturgeschichte reich an kinderhassenden Schreckensfiguren. Das Kind in sich zu bewahren ist mittlerweile das Lebensziel einer ganzen Generation geworden. Die Großstädte sind voll von Mittdreißigern, die im erarbeiteten Wohlstand der Babyboomer-Generation großgeworden sind und in Sorglosigkeit die eigene Jugend verlängern. Das mag noch niemanden zum Vorwurf erwachsen, doch die lebensklügsten Zeitgenossen erwachsen aus solch einem Milieu nicht. Für diese Generation hat Jochen Schmidt nun den Roman „Zuckersand“ geschrieben, der sich anstatt für Erzählkunst für gegrönemeyerte Aphorismen entscheidet. Weiterlesen

Andreas Mosters „wir leben hier, seit wir geboren sind“: Wir, Ich und das Andere

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Die Gegenwartsliteratur ist fest in der Hand eines tristen Realismus‘. Die ganze Gegenwartsliteratur? Nein, ein paar wenige leisten Widerstand. Doch die großen Helden unserer Tage sind die Knausgards mit ihren realistischen Klogangchroniken, die Glavinics und Meyerhoffs. Wiedererkennen möchte sich der Leser in diesen meist autobiographischen Stoffen, anschlussfähig soll es sein, an die eigene Lebenswelt. Früher hat die Literatur einmal die Aufgabe übernommen, den Leser mit dem Fremden zu konfrontieren, heute ist gute Literatur jene, die einen Alltag vorführt, der genauso öde ist, wie der des Lesers. Dabei ist es gerade die Fähigkeit der Kunst, dem Konsumenten mit Differenzerfahrungen zu konfrontieren, ihre große Leistung – wie Gesellschaften reagieren, die den Umgang mit dem Fremden verlernt hat, sieht man im Europa dieser Tage. Weil Andreas Moster, Übersetzer und Romandebütant, es wagt, die Literatur an den Punkt des Unbekannten zu führen, ist ihm ein echter Wurf gelungen. Weiterlesen