Alle Artikel vonGerrit

Robert Seethalers „Das Feld“: Der Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch

Der Tod ist der Literatur kein Unbekannter. Gestorben wird eh dauernd, genauso wie getrauert. Weil die Literatur das Reich der Fiktion ist, so sehr sich die Autobiographisten auch dagegen wehren, kennt die Literatur auch Tote, die nicht zum Schweigen gebracht werden. Zuletzt sorgte der Totentanz des großen amerikanischen Schriftstellers George Saunders, „Lincoln in the Bardo“, für Aufsehen, der damit direkt den Man Booker Prize gewann. Saunders erzählte von Präsident Lincoln, der am Grab seines Sohnes trauert und um den sich eine ganze Gesellschaft Toter schart, die von ihrem Schicksal kündet. In „Lincoln in the Bardo“ wird daraus eine kluge Geschichte über ein amerikanisches Trauma und wie eine Gesellschaft sich darum formiert. Weiterlesen

Benjamin von Stuckrad-Barres „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“: Die Welt von Gestern

Mit „Panikherz“ ist Benjamin von Stuckrad-Barre eigentlich in eine neue Werkphase eingestiegen. Er war Popstar, Jungschriftsteller, TV-Talker, Feuilletonist, Drogenabhängiger – und dann musste der Stuckrad-Barre-Zug irgendwann die Notbremse ziehen. Lebenswandel, Drogenentzug, Selbsterforschung: Das Ergebnis war „Panikherz“, das nicht nur Seelenstriptease, sondern auch Epochenwandel sein sollte. Stuckrad-Barre, der wie kaum ein anderer für das kulturelle Klima der späten 90er/frühen Nullerjahre stand, beendete die große Zeit der Ironiker. Es hieß nun Thomas Gottschalk statt Harald Schmidt, Udo Lindenberg statt Oasis. Den literarischen Wert von „Panikherz“ kann man in Frage stellen, kulturhistorisch war es höchst interessant. Was nun jedoch mit „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“ aus den letzten Jahren hinterherschwappt, zeigt wie schnell das Werk Stuckrad-Barres gealtert ist. Weiterlesen

Klaus Modicks „Keyserlings Geheimnis“: Jahrhundertaktuelle Literatur

Manche germanistischen Gemeinplätze stimmen dann doch: Wenn ein Schriftsteller einen anderen Schriftsteller porträtiert, weist der ausgestreckte Zeigefinger auch immer auf ihn zurück. Derjenige, der Spiel vielleicht am besten beherrschte, war Thomas Mann, der einfach so oft über Goethe geschrieben hat, bis Deutschland endlich begriff, dass es in Thomas Mann wohl Goethes rechtmäßigen Wiedergänger erkennen musste. Klaus Modick ist nicht Thomas Mann und Eduard von Keyserling ist nicht Goethe, dennoch wird man auch bei der Lektüre von Modicks neustem Roman „Keyserlings Geheimnis“ das Gefühl nicht los, dass hier jemand auf den Schultern des mittlerweile in Vergessenheit geratenen Schriftsteller seine eigene Ästhetik verteidigen möchte. Weiterlesen

Leander Steinkopfs „Stadt der Feen und Wünsche“: Irgendwie auch uncool

Vermutlich hat keine Nation, zumindest keine europäische, ein derart neurotisches Verhältnis zu seiner Hauptstadt wie Deutschland. Diejenigen, die nicht dort wohnen, zeigen sich genervt vom Berliner Selbstverständnis, sich als Nabel der Welt zu verstehen, Berliner hingegen sind vor allem von Berlinern genervt und werden dadurch getrennt, dass sich die eine Hälfte in einer naiven Berlinbegeisterung ergeht, während die anderen peinlich genau darauf achtet, besonders abgeklärt zu sein. Weil Berlin für irgendjemanden immer eine Qual zu sein scheint, häufen sich die Tiraden, die gegen diese Stadt geschrieben werden. In den Chor der Misstöne reiht sich nun Leander Steinkopf mit seiner Erzählung „Stadt der Wünsche“ ein. Weiterlesen

Anja Kampmanns „Wie hoch die Wasser steigen“: Babylon Kapitalismus

Der Kapitalismus macht die Welt groß. Und gleichzeitig ganz klein. Arbeiten können die Gutausgebildeten mittlerweile fast überall. Ein Jahr in Shanghai, dann Berlin, vielleicht als nächstes Kuala Lumpur? Gleichzeitig schrumpft die Arbeit, ohne soziales Gefüge irgendwo in einer fremden Stadt, die Welt manchmal bis auf ein kleines Bürocubical zusammen. Eine Gesellschaft, die Arbeit und Sozialgefüge, so trennt, produziert laufend Orientierungslosigkeit. Die allumgreifenden Diskussionen um Begriffe wie Heimat oder Identität zeugen davon. Was macht das mit den Menschen? Anja Kampmann hat mit dieser Frage im Gepäck in „Wie hoch die Wasser steigen“ große Literatur gemacht. Weiterlesen

Josefine Rieks‘ „Serverland“: Archäologie der Zukunft

Vielleicht werden in ein paar Jahrzehnten Historiker behaupten, die Entwicklung und weltweite Verbreitung des Internets hat einen größeren gesellschaftlichen Wandel ausgelöst als die industrielle Revolution. Doch längst hat sich die Sicht auf das weltweite Informationsnetz gewandelt. Stand am Anfang noch der emanzipative Gedanke im Fokus – freier Austausch von Ideen, das Zusammenwachsen der Welt etc. –, ist das Internet in der öffentlichen Wahrnehmung längst zu einem Werkzeug von Repression und Überwachung geworden. Die Großfirmen des Silicon Valleys, die sich liberal und freiheitsliebend geben, sind eine unheilige Allianz mit Sicherheitsdiensten eingegangen. Wie viel Freiheit, aber auch wie viel Unfreiheit schafft das Internet? Diese Frage stellt Josefine Rieks in ihrem Debütroman aus der Rückschau: Denn in „Serverland“ ist das Internet abgeschaltet. Weiterlesen

Andreas Guskis „Dostojewskij“: Der Anti-Europäer

Die erste, aber vielleicht einzige Nebelkerze zündet Guski direkt am Anfang: „Dostojewskij ist ein Autor der Krise. Für die Helden und Handlungen seiner Romane gilt dies ebenso wie für die Konjunkturen seiner Rezeption.“ Alles ist momentan ein Etwas der Krise (man hörte den Ausdruck sicherlich auch hier schon), ganze germanistische Vorlesungsverzeichnisse schreiben sich mit Seminaren wie „Figuren der Krise“, „Literatur der Krise“ und „Autoren der Krise“. Dabei ist das eigentlich ein Gemeinplatz, denn wenn das Werk eines Autors nicht die Krisenmomente seiner Zeit mit aufnimmt, wenn auch nur indirekt, dann ist es kaum der Rede wert, sondern eine der Aufgaben einer Literatur, die sich nicht in weltfremden Ästhetizismus flüchtet. Aber Schwamm drüber, auch wenn Guski bei seinem Label, das er Dostojewskij anheftet, danebenhaut, hat er eine fabelhafte Biographie geschrieben, die er in seinen Beobachtungen sonst sehr treffsicher bleibt. Weiterlesen

Éric Vuillards „Die Tagesordnung: „Die Literatur erlaubt alles, heißt es.“

Wer Vuillards Werk begleitet, folgt einem faszinierenden literarischen Blick in die Geschichte. In „Kongo“ erzählte er von der aufgeblasenen Art, wie die europäischen Mächte die letzten Reste Afrikas unter sich aufteilten und wie sie in ihrem grausamen Hochmut Millionen von Menschen in den Hungertod trieben. In „Die Traurigkeit der Erde“, seinem wohl bislang besten Buch, betreibt er eine großartige Reflexion über das Wesen des Spektakels und Medienwandel. Nun, in „Die Tagesordnung“, das durch den Gewinn des Prix Goncourt mit einigen Vorschusslorbeeren in Deutschland angekommen ist, nimmt er sich den Anschluss Österreichs vor und entschleiert ein treibendes Prinzip der Historie: die Hochstapelei. Weiterlesen

Virginie Despentes‘ „Das Leben des Vernon Subutex 2“: Der Gegenwart zu nah auf die Pelle gerückt

Aufmerksamkeit kriegt heute der, der als ein Versteher gilt. Wenn man jemanden schmähen will, nennt man ihn Putinversteher. Wenn man jemand auszeichnen will, ist er ein Gegenwartsversteher. Die meisten Gegenwartsversteher scheinen momentan aus Frankreich zu kommen. Der erste große Gegenwartsversteher der jüngeren Jahre war vermutlich Didier Eribon. Mit seiner autobiographischen Herkunftserkundung traf er einen Nerv – nicht nur weil er das unstillbare zeitgenössische Verlangen nach authentischem Sprechen befriedigte, sondern auch weil er – folgt man der Rezeption – ein Erklärungsmuster für das Phänomen lieferte, dass sich der einfache Franzose von der Linken abwendete, um in den Armen des Front Nationals zu landen. Doch da der Mensch des 21. Jahrhunderts dem Gemeinplatz entsprechend in einer so schnellen und unübersichtlichen Gegenwart lebt, braucht es freilich auch immer neue Versteher. So hat das hiesige Feuilleton Virginie Despentes für sich entdeckt, aus deren „Vernon Subutex“-Reihe nun der zweite Band in deutscher Übersetzung erschienen ist. Weiterlesen

Ulrich Alexander Boschwitz‘ „Der Reisende“: „Diese Zeit verlangt zu viel von mir!“

Anna Seghers hat mit ihrem Roman „Transit“ ein Jahrhundertwerk geschaffen, das das harsche Schicksal derer zeigt, die im Zweiten Weltkrieg auf ihr sicheres Ende warteten. Das Verharren im Zustand des Transitären wird bei Seghers zu einer Geisterexistenz, leere Hüllen, die durch die bürokratischen Mühlen der vielen Anträge verzweifeln. Kein anderes Werk hat die seelischen Verheerungen, die Flucht und Verfolgung im Menschen anrichten, kraftvoller eingefangen als „Transit“. Wie wirkmächtig der Roman immer noch ist, zeigt auch, dass Christian Petzold den Stoff jüngst wählte, um ihn mit der heutigen Fluchtthematik zu verknüpfen. Doch nun ist, fast aus dem Nichts, ein vergleichbarer Roman in deutscher Sprache aufgetaucht: „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz. Weiterlesen