Ayn Rands „The Fountainhead“: Die Vorsehung des Holzkopfs

Ayn Rand-Fountainhead

Seit der Wahl von Donald Trump ist die halbe westliche Welt darum bemüht, sich selbst zu erklären, wie es dazu kommen konnte: Identitätspolitik und der weiße Arbeiter, der darüber vergessen wurde, Putins Trolle, Wut gegenüber dem Establishment, Misogynie in der amerikanischen Gesellschaft – mit der Ratlosigkeit der Medien wächst die Zahl an Gründen. Mit als letztes wird die Literatur befragt, was natürlich ein Fehler ist, denn in der Literatur hat sich meist immer schon alles abgespielt, bevor es passiert. Nicht umsonst wurde bei Trump immer wieder eine ideologische Nähe zu einer der wichtigsten Schriftstellerinnen des amerikanischen 20. Jahrhunderts festgestellt – Ayn Rand. Wer heute ihren Roman „The Fountainhead“ noch mal liest, muss sich tatsächlich fragen: wusste Ayn Rand mehr?

Die äußere Ähnlichkeit zwischen Donald Trump und dem Hauptcharakter Howard Roark ist schon mal ziemlich verblüffend: „His hair was neither blond nor red, but the exact color of ripe orange rind.“ Anders als Trump ist Roark Architekt, Roark wäre jemand, der für Trump arbeitet. Der Roman setzt in dem Moment ein, an dem Roark gerade aus seinem Architekturstudium herausgeworfen wird, am Beginn des 20. Jahrhunderts. Seine Zeichnungen, Vorschläge und Skizzen sind der Universität zu radikal, sie verstehen sie nicht. Jeder Appell an Roark, sich an den klassischen Vorbildern zu orientieren, trifft auf taube Ohren. In diesem ersten Teil ist der gesamte Konflikt des Romans bereits vorweggenommen: Roarks Kampf gegen das Establishment und seine Traditionsfeindlichkeit.

„We can only choose from the great masters. Who are we to improve upon them? We can only attempt, respectfully, to repeat.“

Auch wenn Trump (zumindest vordergründig) Roarks Ablehnung gegen das Establishment teilt, wird sehr schnell klar, dass „Fountainhead“ eher einen Protagonisten zeichnet, der Trump gerne wäre, nicht einen, der ihm gleicht. Roark ist ein Radikaler. Sein Stil ist einfach, klar und verzichtet vor allem auf jegliche Anlehnungen zu früheren Stilen. So klar sein Stil ist, so klar wird auch seine Haltung. Ayn Rands eigener Vorstellung folgend, ist Roark kein religiöser Mensch, aber tief geprägt von Überzeugungen, die er um nichts in der Welt brechen würde. Dazu gehört die Ablehnung von Kompromissen, von Kooperation und altruistischen Handlungen. Recht ist nur das, was dem Eigeninteresse nützt.

The buildings were not Classical, they were not Gothic, they were not Renaissance. They were only Howard Roark.

„Fountainhead“ ist ohne Ayn Rands philosophischen Ansatz nicht zu denken. „Objektivismus“ hat sie ihn getauft und propagiert damit einen Gesellschaftsentwurf, der die Gesellschaft als sozialen Verbund im Grunde auflösen möchte. Das Individuum soll von jeder Fessel sozialer Pflichten und Abhängigkeiten befreit werden, sich ausschließlich sich selbst verpflichtet fühlen. Ähnlich wie aus der Aufklärung die Trennung zwischen Staat und Kirche resultierte, hoffte Ayn Rand, der Objektivismus würde die Trennung von Staat und Ökonomie herbeiführen. Damit wäre jede Form der Sozialversicherung Geschichte, genauso wie arbeitsrechtliche Standards. Der Markt wird’s schon richten. Ihre Romane waren immer wieder Illustrationen dieser Theorie, Helden im Kampf gegen den totalitären Staat, der den Menschen mit sozialistischen Zwangsmaßnahmen klein macht. Auch Howard Roark ist ein Visionär, den die Gesellschaft versucht einzufangen.

„I don’t intend to build in order to have clients. I intend to have clients in order to build.“

Roarks Lebensweg wird über fast zwanzig Jahre verfolgt, der von Erfolgen, Niederlagen und wieder Erfolgen geprägt ist. Parallel erzählt der Roman (unter anderem) Peter Keatings Geschichte, der als Oppositionsfigur zu Roark angelegt ist. Beide kommen von der gleichen Architekturschule, Roark hat mit Keating im Haus von Mutter Keating gewohnt. Sie kommen in diesem Sinne – dem Roman entsprechend schwülstig ausgedrückt – aus dem gleichen amerikanischen Schoß, ihr Lebensweg könnte aber nicht unterschiedlicher verlaufen. Während Roark mit der Welt kämpft, weil die Welt mit Roarks Überzeugungen kämpft, muss sich Keating nicht mit so etwas lästigem wie Prinzipien rumschlagen und ist dementsprechend auch derjenige, der den schnelleren Erfolg feiert. Keating baut alles und leistet sich nicht den Luxus, einen eigenen Stil zu entwickeln. Roark hingegen geht davon aus, dass der Entwurf eines Architekten schon etwas über dessen charakterliche Verfassung aussagt: „‘A house can have integrity, just like a person‘,“ said Roark, „‘and just as seldom.‘“

„You’re a self-centered monster, Howard. The more monstrous because you’re utterly innocent about it.“

Ayn Rand inszeniert anhand der beiden ein Rennen zwischen Hase und Schildkröte, bei dem am Ende natürlich Roark triumphiert, weil er seinen Prinzipien – bis auf eine entscheidende Ausnahme – treu geblieben ist. So verblendet der politische Unterbau dieses Romans sein mag, so unterentwickelt das literarische Gespür für die subtilen Noten zwischen den Zeilen, so herabwürdigend ist sein Menschenbild. An der dritten wichtigen Figur Dominique Francon, Tochter von Guy Francon, einem wichtigen Architekten in New York, wird eine handfeste Unterwerfungsgeschichte erzählt, die ihren Anfang mit einer Vergewaltigung nimmt, bei der Ayn Rand stets abgestritt, dass es sich um eine handele. Doch der Text ist da ziemlich eindeutig.

„I’m not an altruist, Gail. I don’t decide for others.“

Der heutige Leser muss bei „The Fountainhead“ den zeitlichen Kontext immer vor Augen haben. Der Anfang des 20. Jahrhunderts kündigte zwar noch nicht an, dass es ein amerikanisches Jahrhundert werden sollte, aber bis zur Weltwirtschaftskrise schien zumindest alles möglich. Diesen Geist nimmt Ayn Rand auf und widmet sich mit der Architektur einer Kunstrichtung, die wie keine den amerikanischen Fortschrittsglauben verkörpert:  „The boat went past the Statue of Liberty – a figure in a green light, with an arm raised like the skyscrapers behind it.“ Der Krieg und die ökonomischen Verwerfungen kommen im Roman kaum vor, die Krise des Kapitalismus gibt es bei Ayn Rand eh nicht, und wenn doch, dann wurde sie nur dadurch ausgelöst, dass sich der Kapitalismus noch zu wenig durchgesetzt hat. Der Kampf, den Howard Roark in New York führt, hat sich noch nicht für Amerika entschieden. Wenn man so will kämpft Roark stellvertretend um die freie, liberale Seele Amerikas, während sich in Europa der Schrecken durchgesetzt hat: „Look at Europe, you fool. Can’t you see past the guff and recognize the essence? One country is dedicated to the proposition that man has no rights, that the collective is all. The individual held as evil, the mass – as God.“

The great creators – the thinkers, the artists, the scientists, the incentors – stood alone against the men of their time.

Ayn Rand hat mir ihrem Objektivismus eine ganze Bewegung begründet, die sich noch heute in Instituten organisiert, die finanzschwer immer wieder ins politische Treiben einschreiten. Ob Trump auch ein Ayn Randist ist? „The Fountainhead“ erzählt von einem Mann mit Überzeugungen, der diese über alle Widerstände hinweg vertritt und sich als Individuum der Moderne versteht, die sich von den Fesseln der Tradition lösen will. Donald Trump ist ein Mensch ohne jede Überzeugung und lebt in seinem Trump Tower wie ein Sultan aus orientalistischen Erzählungen. Wenn Ayn Rand Dialektik nicht als kommunistisches Teufelszeug verstanden hätte, sie wäre darauf gekommen, dass Peter Keating und Howard Roark zusammen eine Bedingung dafür sind, dass der Kapitalismus überleben kann. Diese Erfüllung geht nun mit Donald Trump auf. Trump ist Howard Roark, genauso wie er Peter Keating ist und nur in dieser Verbindung ist er am Ende bis ins Weiße Haus gekommen.

2 Kommentare

  1. Das Buch habe ich auch noch hier liegen. Ich stimme in sehr vielen Punkten nicht mit Rand überein, aber ihr Buch „Atlas Shrugged“ war eines der interessantesten Bücher, die ich 2016 gelesen habe.
    https://bingereader.org/2016/01/07/atlas-shrugged-ayn-rand/

    Meine Prognose ist leider auch, dass Trump sehr erfolgreich sein wird und ähnlich wie Putin bald von einem Großteil des Landes fanatisch verehrt werden wird. Für Intellektuelle, Künstler, Journalisten, Minorities wird es die Hölle :(

    • „Atlas Shrugged“ kenn ich noch nicht. Interessant ist ihr Werk sicherlich, allerdings (so zumindest mein Eindruck aus der „Fountainhead“-Lektüre) nur bedingt unter literarischen Gesichtspunkten. Denn ihr Stil kam mir schon sehr variantenarm, simple und pathetisch vor. Den „Atlas“ werd ich aber noch nachholen, vielleicht komm ich dann zu einem anderen Fazit.

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