Bachmanns Klagenfurt

Klagenfurt Wappen
Wer sich momentan oder in Zukunft in Klagenfurt befindet, sollte unbedingt einige Orte besuchen, die mit Ingeborg Bachmann verbunden sind – nicht nur weil es „die Bachmann“ ist, sondern weil Kreuzbergl und das Strandbad Loretto zu den schönsten Ecken Klagenfurts zählen. Im Folgenden eine Auswahl der Orte, die Eingang ins literarische Werk Bachmanns gefunden haben. Eine solche Engführung von Werk und Biographie scheint aus literaturwissenschaftlicher Sicht fragwürdig, sei an dieser Stelle jedoch vielmehr als Anregung zu einer touristischen Spurensuche gedacht. Das Konzept ist nicht neu: wer das Musil-Haus am Hauptbahnhof besucht, findet dort einen Flyer, zusammengestellt von Heimo Strempfl, der anhand eine Sightseeing-Tour von Bachmanns Klagenfurt vorschlägt. Auch Uwe Johnson entdeckt in seiner „Reise nach Klagenfurt“ die Stadt aus der Perspektive Bachmanns und verknüpft reale Orte mit Textpassagen ihrer Erzählungen. In diesem Sinne – viel Vergnügen in K.! 

Neuer Platz:

Der heilige Georg steht auf dem Neuen Platz, steht mit der Keule, und erschlägt den Lindwurm nicht. Daneben die Kaiserin steht und erhebt sich nicht. [Jugend in einer österreichischen Stadt]

Mit dem Neuen Platz im Herzen von Klagenfurt knüpft sich eine vielfach zitierte Aussage von Bachmann aus einem Interview von 1971: „Es hat einen bestimmten Moment gegeben, der hat meine Kindheit zertrümmert. Der Einmarsch von Hitlers Truppen in Klagenfurt. Natürlich habe ich das alles nicht verstanden in dem Sinn, in dem es ein Erwachsener verstehen würde. Aber diese ungeheure Brutalität, die spürbar war, dieses Brüllen, Singen und Marschieren- das Aufkommen meiner ersten Todesangst.“ [Bachmann: Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche und Interviews, hrsg. Christine Koschel und Inge von Weidenbaum, München / Zürich: Piper 1991, S. 111]. Dass auf dem Neuen Platz, kurzerhand umbenannt in Adolf-Hitler-Platz, im Herzen von Klagenfurt im Frühjahr 1938 die deutschen Truppen aufmarschieren, ist unbestreitbar, Bachmanns Zeugenschilderung dagegen schon. Sie wurde von Bachmanns Mutter in einem Interview 1987 biographisch korrigiert, als diese berichtete, dass ihre Tochter am Tag des Einmarschs mit Diphtherie im Klagenfurter Krankenhaus völlig abgeschirmt auf einer Quarantänestation lag. Der Gründungsmythos um die traumatische Geschichtserfahrung bleibt natürlich als Selbsterklärung und Legitimationsversuch von Bestand – und wird vielleicht so noch interessanter – sollte aber nicht mehr bei jeder sich bietenden Gelegenheit abgedruckt werden. 

Stadttheater:

An schönen Sommertagen kann man […] neben dem Stadttheater eine Baumgruppe in der Sonne sehen. Der erste Baum, der vor jenen dunkelroten Kirschbäumen steht, die keine Früchte bringen, ist so entflammt vom Herbst, ein so unmäßig goldner Fleck, daß er aussieht, als wäre er eine Fackel, die ein Engel fallengelassen hat. [Jugend in einer österreichischen Stadt]

Der Anblick des Jugendstil-Theaters von 1908 wirkt selbst wie ein Fremdkörper im Straßenbild der inneren Stadt und wirkt so selbst als architektonische Fackel. Eröffnet wurde es 1910 zu Ehren von Kaiser Franz Joseph, der in diesem Jahr sein 60. Thronjubiläum feierte.

Henselstraße 26: 

Eines Tages ziehen die Kinder um in die Henselstraße, in ein Haus ohne Hausherr, in eine Siedlung, die unter Hypotheken zahm und engherzig ausgekrochen ist. […] Sie sind Besitzer eines Gartens geworden, in dem vorne Rosen gepflanzt werden. […] Weil ich in jener Zeit, an jenem Ort unter Kindern war und wir neuen Platz gemacht haben, gebe ich die Henselstraße preis, auch den Blick auf den Kreuzberg. [Jugend in einer österreichischen Stadt]

Das von Rosensträuchern bewachsende Reihenhaus befindet sich noch heute in Besitz der Familie Bachmann. In verschiedenen Interviews betonte die Autorin, das ihr Elternhaus als eine Art Rückzugsort nie an Bedeutung für sie verlor.

Drei Wege zum See:

Auf der Wanderkarte für das Kreuzberglgebiet […] sind zehn Wege eingetragen. Von diesen Wegen führen drei Wege zum See, der Höhenweg 1 und die Wege 7 und 8. [Drei Wege zum See]

Der Höhenweg 1 heißt heute Ingeborg-Bachmann-Weg.

Loretto-Bad am Wörther See: 

Zum See ging man zu Fuß, und das große städtische Strandbad vermieden sie, sie waren immer weiter gewandert zu dem kleinen Bad Maria Loretto. [Drei Wege zum See]

In der Ostbucht des Wörthersees befindet sich die gleichnamige Halbinsel, auf der das Strandbad gelegen ist. Hier steht ein kleines Schloss mit quadratischem Grundriss, was sich heute im Besitz der Stadt Klagenfurt befindet, ein Restaurant beherbergt und für Hochzeiten gebucht werden kann.

Durchlaßstraße 35: 

In dem Mietshaus in der Durchlaßstraße müssen die Kinder die Schuhe ausziehen und in Strümpfen spielen, weil sie über dem Hausherrn wohnen. [Jugend in einer österreichischen Stadt]

Vor dem Umzug in die Henselstraße wohnte die Familie Bachmann hier, Ingeborg Bachmann wurde hier am 25. Juni 1926 geboren.

Friedhof Annabichl: 

Jemand ist auf die Idee gekommen, den Flugplatz neben den Friedhof zu legen, und die Leute in K. meinten, es sei günstig für die Beerdigung der Piloten, die eine Zeit lang Übungsflüge machten. Die Piloten taten niemand den Gefallen, abzustürzen. Die Kinder brüllten immer: Ein Flieger! Ein Flieger! Sie hoben ihnen die Arme entgegen, als wollten sie sie einfangen, und starrten in den Wolkenzoo, in dem sich die Flieger zwischen Tierköpfen und Larven bewegten.[Jugend in einer österreichischen Stadt]

Grabstätte Ingeborg Bachmanns: Feld XXV, Klasse 1, Reihe 3, Nr. 16. 

Der nördliche Stadtteil Klagenfurts wurde erst nach der Besetzung durch die Nationalsozialisten im Herbst 1938 eingemeindet.

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