Benjamin Steins „Das Alphabet des Rabbi Löw“: Die Magie der Buchstaben

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Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur wird dominiert von realistischen Prosatexten mit starkem Wirklichkeitsbezug. Das Name-Dropping bekannter Orte, Namen oder Marken wird im monumentalen BRD-Roman von Frank Witzel oder Richters „89/90“ zelebriert, unnütze Details erzeugen einen Wirklichkeitseffekt in der Literatur, der möglichst genau eine Realität abbilden möchte, die unserer eigenen möglichst nahe kommt. Immer seltener finden sich sich fantastische oder mystische Elemente, Übernatürliches wird meist als Trivialliteratur verpöhnt.
Benjamin Stein ist mit seinem Roman „Das Alphabet des Rabbi Löw“, der neuaufgelegten Bearbeitung seines bereits 1995 erschienenen Debütromans, ein bemerkenswerter Text gelungen, der sich gegen Wirklichkeitsbezüge und für das Mystische entscheidet.

Obwohl… So ganz stimmt das nicht, denn als Einstiegssetting dient – wie in gefühlt jeder zweiten Neuerscheinung seit zehn Jahren – ein hipper Berliner Kiez, in diesem Falle Kreuzberg, dessen Straßenzüge und Nachbarschaft wirklichkeitsgetreu nacherzählt wird. Was sich jedoch in den Straßen der Hauptstadt ereignet, ist alles andere als realistisch.
Bergcowicz, das erzählende Ich, trifft im Restaurant auf einen obdachlos wirkenden Mann, der nicht nur die Gedanken des Ichs lesen kann, sondern auch unglaubliche Geschichten erzählt und dabei mit dem Zuhörer durch Raum und Zeit reist. So findet sich das Ich, als Jacoby (so heißt der unheimliche Fremde) zu erzählen beginnt, plötzlich nicht mehr in Kreuzberg, sondern mitten in Prag wieder. Nach der Erzähl-Kostprobe ist Bergcowicz beeindruckt und neugierig, wie es weitergeht. Er engagiert Jacoby als Geburtstagsgeschenk für Freundin Sheary, sodass der Geschichtenerzähler nun jeden Dienstag Abend zum Pärchen kommt, um zu berichten, wie es weitergeht.

Was ist ein Weltuntergang? Eine nicht zu Ende erzählte Geschichte.

Das alles erfährt der Leser aber erst etwas später. Der Roman eröffnet mit Jacobys Absage des bevorstehenden abendlichen Treffens, das nach einem halben Jahr zu einem herbeigesehnten Ritual geworden ist: „bin verhindert da tot. notar meldet sich. beste grüße, jacoby“. Als sie sich auf die Suche nach ihrem Erzähler begeben, erfahren sie, dass Jacoby in der psychiartrischen Klinik der Charité in Flammen aufgegangen ist. Der Nachlassverwalter übergibt ihnen ein Paket mit „etlichen Tonbandkassetten, einen Schwung Zeitungsartikel und mehrere Videobänder“ und der Nachricht, sie mögen „den finalen Verlauf der Story selbst recherchieren“.

Jene Handlungsdimension rahmt den eigentlichen Hauptteil des Romans, der Jacobys Story wiedergibt und gemäß des letzten Willens des Geschichtenerzählers zu Ende erzählt wird, denn, so die Theorie nach Jacoby: „Was ich erzähle geschieht, nicht umgekehrt.“ Bereits hier lässt sich eine poetologische Tiefe fassen, die das Erzählen – und auf einer Metaebenene Literatur im Ganzen – zur Bedigung der Wirklichkeit macht, nach der unsere Realität und Wahrnehmung der Welt geformt wird, und eben nicht – wie im Großteil der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur – umgekehrt, realitätsnah erzählt wird, was geschieht.

Es schien, als hätte sich ein fremdes Ich in ihm eingenistet, ein Ich, das die Welt durchaus anders betrachtet, als er es bisher getan hatte.

Die surrealistische „Story“, dessen Rekonstruktion den Mittelteil des Romans beschäftigt und abwechselnd über Ana- und Prolepsen erzählt wird, basiert auf mystisch-kabbalistischen Motiven der jüdischen Tradition. Zusammen mit seinem Studienfreund Alexander Rottenstein reiste Jacoby zum Hoschana-Rabba-Fest nach Prag, wo er auf der Karlsbrücke um Mitternacht spöttelt, wenn der Golem über die Brücke spazieren sollte, werde er orthodox. Anlass für die Reise nach Prag bot die bereits seit Jahren andauernde Glaubenssuche von Rottenstein, der aufgrund seiner nicht-jüdischen Mutter Marianne nach dem rabbinischen Gesetz nicht als eigentlicher Jude anerkannt und als deutscher Goj verspottet wird. Bereits einen Tag zu vor hatte er einen Zettel mit drei Wünschen zwischen die Grabplatten des Rabbi Löw geschoben: „Sagen Sie mir, wer ich bin. Lehren sie mich die Namen. Lieben und geliebt werden.“ Vier Jahre später wir er von einem Jungen abgeholt, der Rottenstein zu Jirí Procházka, der Reinkarnation des Rabbi Löw, bringt. Der Junge, Jan Procházka, entpuppt sich als Golem. Alex beobachtet seinen eigenen Tod – er verbrennt, nachdem er mit Zigarette im Bett einschläft – und ist danach wie neugeboren: ihm sind Pajess, die für orthodoxe Juden typischen Schläfenlocken, gewachsen und er möchte gleich am nächsten Tag ins Heilige Land ziehen, um dort seinen Dienst am Herrn zu tun.
In zwei Nebenhandlungssträngen werden nach und nach die Begleitumstände der unglaublichen Geschehnisse um Rottenstein erzählt. Rekonstruiert werden die Familiengeschichten von Rottensteins Vorfahren und der Familie seiner Geliebten Eva, mit der er eine Nacht verbringt. Eine Rolle spielen – um nicht zu viel vorwegzunehmen – Seraphen (Feuerengel), ein Eijnsoph (der Unendliche), Menschen, die die Zukunft vorauszusagen wissen und verschiedene Besessene.

Nicht nur auf der Handlungsebene, sondern auch in der Struktur des Romans spielt Benjamin Stein mit mystischen Motiven. „Das Alphabet des Rabbi Löw“ orientiert sich an der Sefer Jetzira, dem „Buch der Schöpfung“, das als grundlegendes Werk der Kabbalah gilt und unter anderem vom Rabbi Löw im 16. Jahrhundert kommentiert wurde. Die drei Romanteile, die in sich mehrere Kapitel umfassen, sind benannt nach den Buchstabenkategorien der Sefer Jetzira, die dort nicht nur die Entstehung der Welt, sondern auch die Enstehung der (hebräischen) Sprache erklären:  die „drei Mütter“, die „zwölf Einfachen“ und die „sieben Doppelten“ umfassen die Buchstaben des hebräischen Alphabets. Nicht nur in der Struktur, sondern auch im Text selbst wird auf die Sefer Jetzira hingewiesen, wenn Rottenstein seinen Glaubensfragen nachgeht und die letztendlich in dessen Erleuchtung münden.

Zugegebenermaßen ist die Handlung, vor allem, weil sie abwechselnd über Ana- und Prolepsen erzählt wird und die Ich-Perspektiven an einigen Stellen ohne Vorwarnung wechseln, streckenweise etwas verwirrend. Auch die vielen Verweise auf kabbalistisch-mythische Motive und Figuren sind dem Durchschnittsleser der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (der Wirklichkeitseffekt lässt grüßen!) wahrscheinlich nicht ohne Weiteres vertraut. Benjamin Stein schafft es jedoch, die Lektüre kurzweilig, humorvoll und spannend zu gestalten und den mythischen Raum durch kleine, erläuternde Einschübe oder eindeutige Kontextualisierungen für alle Leser zu öffnen und einen Teil der jüdischen Tradition neu zu erzählen.

Sie haben uns erzählt, also gibt es uns.

Als Bergcowicz, der Jacobys Geschichte als Autor-Ich aufgeschrieben hat, am Ende von „Das Alphabet des Rabbi Löw“ selbst auf den prominenten Rabbi trifft, fasst dieser mit einem Satz das poetologische Sprachkonzept zusammen, das der Roman im Ganzen verfolgt und das zu Beginn des Romans noch mit Jacobys Erklärung „Was ich erzähle geschieht, nicht umgekehrt“ gefasst wurde: Die Welt wird durch das Benennen der Dinge konstruiert und konstituiert. Sprache ansich ist damit nicht nur Bedingung für Realität, sondern formt sie aktiv. Einher geht mit diesem poetologischen Konzept nicht unbedingt die Ablehnung eines literarischen Realismus, aber sicher der Verweis, dass Sprache – und damit Literatur – auch darüber hinaus gehen kann – und sollte. Benjamin Stein stellt sich damit nicht nur motivisch in die Tradition von Gustav Meyrink und Leo Perutz, sondern auch hinsichtlich seiner literarischen Finesse.

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  1. Pingback: Der GOLEM kommt! Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin – Zeilensprünge.

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