Berlin oder Baku? Olga Grjasnowa’s „juristische Unschärfe einer Ehe“

Grjasnowa

Nach ihrem ersten Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt publizierte die Leipziger Literaturinstituts-Absolventin Olga Grjasnowa 2014 ihren zweiten Roman Die juristische Unschärfe einer Ehe. Auf der Figurenebene und thematisch ähneln sich der Zweitling und das Romandebüt stark: eine junge Protagonistin mit ursprünglich kaukasischer Herkunft, die nun in Deutschland lebt, flüchtet vor ihren Gefühlsverwirrungen und Beziehungsproblemen und unternimmt eine Reise, die sie zurück zu ihren Wurzeln führt.
In Die juristische Unschärfe einer Ehe ist es nicht mehr die Übersetzerin Mascha, sondern die Ballerina Leyla, die jedoch ebenfalls Baku stammt und nun nicht in Frankfurt, sondern in Berlin lebt. Als Berlin Leyla in die Knie zwingt [Ja, es ist ein Berlin-Roman!] verlässt sie die Stadt. Ihre Reise führt nicht nach Israel, sondern zurück nach Aserbaidschan, Georgien und Armenien. Stärker ins Zentrum rückt die Frage nach der gleichgeschlechtlichen bzw. bisexuellen Orientierung der Figuren. Die „juristisch unscharfe“ Ehe – das ist die Ehe zwischen Leyla, die Frauen liebt, vor allem sich selbst, und Altay, der Männer liebt, und eben Leyla.

Das erste Wort, mit dem das prologartige Kapitel „0“ und mit ihm der Roman im Ganzen einsetzt, ist der Name der Protagonistin: Leyla. Ins Zentrum der Erzählung rückt sie weniger durch eine Fokussierung der Erzählperspektive, sondern vor allem durch ihre Bedeutung in der Figurenkonstellation: sowohl für Altay, ihren Ehemann, als auch für Jonoun, ihrer Geliebten, ist Leyla der Fixpunkt ihrer Existenz, während auch die Protagonistin vor allem mit sich selbst beschäftigt ist.

Die Exposition des Romans wird der binären Romanunterteilung in Form eines ersten und zweiten Teils [auch hier fühlt man sich an Der Russe ist einer, der Birken liebt erinnert, nur dass es im Erstling noch drei Teile gab] vorausgeschickt: Wegen eines illegalen Autorennens wurde Leyla in Baku inhaftiert und misshandelt. Unter welchen Umständen und warum sie dort hin gekommen ist, erzählt der erste Teil des Romans in 29 Kapiteln, die rückwärts angeordnet (von 29 bis 1) eine Art Countdown nachahmen. Teil zwei, ebenfalls in 29 Kapitel unterteilt, erzählt, was nach der Befreiung aus dem Gefängnis, nach Kapitel 0, in Baku passiert.

Teil eins: Von Baku bis Berlin.
Im Zentrum des ersten Teils der juristischen Unschärfe einer Ehe steht das Liebesdreieck um Leyla, Altay und Jonoun. Leyla und Jonoun, eine New Yorker Künstlerin mit jüdischer Herkunft, begegnen sich in einer Kreuzberger Bar und beginnen eine Affäre. Als die Amerikanerin ihre Wohnung verliert, zieht sie bei Leyla ein, die mit Altay, ihrem Ehemann, zusammenwohnt. Die Ehe der beiden ist, wie der Titel bereits verrät, „juristisch unscharf“ und schwer zu greifen. Beide haben andere, gleichgeschlechtliche Beziehungen, aber auch zueinander ein inniges emotionales und körperliches Verhältnis.

Die Beziehung zu Jonoun missbilligt Altay. Er empfindet ihren Einzug als ein Eindringen in die Privatsphäre des Paares und hat kein Verständnis für Jonouns sorgloses Künstlerleben, das von der Berliner Bar-Szene und Drogen geprägt ist. Die Disziplin, die der New Yorkerin fehlt, ist für Altay als Arzt und Leyla als Ballerina allgegenwärtig. Stück für Stück rekonstruiert sich die gegenwärtige Situation der Figuren durch den Einschub einzelner Kapitel über die Vergangenheit der Figuren, und ihr Leben, bevor sie nach Berlin kamen. So erfährt der Leser von Jonouns gescheiterter Ehe mit ihrem Kunstprofessor, Leylas Ballett-Ausbildung am Bolschoi-Theater, in die sie maßgeblich von ihrer Mutter gedrängt wurde, und das Kennenlernen von Leyla und Altay, das von den Eltern arrangiert wurde. Aus der Scheinehe, hinter der beide zunächst ihre Homosexualität verbergen wollten, entwickelte sich eine Liebe, die letztendlich doch einer konventionellen Ehe gleichkommt.

Der Umzug nach Berlin ist für beide eine Flucht vor der Homophobie in Russland und mit einer Art sexueller Befreiung verbunden:

[…] [F]ür Altay und Leyla bestand in diesem System zum ersten Mal ein Zusammenhang zwischen Glück und Homosexualität. Beide waren mit dem Horrorszenario eines homosexuellen Lebens aufgewachsen – Coming-out, Diskriminierung, Krankheit, Tod. In Berlin kamen Liebe, Partnerschaft und Begehren hinzu.

Grjasnowa zeichnet die Berlin nicht als paradiesisches Utopia, sondern reflektiert kritisch die gesellschaftlichen Regeln, denen auch Berlin unterworfen ist. Am Ende des Romans wird die Berliner Toleranz als Pseudo-Liberalität entlarvt, welche gebraucht wird, um sich die eigene, ethische Überlegenheit gegenüber „dem Osten“ zu versichern.

Berlin war wunderbar – Homosexualität und Menschsein schlossen sich in europäischen Großstädten nicht mehr aus. Die einzigen Voraussetzungen waren die Zugehörigkeit zur weißen Rasse, das richtige Einkommen und die Bereitschaft, sich in seine vorgegebene gesellschaftliche Rolle einzufügen.

Als Jonoun schließlich wieder auszieht, verwahrlost sie zusehens und versinkt im Berliner Nachtleben. Der Kontakt zwischen ihr und Leyla bricht ab, bis diese sich so verletzt, dass sie nicht mehr tanzen kann – und überstürzt Berlin verlässt.

Teil zwei: Von Baku durch den Kaukasus.
Nachdem Leyla von Altay aus dem Gefängnis freigekauft wurde, brechen Leyla und Jonoun, die Altay mit nach Baku gebracht hat, zu einer Reise durch den Kaukasus auf. Inspiriert ist diese von einer folkloren Geschichte, der Konferenz der Vögel, in welcher dreißig Vögel nach dem Vogel Simurgh suchen, der symbolisch für Weisheit steht und die Leylas Vater erzählt. 30 Vögel, 29 Kapitel + der Prolog, das Kapitel 0 – im letzten Drittel bietet Grjasnowa mit der Konferenz der Vögel eine Lesart für den Aufbau des Romans und für den Roman selbst an: Leylas Weg zur Weisheit.

Mit dem sufistischen Epos und der Reise von Leyla und Jonoun poetisiert sich zunehmens die zuvor sachliche, prägnant beschreibende Sprache. Die durchfahrenen Landschaften in Aserbaidschan, Georgien und Armenien muten märchenhaft an. Und Leyla, die zuvor chronisch Diät haltende, von Selbstdisziplin beherrschte Ballerina, beginnt zu essen und ihr Verhalten reflektieren.

Am Ende fährt Leyla nicht mit Jonoun, sondern mit Altay zurück nach Berlin. Beide haben sich wiedergefunden. Die Reise endet abrupt und mit Kinderwunsch. Hat Leyla also wie die Vögel der sufistischen Erzählung Weisheit erlangt? Ihr Simurgh könnte Altay sein. Etwas ratlos, aber doch versöhnt verlässt einen der letzte Satz. Olga Grjasnowa hat ihren eigenen Sound gefunden: Wer Der Russte ist einer, der Birken liebt mochte, wird auch Die juristische Unschärfe einer Ehe zu schätzen wissen. Ein lesenswerter Roman!