Berliner Rede zur Poesie: „Was nicht gesagt ist“

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Normalerweise ist das Rote Rathaus in Berlin ein Ort für uninspirierte Politik und wüste Bürokratie, doch am Montag, den 12. September, hielt die Literatur Einzug in die zwischen Prunk und DDR-Plaste tendierenden Hallen. Wer eingeladen war, besuchte am Anfang des Abends eine Veranstaltung der Literaturwerkstatt und verließ das Rathaus als Gast des Hauses für Poesie. Denn der Abend stand gleich unter zwei Sternen: es sollte die erste Berliner Rede zur Poesie von Oswald Egger gehalten und gleichzeitig die Umbenennung der Literaturwerkstatt gefeiert werden, mit dem der Verein seiner immer stärker werdenden Ausrichtung als Ort für Lyrik Ausdruck verleiht. Auch wenn mit dem regierenden Bürgermeister Michael Müller echte Politprominenz vor Ort war, gegenüber Oswald Egger sahen sie alle blass aus.

Gleich vier Redner betraten an diesem Abend die Bühne, von denen Michael Müller den Anfang machte. Er erinnerte an die bewegte Geschichte der Literaturwerkstatt und ihre symbolträchtige Wandlung. Denn ihren Anfang nahm der Verein am Majakowskiring: gerade in Pankow, wo zur Zeit der DDR die SED-Bonzen ein relativ luxuriöses Leben führten, wurde nun eine der Villen besetzt und die Literaturwerkstatt gegründet. Ganze elf Jahre hielt man sich am Ort der ehemaligen Macht, bis 2001 Berlin langsam damit anfing, die durch den Mauerfall entstandenen Freiheit und Improvisationen wieder einzuholen. Nach einem kurzen Ausflug in Gebäude der Senatsverwaltung ist sie mittlerweile in der Kulturbrauerei angekommen. Das Haus für Poesie ist damit ein Musterbeispiel für die kreative Phase der Nachwendezeit, die sich aufgrund fehlender Freiräume dem Ende entgegenneigt. Auch deshalb erinnerte Müller daran – mit einem Auge auf die, wie man mittlerweile weiß, schiefgelaufene Abgeordnetenhauswahl schielend –, dass solche Räume erhalten bleiben müssen, wenn Berlin weiterhin Kreative anziehen will.

Nachdem der regierende Bürgermeister und seine zwei Nachredner Dr. Thomas Sparr (Vorstandsvorsitzender der Literaturbrücke Berlin) und Dr. Thomas Wohlfahrt (Leiter des Hauses für Poesie) feierlich die Umbenennung performativ vollzogen hatten, war der erste, der das Haus für Poesie mit Leben füllte, Oswald Egger. Der Südtiroler, der im Suhrkamp Verlag publiziert, kam nicht als Dozierender ins Rote Rathaus, sondern als Autor und so war auch sein Vortrag aufgebaut. Irgendwo zwischen Heidegger und Dada stürzte Egger in seinen Vortrag und kreiste in rasenden Tempo um das Thema der Lyrik, die Stellung des Ichs in der Lyrik und um die Rolle der Lyrik in der Gesellschaft: „Es geht hier nämlich nicht um mich, sondern um mich, um Politik.“

Oswald Eggers Rede wehrt sich gegen die Vorstellung einer selbstreferenziellen Lyrik, die sich nur sich nur noch um sich und das eigene Ich dreht: „Wer nur im Gedicht aus dem Häuschen ist, baut sich keines mehr, und wer sich aus dem Gehäuse stiehlt, aus seinen eigenen vier Wänden – wie in einer dunklen Nacht der Seele, ihre innere Befestigung –, sollte wollen, dass der Hof offen ist, und mag es mögen, nach dem Wind zu haschen, ganz ehrlich.“ Dabei schwebt Egger keineswegs eine Agitprop-Lyrik vor, vielmehr geht es ihm um eine Schärfung des Verhältnisses zwischen Ich und Gedicht: „Nicht ich und Gedicht entsprechen einander, das Gedicht und ich verschweigen einander, und was ich nicht sein will und das Gedicht nicht sein mag, hüllt uns beide ein […].

Sobald das Gedicht geschrieben ist, emanzipiert es sich vom Autor-Ich und ist in der Welt: „Nicht ich habe angefangen, Gedichte zu schreiben, sondern das Gedicht hat aufgehört, ich zu sein.“ Als diese sollen sie Welt enthalten, aber ihre Kernkompetenz nicht aus den Augen verlieren, die Sprache: „Es heißt: Worte sind wie Münzen ohne Zins in der Tasche, und wenn niemand mehr etwas dafür geben wird, haben sie ihren Wert, ihre Bedeutung verloren.“ Damit es soweit nicht kommt, gibt es nun das „Haus für Poesie“, das jährlich die Berliner Rede zur Poesie veranstalten will und mit Oswald Egger keinen geistreicheren und scharfsinnigeren Debütanten finden konnte.


Titelbild: (c) gezett