Bernhard Schlinks „Olga“: Kein weites Feld

Mit seinem „Vorleser“ bescherte Bernhard Schlink der deutschen Literatur Mitte der 1990er Jahre einen der seltenen weltweiten Bestseller: Sein Roman wurde in 45 Sprachen übersetzt, schaffte es auf die berüchtigte Bestsellerliste der New York Times und wurde folgerichtig mit Hollywoodbesetzung verfilmt. Obwohl Schlink danach sieben weitere Bücher veröffentlichte, blieb es bei dem internationalen One-Hit-Wonder. Kein anderer seiner Romane konnte einen vergleichbaren Erfolg erzielen. Wie sieht es also mit der achten Veröffentlichung nach dem „Vorleser“ aus?

In „Olga“ erzählt Schlink die Lebensgeschichte seiner gleichnamigen Protagonistin und – soviel darf vorweggenommen werden – ihrer großen Liebe Herbert.
Die beiden lernen sich in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts im Konfirmandenunterricht kennen und werden zusammen mit Herberts Schwester Viktoria zu einem zeitweilig unzertrennlichen Dreiergespann. Während Olga sehr strebsam ist und viel liest, um ihrem Ziel, Lehrerin zu werden näher zu kommen, ist Herbert ein Wildfang, den es nach Draußen zieht. Er rennt, fliegt fast, durch die flachen Landschaften Pommerns.

Als sich die beiden schließlich verlieben und heiraten wollen, verweigern die Eltern Herbert die Verbindung. Der Sohn des Gutsherrn soll schließlich den Familienbetrieb übernehmen, und Olga, die aus aus den einfachsten Verhältnissen stammt, sei dafür nicht die richtige Frau an seiner Seite. Auch Viktoria, die mittlerweile die höhere Mädchenschule besucht hat und auf Etikette und Standesbewusstsein bedacht ist, hat es mittlerweile auf Olga abgesehen und erwirkt ihre Versetzung nach Ostpreußen, wo sie von nun an als Lehrerin arbeitet.

„Deutschlands Zukunft liegt in der Arktis.“

Gegen alle Widrigkeiten halten Herbert und Olga ihre Beziehung aufrecht und führen eine fast moderne Fernbeziehung. Er ist unterwegs, sie arbeitet als Lehrerin und kümmert sich um die Nachbarskinder, von denen sie einen Knaben, Eik, ganz besonders ins Herz geschlossen hat. Zwischen ihnen liegt mittlerweile nicht mehr nur das halbe deutsche Kaiserreich, meist befinden sie sich auf unterschiedlichen Kontinenten: Die Abenteuerlust und das Fernweh führen Herbert nach Deutsch-Südwestafrika, durch den Dschungel Südamerikas und nach Sibirien. 1910 erklärt Herbert öffentlich sein neustes Ziel: Die Arktis. Für seine „Sehnsucht nach dem Nichts“, nach der Weite der Natur und der Flucht aus dem engen Elternhaus, das ihm seinen Lebensweg eigentlich schon vollständig vorgeschrieben hatte, ist ihm der nationalistisch-koloniale Tatendrang des jungen deutschen Kaiserreichs Vorwand, selbst das Weite zu suchen:

„Was willst du dort?“
„Wir Deutschen …“
„Nein, nicht wir Deutschen. Was willst du dort?“
Er schwieg, und sie wartete.

Herberts patriotische Floskeln und Parolen wirken aus heutiger Sicht höchst befremdlich, sind aber nicht überzeichnet – eher im Gegenteil ist Schlink darauf bedacht, Herberts unsympathische Charakterzüge nur Fassade für etwas anderes sein zu lassen, sodass Herbert kein Rassist ist, sondern seine teils rassistischen Äußerungen als Zeitgeist zu verstehen sein sollen.
Seine „Sehnsucht nach dem Nichts“ nimmt von Anfang an vorweg, dass die Beziehung scheitern muss: Im Mai 1913 bricht Herbert in die Arktis auf. Er wird nicht wieder kommen.

Da Schlinks Roman aber nicht „Herbert“, sondern „Olga“ heißt, wird die Lebensgeschichte der Protagonistin, geprägt von den politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts, im Schnelldurchgang weitererzählt. Die Nationalsozialisten lehnt Sympathieträgerin Olga natürlich von Anfang an ab und ärgert sich umso mehr, als ihr Schützling Eik sich ihnen anschließt. Nach einer Krankheit verliert sie das Gehör und besucht in Breslau die berühmte Taubstummenschule (siehe „Vielleicht Esther“ von Katja Petrowskaja), bevor sie  vor den russischen Truppen gen Westen flieht. In Südwestdeutschland lässt sie sich nieder und arbeitet als Näherin für eine Familie, bis sie schließlich als über 80-Jährige unter mysteriösen Umständen bei einem Bombenanschlag auf ein Bismarck-Denkmal in den 1970er Jahren im hiesigen Stadtpark stirbt.

Schlink fasst das epische Narrativ – schließlich wird hier ein Jahrhundert Leben erzählt – mit einer konventionellen, allwissenden Erzählstimme und verpackt sie formell in zahllose Kurzkapitel, die selten mehr als vier Seiten umfassen, damit trotz der Dramatik alles gut verdaulich bleibt. Leider führt die Abwesenheit jeglicher handwerklich-erzählerischen Finesse dabei auch zunehmend zu literarischer Langeweile. Das hat vielleicht auch der Autor bemerkt, der für die letzten zwei Teile seines Romans – wie gewitzt! – die Erzählperspektiven wechselt.

Mir war, als hätte ich eine Verabredung mit Olga, als würde die bald kommen, ließe aber noch auf sich warten.

Im zweiten Teil erinnert sich der Ich-Erzähler Ferdinand an Olga Rinke, die in den 1950er Jahren für seine gutbürgerliche Familie als Näherin arbeitete und zu einer Art Ziehgroßmutter für den Jungen wurde. Neben dem Schwelgen in Erinnerungen über die eigene, wilde 68er-Jugend begibt er sich schließlich auf die Suche nach des Rätsels Lösung von Herberts Verschwinden und Olgas mysteriösem Tod.
Aufgelöst wird alles im letzten Romanteil, in dem „Olga“ schließlich zum Briefroman wird und der Leser jene Briefe lesen kann, die Olga an Herbert nach Tromsö am Polarkreis schickte.

„Ich will Hühner halten und eine Ziege. […] Ich will Dantes Göttliche Komödie lesen.“

Der Klappentext beschreibt Olga als eine „Frau, die gegen die Vorurteile ihrer Zeit kämpft“. Ein Roman über eine starke, selbstbestimmte weibliche Protagonistin ist „Olga“ leider aber nicht wirklich. Viel zu sehr wird immer wieder ihre emotionale Abhängigkeit von Herbert – vor und nach seinem Aufbruch in die Arktis – betont. Am Ende lebt Schlinks neuer Roman von emotionalen Sätzen, die man als poetisch missverstehen könnte, obwohl sie eigentlich bloß kitschig sind:

„Wenn ich Dich lieben kann, obwohl Du tot bist, wie ich Dich geliebt habe, als Du gelebt hast – warst Du immer schon ein Phantom?“

Wer hier noch auf einen Twist im Plot hofft – vielleicht war Herbert wirklich nur das Phantom eines männlich dominierten Jahrhunderts voller Gewalt? – wird enttäuscht. „Olga“ ist keine ‚große Literatur’, schon gar kein Kunstgriff, sondern konventionelle Prosa mit sympathischen Figuren und viel Emotion: solide Unterhaltung, ein kurzer ‚Schmöker‘, ja. Mehr aber auch nicht.


Wir danken Diogenes für das Rezensionsexemplar.

2 Kommentare

  1. Gute Besprechung – auf den Punkt und kritisch ohne zu beleidigen. Schlink wird sowieso furchtbar überschätzt.
    Beste Grüße von der Ostsee! Bookster hRO

  2. Leselaunen Admin

    Mein Fall ist Schlink auch nicht. Ich denke aber, dass gerade bei Autoren die Meinungen weit auseinander gehen. Und das darf auch so sein. Jedem liegt ein anderer Erzählstil.

    Neri, Leselaunen

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