Billy Hutters „Karlheinz“: Wer schreibt, der bleibt

Karlheinz

Welche Geschichte ist es wert, erzählt zu werden? Jede Epoche beantwortet diese Frage auf ihre Weise. Früher waren es die großen Männer mit ihren großen Reichen, dessen Glorie als Exempel festgehalten werden sollte, irgendwann waren es die sozial Geknechteten, dann die Frauen. Im 20. Jahrhundert traten die Kulturwissenschaften auf den Plan und postulierten: Die Geschichte einer Gesellschaft lässt sich im Grunde über jeden Gegenstand erzählen – die Geschichte der Pferde, die Geschichte des Mülleimers, die Geschichte der Banane. Seit gut einem Jahr geistert der Begriff der „BRD Noir“ durch die Literatur, 26 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung wird die alte Bundesrepublik wiederentdeckt. So auch in Billy Hutters „Karlheinz“, wo sich Geschichte aus einem übrig gebliebenen Koffer konstruiert.

Billy Hutters Beruf ist eigentlich die Vernichtung von Geschichten: Sein Geld verdient oder verdiente er mit Haushaltsauflösung. Bei solchen Auflösungen werden die Memorabilien und das Mobiliar einer Persönlichkeit aus ihrem Kontext gelöst, sodass ihre Geschichten erlöschen. Doch als Billy Hutter die Wohnung von Karlheinz Naksch auflöste, behielt er einen Koffer und ein paar Kartons, gefüllt mit Notizen, Andenken und anderen persönlichen Gegenständen. Rund zwanzig Jahre trug er diese mit sich herum, bis er schließlich versuchte, die Geschichte hinter dem Koffer und den Kartons zu rekonstruieren. Sein Versuch ist geglückt, denn „Karlheinz“ ist eine sehr empathische Biographie, ein kluges Generationsportrait und eine abgründige Skizze der alten Bundesrepublik.

Das sind erbärmliche Überreste, mit denen ich meinen eigenen, schrägen Blick auf die Vergangenheit konstruiere.

Wie der Autor kommt Karlheinz N. aus Ludwigshafen, eine Stadt, die für ihre Chemieindustrie und Helmut Kohl bekannt ist. Im Zweiten Weltkrieg wurde Ludwigshafen aufgrund seiner wirtschaftlichen Bedeutung weitgehend zerstört, was nicht zur Verschönerung beitrug: Der Mix aus Industrie und pragmatischen Nachkriegsbauten macht die Stadt zu einem typischen Vertreter Westdeutschlands – nicht klein, nicht groß, durchschnittlich und hässlich. Karlheinz wächst dort als Sohn eines BASF-Chemikers und einer Hausfrau in den Wirren des Zweiten Weltkriegs auf, er verbringt viel Zeit in den Luftschutzbunkern, ist in der HJ und ein guter, jedoch keineswegs genialer Schüler. Sein junges Erwachsenenleben fällt in die Zeit des Wirtschaftswunders, was zeitlebend seine Ideologie sein wird.

A-Klasse-Impressionen. Postfordistische Stimmungsmelange. Männergespräche. Ihre Frauen, weiß ich, arbeiten halbtags in Praxen.

In der ersten „Volltext“-Ausgabe diesen Jahres führt Frank Witzel ein Gespräch mit Philipp Felsch über den Begriff der BRD-Noir. Sie stellen darin ein neuerwachtes Interesse für die alte Bundesrepublik fest: „Seit einiger Zeit begegnet mir eine neue Faszination für die alte Bundesrepublik. Von ihrem biederen oder progressiven Charakter haben wir vielleicht genug gehört. So wie in deinem Buch tritt daher jetzt ein verstärktes Interesse an ihren Abgründen, am BRD Noir hervor. Es könnte gut sein, dass dieses Interesse mehr über unsere Gegenwart als über die alte Bundesrepublik verrät. Aber in einem Punkt trifft es sich mit den älteren Deutungen: Auch BRD Noir geht vom Motiv des Idyllischen aus.“ Die Verbindung zum klassischen „Film Noir“ sehen beide im Punkt der Wohlstandsgesellschaft. Während der Film Noir gerade im sonnendurchfluteten, glitzernden Los Angeles blühte, ist der Ort des BRD-Noir die Bundesrepublik des Wirtschaftswunders. „Noir“ ist immer dort, wo die Sonne Schatten wirft. Kriminalität und Abgründigkeit ist die Schattenseite der Wohlstandsgesellschaft.

Die Stadt ist eine Arbeiterstadt. Es ist meine Stadt. Hier dominiert leider ein schlechter Geschmack.

In eine solche Gesellschaft wächst auch Karlheinz hinein, nur dass die Schatten, die über Ludwigshafen liegen, jene sind, die die Shoa wirft. Die „IG Farben“, die für die Vernichtung der Juden den Stoff „Zyklon B“ produzierte, hatte riesige Werksanlagen in der Stadt am Rhein, deren Spuren bis nach Auschwitz, ins KZ Monowitz führen, das von der Firma selbst betrieben wurde. Wer Städte wie Ludwigshafen verstehen möchte, muss verstehen, welche Bedeutung die ansässige Industrie für sie haben. BASF und Bayer waren und sind für die Städte am Rhein Lebensader und Mittelpunkt, fester Teil des Panoramas: „Die Fabrik ist zu jener Zeit sichtbarer als heute. Sie streckt hundert Schornsteine in die Luft, stößt Rauch aus, lässt die Turbinen brummen. Sie taucht den Himmel in diffuses Lucht, stinkt, und überzieht die Backsteinfassaden mit einem rußigen Film. Ihr Rhythmus bestimmt den Rhythmus der Stadt.“

Die Welt lässt sich am klarsten von Ludwigshafen aus sehen! Das ist eine unvollkommene, eine wirklich schlechte Methode, die ich den noch schlechteren vorziehe.

Auch Karlheinz möchte dem Vater in die Chemieindustrie folgen, studiert dafür erst in Heidelberg, dann Tübingen, schließlich irgendwie überall im Südwesten Deutschlands. Er bricht mehrfach das Studium ab, kommt nirgendwo so richtig an. Sein einziger Fixpunkt bleiben die Eltern, die er regelmäßig besucht, um mit ihnen kleinere Urlaube zu machen. Dabei ist immer der Opel des Vaters, der das Heiligtum der Familie ist und natürlich das Aufstiegssymbol per se für die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft. Ihre Orte sind die Orte der alten Bundesrepublik: Der Rhein mit seinen Burgen, der Schwarzwald, Ausflugslokalitäten mit Holztischen und Häkeldeckchen: „‚Das ist Nibelungenland‘ raunt es.“ Karlheinz ist ein einsamer Mensch, erst stirbt der Opel, dann der Vater. Die Mobilität war der Lebensmodus Westdeutschlands und mit dem Ende der Mobilität endet auch das Leben. Nach dem Tod der Eltern gerät Karlheinz in finanzielle Schwierigkeiten, verjubelt das Geld des Vaters und wird wegen Betrug angezeigt. Am Ende stirbt er vereinsamt und von Krankheit geprägt.

Karlheinz führt Buch über den Zustand seines Körpers.

Karlheinz ist eine historisch verbürgte Person, Karlheinz ist aber auch die BRD. So wie Thomas Müller der durchschnittliche Deutsche ist, ist Karlheinz der durchschnittliche Westdeutsche zwischen 1945-90. Und so macht der Autor sich auf, das Exemplarische aus einem Lebensweg herauszuarbeiten, den er nur als Nachlass kennt: „Es reizt mich, Aufbau und Krise, Ordnung, Zerstörung und Wiederaufbau der Fabrik zu betrachten, und die Phasen ihrer Entwicklung mit der Prägung der mittelbar und unmittelbar von ihrer Abhängigen zu vergleichen. Sind Archetypen auszumachen?“ Das Exemplarische ist vor allem der Charakter einer Wohlstandsgesellschaft, die die Schuld der Vergangenheit durch eskapistischen Konsum versucht zu entrinnen. Der Konsum ist die Ideologie der BRD oder wie es Herfried Münkler mal beschrieb, der Mercedes-Stern ersetzt das eiserne Kreuz. Doch diese Gesellschaft produziert auch einsame und unhistorische Menschen, die vor lauter Drachenburg und Loreley nicht den Schrecken vor der eigenen Haustür erkennt.

Karlheinzens Wünsche bleiben im Nebel.
Was treibt ihn an?
Was treibt uns an?

An einer Stelle des Romans äußert sich der Erzähler über die Beschaffenheit des Nachlasses: „Seine Einträge verfasst er mit Bleistift oder Kugelschreiber, bis 1944 benutzt Karlheinz die Sütterlin-, danach die lateinische Schrift.“ „Karlheinz“ ist auch ein Text darüber, wie sich Leben aus Dokumenten erzählen lässt. Dazu gehören auch die Entwicklung von Schrift, der Art von Dokumenten und ihre Motivation. Während die frühen Notate noch Schulaufsätze oder Einträge zum Kriegsverlauf sind, werden sie irgendwann von akribisch geführten Listen abgelöst: „Karlheinz organisiert, wie es wahrscheinlich viele seiner Artgenossen tun, seinen Alltag über kurze Notizen, in denen er systematisch die zu erledigenden, drängenden Aufgaben zusammenfasst.“ Die Organisation des Lebens als Liste ist ein treffendes Bild für ein Leben in der Nachkriegsgesellschaft. Karlheinz N. schreibt auf, was er noch alles kaufen muss, um ein Versprechen auf die Zukunft zu formulieren: noch mehr Konsum. In dieser westdeutschen, sorgenlosen Wohlstandsgesellschaft florieren Neurosen, wie Karlheinz‘ Tick, Regenmäntel zu sammeln.

Billy Hutters Roman ist klug, sehr witzig und scharf beobachtet. Der Geschichtenzerstörer wird zum Geschichtenerzähler und erringt einen Triumph: Anders als das megalomanische Romanmonstrum Frank Witzels „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ schafft es Hutter federleicht, ein Gesellschaftsportrait über einen einzigen Menschen aufzufächern, ohne dabei je in die Nostalgie-Falle zu tappen. Denn zwischen den Zeilen blitzt die Traurigkeit des Erzählers auf, die ihn mit Karlheinz verbindet. Schließlich sind am Ende viele von uns Kinder dieser so wohlstandsverwöhnten, verklemmten Kleinbürgerrepublik namens BRD.

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