Juli Zehs „Leere Herzen“: Was ist Populismus?

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Haben Sie auch so eine Angst? Glauben Sie, dass mit dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen das Ende der Demokratie gekommen ist? Dass Angela Merkel die letzte aufrechte Regierungschefin sein wird, bevor der faschistische Sturm der Barbaren das Land übernimmt? Möglicherweise ist das der Grund, weshalb Sie sich hinter einer frischgezapften Bio-Rhabarberschorle auf dem schwedischen Design-Sofa verkriechen? Ist die Gegenwart nicht furchtbar hektisch geworden? Und diese neuen Medien! Machen alles so furchtbar schnell, chaotisch und unübersichtlich. Vielleicht sollte man nach draußen ziehen, aufs Land. Aber das wäre ja auch schon wieder so zeitgenössisch! Diese schreckliche Landlust mit artgerechter Tierhaltung und zwei Kind-Familie – natürlich mit klassischen Namen wie Charlotte-Sophie und Maximilian-Friedrich. Ist schon verrückt unsere Gegenwart, gell? Hat sich auch Juli Zeh gedacht und den vielleicht dümmsten Roman des Jahres geschrieben. Weiterlesen

Herfried Münklers „Der dreißigjährige Krieg“: Völker dieser Welt, schaut auf diesen Krieg

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Herfried Münkler ist unzufrieden. Unzufrieden mit dem politischen Betrieb und auch unzufrieden mit der Bevölkerung. Er hat sich schon häufiger über fehlende strategische und analytische Kompetenz in der politischen Elite Deutschlands mokiert und jüngst sagte er im Interview mit dem Deutschlandradio Kultur ganz unverblümt: Das Volk ist dumm! Elite dumm, Bevölkerung dumm – da braucht es jemanden, der weiß wie es besser geht. In dieser Rolle sieht sich Herfried Münkler, nicht umsonst taufte ihn das Feuilleton „Ein-Mann-Think-Tank“. In Zeiten von verschärften weltpolitischen Konflikten kann man aber auch jeden guten Rat, den man bekommen kann, gebrauchen. Doch wie ist Münkler so viel schlauer als andere geworden? Klar, durch den Tiefenblick der Geschichtswissenschaft. Weiterlesen

Daniel Kehlmanns „Tyll“: Die Leichtigkeit der Leichtigkeit

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Es gibt nur noch sehr wenige Großereignisse im deutschsprachigen Literaturbetrieb, an denen sich die Öffentlichkeit ausrichtet: Klar, da ist der Deutsche Buchpreis, der den Herbst durchtaktet. Beim Nobelpreis ist man auch fünf Minuten gespannt, ob nicht mal wieder etwas für einen Deutschen abfällt. Und jetzt, wo der neue Handke erscheint, ist eine gewisse Aufgeregtheit im Feuilleton spürbar. Gleiches gilt vielleicht auch für einen neuen Daniel Kehlmann-Roman. Der Bestseller-Autor, der mit „Die Vermessung der Welt“ den größten literarischen Verkaufserfolg der jüngeren Geschichte feierte, ist auch mit „Tyll“ wieder anständig, wenn auch nicht großartig in die Bestsellerlisten eingestiegen. Kehlmann ist eine seltene Spezies: Er wird sowohl vom Publikum, wie auch vom Feuilleton geliebt. Und auch für seinen neuen Roman stehen wieder eifrig viele Kritiker bereit, um den erfolgsverwöhnten Autor mit Lobpreisungen zu überschütten. Scheinbar hat Kehlmanns Ruhm nicht nur ihn erfolgstrunken gemacht. Weiterlesen

Kevin Kuhns „Liv“: So nah und doch so fern

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Es ist der kollektive Traum einer Generation: Immer mehr junge Menschen brechen nach der Schule, der Ausbildung oder dem Studium auf, um auf Weltreise zu gehen. Ob Backpacking durch Südostasien oder Work-and-Travel in Australien und Neuseeland – was verspricht, besonders exotisch zu sein, haben schon Abertausende erlebt. Die Routen sind mehr oder minder vorgegeben, alle besuchen die gleichen Partyhostels, den gleichen vermeintlich abgelegenen Wasserfall: Die abenteuerliche Weltreise hat immer schon jemand vorher erlebt, bereits ein Selfie auf Instagram, Facebook oder einem Travelblog gepostet. Auch die titelgebende Protagonistin von Kevin Kuhn macht sich auf den Weg, um die Welt zu bereisen. Für „Liv“ gibt es jedoch kein Zurück. Weiterlesen

Manja Präkels‘: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“: Der Kapitalismus trägt Springerstiefel

Snapseed

Mit langen, lustigen Titeln ist es so wie mit T-Shirt-Sprüchen. Zuerst huscht ein Grinsen ins Gesicht, doch je länger man draufschaut, desto tiefer sinken die Mundwinkel. Warum das so ist, das hat Daniel Kehlmann im ZEIT-Interview zuletzt gut auf den Punkt gebracht: „Der Witz ist da, man lacht, man hat ihn verarbeitet – aber dann bleibt er da. Weil der Mensch das T-Shirt ja immer noch trägt. Aber der Witz sollte nicht mehr im Raum sein, nachdem er gewirkt hat. Und deswegen sollte man keine lustigen T-Shirts tragen!“ Ähnlich verhält es sich mit dem Titel von Manja Präkels Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“. Hitler, das ist sowieso ein beliebtes Buzzword, mit dem man die Leute vom Hocker holt, und dazu noch Schnapskirschen, das ein versunkenes Wort aus Zeiten der Mettigel und Häkeldecken ist, bildet einen schönen Kontrast. Unterstützt vom prägnanten Verbrecher Verlags-Design, das den Kontrast im Rot der Schrift und Schwarz des Buches aufnimmt, ist der Witz im Raum. Und verlässt ihn nicht mehr. Weiterlesen

Lorenz Justs „Der böse Mensch“: Böse ist der, der Böses tut?

Der böse Mensch

Einem Debüt gegenüberzutreten ist eine reizvolle wie schwierige Aufgabe. Wer Brillanz gleich erkennt, kann sich für sein literarisches Gespür rühmen, schließlich möchte jeder den neuen Shootingstar als erstes ausgemacht haben. Gleichzeitig ist das kritische Annähern an ein Debüt ein Flug auf Sicht: Kein Werk, aus dem heraus sich etwas erklären lassen könnte, keine Kritikermeinung, an die man sich anlehnen könnte. Klar: Irgendwoher lassen sich immer Stützen holen – vielleicht gibt es einen vergleichbaren Autor oder Text. Und wenn man nicht über das Debüt selbst sprechen will, kann man immer noch darauf ausweichen, es als Symptom auszudeuten. Wie wäre es zum Beispiel mal wieder mit einer Debatte über Literaturinstitute? Weiterlesen

Omar El Akkads „American War“: Beim Benzin hört der Spaß auf

American War

A house divided against itself cannot stand – so beschrieb Abraham Lincoln einst die politische Situation, die in den USA zum Bürgerkrieg führte. Die gesellschaftliche Polarisierung, die sich an der Frage der Sklaverei entzündete, brachte die amerikanische Gesellschaft schließlich in eine Situation, in der schließlich nur noch die militärische Auseinandersetzung eine Lösung bringen sollte. Lösung – ja und nein. Der Bürgerkrieg schaffte die inhumane Institution der Sklaverei ab und befreite Abertausende aus der Willkür der reichen Plantagenbesitzer des Südens. Auf der anderen Seite, schaut man heuer nach Charlottesville, sind die Tiefenspuren dieses Konflikts immer noch erkenn- und spürbar. Kein Wunder also, dass die Thematik der Sklaverei und des Bürgerkriegs omnipräsent sind in Film und Literatur. So wie in Omar El Akkads „American War“. Weiterlesen

100 Jahre Mutter sein: Ada Dorians „Schlick“

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Von den Buddenbrooks bis zu Haratischwilis Epos „Das achte Leben“ – die Familiensaga hat Tradition und erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Kaum ein anderes Genre ermöglicht es dem Leser, so tief in die literarische Fiktion einzutauchen, wie es der Familienepos vermag. Das liegt vor allem an der erzählerischen Dichte, den motivischen Details und der Ausführlichkeit, die auch und vor allem über die Länge der erzählten Zeit ein scheinbar vollständiges, ‚wirkliches‘ Bild zeichnet. Auch Ada Dorian erzählt in ihrem neuen Roman „Schlick“ von einer Familie, von zwei Müttern und einem Jahrhundert, mit einem Unterschied jedoch: In ihrer Familiengeschichte dominieren die Zäsuren und das Ungesagte.

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George Saunders‘ „Lincoln in the Bardo“: Die Nation ist ein trauriger Mann

Lincoln in the Bardo

Es gibt wohl kaum einen Präsidenten, der in den USA inbrünstiger verehrt wird als Abraham Lincoln, nimmt man den alten Süden mal aus. Über ihm kommt vielleicht nur noch George Washington. Selbst Donald Trump – in seiner Selbstüberschätzung grenzenlos – schätzt Abraham Lincolns historische Bedeutung vielleicht noch etwas höher als seine eigene ein. Die Geschichte seiner Präsidentschaft ist natürlich die Geschichte des Amerikanischen Bürgerkriegs und der Befreiung der schwarzen Bevölkerung aus der Sklaverei. Werke über diese Zeit gibt es heuer noch und nöcher – doch die haben sich meist von den Heldenerzählungen von Generälen und Präsidenten verabschiedet und nehmen den Blick derer ein, die den Kampf und das Leiden am eigenen Schicksal hautnah erleben mussten. Nun hat George Saunders seinen neusten Roman „Lincoln in the Bardo“ vorgelegt, der klar macht: Das Schicksal des Präsidenten kann man gar nicht von dem aller Amerikaner trennen. Weiterlesen

Alte neue Denkräume: Die Benjamin-Brecht-Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste

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Treffen sich zwei Intellektuelle zum Schachspielen … So könnte auch ein schlechter Gelehrtenwitz beginnen. Gemeint sind in diesem Fall aber niemand geringeres als einer der wichtigsten Denker der Moderne – Walter Benjamin – und einer der bedeutendsten deutschsprachigen Literaten des 20. Jahrhunderts – Bertolt Brecht. Ihrer Freundschaft und dem gemeinsamen Schaffen hat die Akademie der Künste in Berlin nun eine Ausstellung gewidmet. Weiterlesen