Götz Aly (Hrsg.): Siegfried Lichtenstaedter – Prophet der Vernichtung: U.R. Deutsch

Finanzbeamten hängt nicht der Ruf nach, über prophetische Fähigkeiten zu verfügen. Doch an diesem Siegfried Lichtenstaedter war so gut wie nichts gewöhnlich. Denn der studierte Orientalist trat neben seiner beruflichen, eher spröden Tätigkeit als kluger, weitsichtiger Essayist auf und gilt – so zumindest die Verlagsankündigung des S. Fischer Verlags, wo nun Schriften Lichtenstaedters unter Herausgeberschaft von Götz Aly erschienen sind – als derjenige, der „den Holocaust vorhersagte“. Die Lektüre der nun wiederaufgelegten Texte scheinen diesen Eindruck zu bestätigen. Denn Lichtenstaedter wusste als jemand, der sich intensiv mit dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches beschäftigte: Der Verlauf des 20. Jahrhunderts wird sich an der Frage entzünden, ob ein gesellschaftlicher Friede zwischen Mehrheitsregimen und Minderheitengruppen möglich sein wird. Weiterlesen

Édouard Louis‘ „Wer hat meinen Vater umgebracht“: Wir sind, was wir nicht getan haben

Der heißeste Scheiß kommt derzeit aus Frankreich: Despentes‘ Subutex-Trilogie, die Reims-Rückkehren des Didier Eribons, die hippe Philosophie des Tristan Garcia, die wiederentdeckte, großartige Annie Ernaux, der ewig unangenehme Houellebecq und eben Édouard Louis. Zusammen mit Eribon und dem vielleicht etwas weniger bekannten Geoffroy de Lagasnerie bildet er in Europa ein philosozioliterarisches Triumvirat, das medienwirksam den Diskurs versucht mitzubestimmen – und das kommt an, vielleicht nirgendwo so gut wie in Deutschland. Die Erfolgswelle will geritten werden, bevor sie bricht und so surft auch in diesem Jahr ein neues Louis-Buch in den Buchmarkt. Weiterlesen

„Nur einmal“: Erzählungen von Kathleen Collins

Collins-Nur einmal

Eine literarische Zeitkapsel: Als die Filmemacherin und Dramatikerin Kathleen Collins im Jahr 1988 mit nur 46 Jahren überraschend starb, hinterließ sie ihrer Tochter Nina eine hölzerne Schiffstruhe voller Fotos, Dreh-, Notiz- und Tagebücher und Briefe. Es dauerte zwei Jahrzehnte, bis die Tochter den Mut fand, die Truhe zu öffnen und ihren Inhalt zu sichten. Zu ihrer Überraschung fand sie darin auch Manuskripte mit Prosatexten: Die mal längeren, mal kürzeren Erzählungen, die ein halbes Jahrhundert früher in den 1960er Jahren entstanden, erschienen 2016 in den USA. Nun macht Kampa die eindrucksvollen Texte der Pionierin des afroamerikanischen Films in deutscher Übersetzung verfügbar. Weiterlesen

Jörg Schröder erzählt Ernst Herhaus „Siegfried“: Echtholzliteratur

Vom Mythos leben und nicht von der Stückzahl.«, so brachte Jörg Schröder irgendwann mal seine eigene Strategie auf den Punkt. Tatsächlich scheint im deutschen Literaturbetrieb kaum jemand ein so intimes Verhältnis zum Mythos zu haben wie Schröder, obwohl es am Anfang seiner Karriere den Eindruck machte, als würde er es mit den Stückzahlen auch ganz gut hinbekommen. Schließlich war er derjenige, der auf die Idee kam, „Die Geschichte der O“ in Deutschland herauszubringen und landete damit nicht nur einen Kassenschlager, sondern rettete auch gleich den angeschlagenen Melzer Verlag. Als irgendwann, nach langer Reise durch die Wirren des Verlagswesens, die Verkaufserfolge ausblieben, machte Jörg Schröder das einzig konsequente: Er machte sich selbst zum Geschäftsmodell. Weiterlesen

Phantomangst: Gianna Molinaris „Hier ist noch alles möglich“

Obwohl es sich um ihren Erstling handelt, zählt Gianna Molinaris „Hier ist noch alles möglich“ zu den Romanen des vergangenen literarischen Herbstes, die von der Kritik und dem Literaturbetrieb Aufmerksamkeit erfahren haben. Für einen Auszug des Romans erhielt Molinari 2017 den 3sat-Preis beim Klagenfurter Wettlesen, im folgenden Jahr stand sie mit ihrem Debüt auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis und auf der Shortlist zum Schweizer Buchpreis. Weiterlesen

Michail Bulgakows „Die weiße Garde“: Die Epochen-Turbine

Es gibt eine Handvoll Romane, die das Tor zur Moderne ganz weit aufgerissen haben: Romane wie „Berlin Alexanderplatz“ von Döblin, „Ulysses“ von Joyce oder „Mrs. Dalloway“ von Virginia Woolf. Sie alle eint, dass sie die Art, wie Gesellschaften ihre Realität wahrnehmen grundsätzlich in Frage stellen, dass sie Abbildbarkeit anders denken und dass sie sich von einem Erzähler verabschieden, der von der kühlen Distanz seines auktorialen Feldherrenhügels aus erzählt. Zwar entwickeln sich neue Literaturformen nie über Nacht und Ansätze dieser Verschiebungen lassen sich immer schon früher entdecken, dennoch strahlen diese Romane etwas Epochemachendes aus. Weiterlesen

‚Sei doch nicht gleich so hysterisch‘: Katharina Adlers „Ida“

Die Couch von Dr. Sigmund Freud gehört als Symbol der Psychoanalyse zum festen Interieur des 20. Jahrhunderts. Ziel der Therapie bei Freud ist es, die Lebensgeschichte des zu Behandelnden zu vervollständigen, eventuelle Lücken oder Widersprüche, die nach Freud ein möglicher Grund für die Symptome sein können, aufzulösen. Eine seiner prominentesten Patientinnen, Ida – besser bekannt als Dora –, bricht die ‚Redekur‘ im Jahr 1900 nach knapp drei Monaten vorzeitig ab. Katharina Adler hat sich nun Freuds Therapiemodell zum Vorbild genommen und die Lebensgeschichte von Ida Bauer, ihrer Urgroßmutter, in ihrem Debütroman vervollständigt. Weiterlesen

Elias Canetti: „Ich erwarte von Ihnen viel“ – Briefe 1932-1994: „I whish I had a god whom I could thank for this.“

Elias Canetti war eine historische Anomalie. Als einer der wenigen überlebte er als jemand die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, der im Wien der Vor- und Zwischenkriegszeiten mit Persönlichkeiten wie Karl Kraus oder Hermann Broch verkehrte und lebte noch lange genug, um den Wiederaufbau des Westens und schließlich den Fall des Eisernen Vorhangs zu erleben. Canetti war eine Brückengestalt, der wie ein Phantom einer verlorengegangenen Kultur weiterlebte. Canetti hätte mit seiner Möglichkeit, vom Davor zu künden, eine der zentrale Gestalten der Nachkriegszeiten werden können, ein Elder Statesman unter den Literaten. Stattdessen zwang ihn das Leben und er selbst sich in die Isolation. Wie er jeder Öffentlichkeit aus dem Weg ging, davon kündet nun ein neuer Briefband, der – von Sven Hanuschek und Kristian Wachinger herausgegeben – jüngst im Hanser Verlag erschienen ist. Weiterlesen

Delphine de Vigans „Loyalitäten“: Wer vom Ich sprechen kann

Die französische Schriftstellerin Delphine de Vigan ist mit Romanen bekannt geworden, die gemeinhin als autobiografisch gelten: Von „Das Lächeln meiner Mutter“ bis zu ihrem verfilmten Bestseller „Nach einer wahren Geschichte“ – ihre Romane tangieren durch die Parallelen zwischen ihrem Lebenslauf und denen ihrer Figuren immer auch den Authentizitätsdiskurs der Gegenwartsliteratur. Als Frau ist sie dabei neben ihren männlichen Kollegen Knausgård, Glavinic oder Meyerhoff die Ausnahme und beinahe die einzige Autorin, die über authentisches Erzählen mit explizit weiblicher Erzählstimme nachdenkt. In ihrem neuen Roman „Loyalitäten“ nimmt de Vigan gleich vier Erzählperspektiven ein. Weiterlesen

Steffen Menschings „Schermanns Augen“: In diesem Lager ist das 20. Jahrhundert inhaftiert

Das Projekt, das 20. Jahrhundert zu erzählen, war auch immer ein Projekt, Räume zu erzählen. Die krisengeschüttelte Gesellschaft der Jahrhundertwende war eine Gesellschaft des Sanatoriums, das wie im „Zauberberg“ in Agonie liegend, der sicheren Katastrophe entgegensah. Die Poststrukturalisten, allen voran Michel Foucault, erkannten dann das Gefängnis als den zentralen Ort, an dem die Repressions- und Disziplinarkräfte einer modernen Gesellschaft offenbar werden. Ein weiterer zentraler Ort des 20. Jahrhundert ist das Lager, das seine Verwandtschaft zum Gefängnis aufweist, aber eine ganz eigene Erzähltradition begründete. In diese Erzähltradition stellt sich nun auch Steffen Menschings „Schermanns Augen“. Weiterlesen