Harald Jähners „Wolfszeit“: „Werden die Deutschen wieder frech?“

Die deutsche Gesellschaft entdeckt gerade ihre Vergangenheit neu. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendeine Serie, ein Spielfilm, ein Roman den Blick in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts richtet. Das nimmt dann mal so schlimme Züge wie bei „Stella“ oder „Werk ohne Autor“ an, mal geht es so biedermeierlich zu wie bei den „Kudamm“-Staffeln oder „Babylon Berlin“. Gerade die Weimarer Zeit wird gerne als die zentrale Chiffre für Krisenzeiten und gleichzeitige ekstatische gesellschaftliche Zustände herbeizitiert. Dagegen galt die BRD bislang als Insel der seligen Stabilität. Ein Bild, das nach und nach revidiert wird. Weiterlesen

Anna Giens & Marlene Starks „M“: Mit dem Strapon in die Welt schlagen

Ist Berlin-Neukölln der eigentliche Mittelpunkt Deutschlands? Kaum eine Woche vergeht, in der man nicht irgendetwas über den ehemaligen Arbeiter- und Migrantenbezirk Westberlins hört. Mal wird er als das neuste Beispiel einer voranschreitenden Gentrifizierung deutscher Innenstadtbezirke angeführt, mal ist er der Hort der hippen, digitalen Boheme und dann ist er immer wieder auch der Ort, an dem sich Deutschlands Kampf gegen kriminelle Clans entscheiden soll. Vermutlich ist Neukölln auch der einzige Ort, in dem man auf der niedrigschwelligen Ebene des Bezirksbürgermeisters bundesweite Prominenz erreichen kann. Im Herzen der jungen Berlinliteratur hat der Bezirk schon seit langem einen festen Platz und so streift auch die Ich-Erzählerin in „M“, dem Debütroman der Autorinnen Anna Gien und Marlene Stark, durch das Neuköllner Nachtleben. Weiterlesen

Kenah Cusanits „Babel“: Jenga!

Zu allen Zeiten war Babylon Projektionsfläche. Seit den biblischen Erzählungen vom israelitischen Exil und dem Turmbau zu Babel hat sich das Zentrum des Zweistromlandes tief ins kulturelle Gedächtnis der drei monotheistischen Religionen und deren Einflussregionen gebrannt. Bis jetzt hält sich der Mythos Babylon, wie neuere deutsche Serienproduktionen beweist. Jede Gesellschaft, jedes Jahrhundert scheint den Ort am Euphrat für sich neu zu entdecken und so legt sich kulturelle Schicht über Schicht. Wie man diese wieder abtragen kann, davon erzählt Kenah Cusanit in ihrem Debütroman „Babel“. Weiterlesen

Lwów, Lwiw, Lemberg: Żanna Słoniowskas „Das Licht der Frauen“

Für Joseph Roth war Lemberg die Stadt der „verwischten Grenzen“ – kein Wunder, denn in kaum einer anderen europäischen Stadt wechselte die territoriale Zugehörigkeit im Laufe des 20. Jahrhunderts so häufig. Die Machtübernahmen machten die einst so multikulturelle Metropole im Osten Europas zum Mittelpunkt blutiger Konflikte, die tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis der Einwohner*innen hinterließen. Der Geschichte und Zerrissenheit Lembergs widmet sich Żanna Słoniowska in ihrem Roman „Das Licht der Frauen“, der in der Übersetzung von Olaf Kühl bei Kampa erschienen ist. Weiterlesen

Ferdinand von Saars „Leutnant Burda“: „Heute würde man ihn wohl einen Stalker nennen.“

Es ist ein kurzer Weg vom ‚Leutnant Burda‘ zum ‚Leutnant Gustl‘“, schlussfolgert Daniela Strigl im Nachwort zum nun im Kampa Verlag wiederaufgelegten „Leutnant Burda“. Geschrieben hat die Novelle Ferdinand von Saar, ein österreichischer Klassiker des 19. Jahrhunderts, der über die Landesgrenzen hinaus mittlerweile fast vergessen ist. Mit dem „Leutnant Gustl“ wird hingegen jedes zweite deutschsprachige Schulkind konfrontiert, Arthur Schnitzler gilt als der Stellvertreter der Wiener Moderne. Worin besteht dieser kurze Weg zwischen dem Literaturweltstar Arthur Schnitzler und dem Österreichischen Insider Ferdinand von Saar? In Sachen Bekanntheit trennt sie ein ganzer Marathon, auch was die ästhetische Avanciertheit betrifft. Doch wenn es um die Darstellung des Manischen geht, dann ist von Saar ganz Wiener. Weiterlesen

Emanuel Maeß‘ „Gelenke des Lichts“: Ungelenk ins Dunkle

Was ist literarischer Mut? Sich an neuen Formen zu versuchen, ästhetische Konventionen zu sprengen und alles auf eine, absolute Karte zu setzen? Oder das genaue Gegenteil? Gegen alle Innovationserwartungen anzuschreiben und sich allem verwahren, das irgendwie nach hipper Literaturmode riecht? Gibt es die radikale Nichtradikalität? Falls ja, Emanuel Maeß, der gerade sein Debüt, „Gelenke des Lichts“ im Wallstein Verlag vorgelegt hat, hätte sie zur Perfektion getrieben. Leider bedeutet jedoch die Verweigerung literarischer Moden nicht zwangsläufig eine geradlinige Literatur. Das einzige, das in diesem Roman konsequent gerät, ist sein inniges Verhältnis zum Klischee. Weiterlesen

Götz Aly (Hrsg.): Siegfried Lichtenstaedter – Prophet der Vernichtung: U.R. Deutsch

Finanzbeamten hängt nicht der Ruf nach, über prophetische Fähigkeiten zu verfügen. Doch an diesem Siegfried Lichtenstaedter war so gut wie nichts gewöhnlich. Denn der studierte Orientalist trat neben seiner beruflichen, eher spröden Tätigkeit als kluger, weitsichtiger Essayist auf und gilt – so zumindest die Verlagsankündigung des S. Fischer Verlags, wo nun Schriften Lichtenstaedters unter Herausgeberschaft von Götz Aly erschienen sind – als derjenige, der „den Holocaust vorhersagte“. Die Lektüre der nun wiederaufgelegten Texte scheinen diesen Eindruck zu bestätigen. Denn Lichtenstaedter wusste als jemand, der sich intensiv mit dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches beschäftigte: Der Verlauf des 20. Jahrhunderts wird sich an der Frage entzünden, ob ein gesellschaftlicher Friede zwischen Mehrheitsregimen und Minderheitengruppen möglich sein wird. Weiterlesen

Édouard Louis‘ „Wer hat meinen Vater umgebracht“: Wir sind, was wir nicht getan haben

Der heißeste Scheiß kommt derzeit aus Frankreich: Despentes‘ Subutex-Trilogie, die Reims-Rückkehren des Didier Eribons, die hippe Philosophie des Tristan Garcia, die wiederentdeckte, großartige Annie Ernaux, der ewig unangenehme Houellebecq und eben Édouard Louis. Zusammen mit Eribon und dem vielleicht etwas weniger bekannten Geoffroy de Lagasnerie bildet er in Europa ein philosozioliterarisches Triumvirat, das medienwirksam den Diskurs versucht mitzubestimmen – und das kommt an, vielleicht nirgendwo so gut wie in Deutschland. Die Erfolgswelle will geritten werden, bevor sie bricht und so surft auch in diesem Jahr ein neues Louis-Buch in den Buchmarkt. Weiterlesen

„Nur einmal“: Erzählungen von Kathleen Collins

Collins-Nur einmal

Eine literarische Zeitkapsel: Als die Filmemacherin und Dramatikerin Kathleen Collins im Jahr 1988 mit nur 46 Jahren überraschend starb, hinterließ sie ihrer Tochter Nina eine hölzerne Schiffstruhe voller Fotos, Dreh-, Notiz- und Tagebücher und Briefe. Es dauerte zwei Jahrzehnte, bis die Tochter den Mut fand, die Truhe zu öffnen und ihren Inhalt zu sichten. Zu ihrer Überraschung fand sie darin auch Manuskripte mit Prosatexten: Die mal längeren, mal kürzeren Erzählungen, die ein halbes Jahrhundert früher in den 1960er Jahren entstanden, erschienen 2016 in den USA. Nun macht Kampa die eindrucksvollen Texte der Pionierin des afroamerikanischen Films in deutscher Übersetzung verfügbar. Weiterlesen

Jörg Schröder erzählt Ernst Herhaus „Siegfried“: Echtholzliteratur

Vom Mythos leben und nicht von der Stückzahl.«, so brachte Jörg Schröder irgendwann mal seine eigene Strategie auf den Punkt. Tatsächlich scheint im deutschen Literaturbetrieb kaum jemand ein so intimes Verhältnis zum Mythos zu haben wie Schröder, obwohl es am Anfang seiner Karriere den Eindruck machte, als würde er es mit den Stückzahlen auch ganz gut hinbekommen. Schließlich war er derjenige, der auf die Idee kam, „Die Geschichte der O“ in Deutschland herauszubringen und landete damit nicht nur einen Kassenschlager, sondern rettete auch gleich den angeschlagenen Melzer Verlag. Als irgendwann, nach langer Reise durch die Wirren des Verlagswesens, die Verkaufserfolge ausblieben, machte Jörg Schröder das einzig konsequente: Er machte sich selbst zum Geschäftsmodell. Weiterlesen