Blogbuster: Die Erkundung der eigenen Fähigkeiten

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Mit dem Jahreswechsel startete auch der Blogbuster-Wettbewerb in eine zweite, entscheidende Phase. Nachdem sich am Ende insgesamt 250 Bewerbungen aufgestapelt hatten, geht es nun ans Sichten, Manuskripte anfordern und sich entscheiden. Fünfzehn Blogger suchen nach dem nächsten großen Talent, nicht ohne Risiko. Denn der deutschsprachige Literaturbetrieb ist ein feinmaschiges Netz, das Talent schon da entdeckt, wo es erst zu keimen beginnt. Die Schreibschulen haben nicht zuletzt dazu beigetragen, dass jungen Autoren meist schon in einem frühen Stadium die Vollversorgung der Agenturen zuteil wird. Was werden beim Wettbewerb also für Texte eingereicht? Eine kleine Einsicht in den Blogbuster-Stapel von Zeilensprünge.

Dem Klischee nach müssten da nun lauter verkannte Genies auf den prüfenden Blick warten, die ewig Missverstandenen, diejenigen, die trotz aller Bemühungen immer auf taube Ohren gestoßen sind. Zunächst: das Feld ist heterogen, sowohl bei den Einsendern, als auch in der Form der Texte. Von zwanzig- bis sechzigjährigen Autorinnen und Autoren ist alles dabei, das Textarrangement reicht von dramatisierter Prosa bis hin zum Internetforum-Roman. Das Figurenpersonal stellt sich mal aus alkoholkranken Bundeskanzlern, mal aus einer alten Frau, der ihre Familiengeschichte um die Ohren fliegt, mal aus jungen Großstädtern in Existenzkrisen, zusammen. Örtlich werden die Fjorde Islands abgeschritten, meist bleibt man jedoch deutschen Landschaften verhaftet.

Was inhaltlich am stärksten dominiert ist die Thematisierung von psychischen Erkrankungen. Dass daraus großartige Literatur entstehen kann, hat zuletzt Thomas Melle bewiesen; in den eingereichten Texten ist die Erkundung der eigenen Psyche häufig ganz klassisch die Bewältigung der eigenen Vergangenheit oder aber der Kampf gegen eine Gegenwart, an der man nur verzweifeln kann. Möchte man die Dominanz dieser Themen als Symptom lesen, stellt sie unser Gesellschaft kein gutes Zeugnis aus. Vielleicht ist die abgründige Seele aber auch schlicht immer noch das klassische Sujet der Literatur.

Dass man es bei einem Großteil der Texte mit Autorinnen und Autoren zu tun hat, die eben nicht durch die Schleifmaschinen der Literaturinstitute gelaufen sind, kann man an ihrem Hang zur exzessiven Beschreibung ablesen. Häufiger bekommt man das Gefühl, hier sind Schriftsteller am Werk, die zunächst ausprobieren wollen, wie genau sie die Wirklichkeit in die literarischen Griffe bekommen können. Hände, Räume, Wolken und Arrangements werden dem Leser in akribischer Genauigkeit vor Auge geführt, bis man sich schließlich fragen muss: wozu der ganze Aufwand? Zwar kann und sollte man sprachliche Genauigkeit niemanden vorwerfen, ausufernde Beschreibungen ohne Ziel oder Pointe sind jedoch in den meisten Fällen wenig zweckdienlich, sie illustrieren nicht, sondern halten den Lesefluss auf.

Sicherlich hätte man sich auch bei einigen der Romanmanuskripte mehr thematischen und formalen Mut gewünscht. Vieles bleibt einem (manchmal surrealen) Realismus verhaftet. Wo sind die historischen Stoffe? Wo bleiben parabelhafte Geschichten, die sich nicht der Seelenerkundung widmen? Dass so manch eine Leseprobe sprachlich ungelenk daherkommt – geschenkt. Es sind eher die Dinge, die nicht da sind, die Ernüchterung hervorrufen: den Mut, mal eine literarische Bombe platzen zu lassen, politisch zu werden oder übers Ziel hinauszuschießen. Viel mehr bestätigt sich ein Trend, der auch in der arrivierten Gegenwartsliteratur angekommen ist – der an sich leidende Mensch ist der literarische Mensch.
Ein paar wenige Manuskripte – das soll an dieser Stelle nicht vorenthalten werden – überraschen und überzeugen jedoch auf den ersten Blick mit ausgefallenen Plotideen oder sprachlicher Prägnanz.

Nicht zuletzt neigen einige der Texte zum berüchtigten Overtelling: sie erklären und analysieren sich selbst. Man mag darin einen selbsttherapeutischen Ansatz lesen, der freilich zum Sujet der Seelenerkundung passend erscheinen mag; in jedem Fall spiegelt sich hier die fehlende handwerkliche Ausbildung der Wettbewerbsteilnehmer, die auf den Schreibschulen auch die mantraartige Wiederholung der des obersten Gebots „show, don’t tell“ umfasst.

Der Blogbuster-Wettbewerb ist ein Experiment und soll es auch sein. Dass er Texte zutage fördert, die sonst vielleicht unbeachtet geblieben wären, kann man jedoch jetzt schon als Erfolg verbuchen, denn auch wenn es viele nicht über die entscheidende Schwelle der zweiten Runde schaffen werden, hat die Auswahl der Texte einen Eindruck davon gegeben, was in den privaten und verschlossenen Schreibstuben zusammengebraut wird. Interessiert man sich dafür, was hierzulande in den Köpfen gärt, kann man diesen literarischen Querschnitt der Gesellschaft gar nicht hoch genug bewerten. Und dann sind da ja noch jene Texte, die das Interesse geweckt haben, die einen literarischen Funken versprühen. Sie müssen ihren Wert zwar noch auf der finalen Strecke beweisen, haben aber schon Freude bereitet.

2 Kommentare

  1. Den Verzicht darauf, Autorennamen von Bewerbern zu nennen und Manuskriptinhalte auszuwalzen, die nicht in die engere Wahl kommen, halte ich für sinnvoll, klug und gelungen. Man erspart sich unnötige Erklärungsnöte und in diesem Zusammenhang dann auch die eine oder andere Rechtfertigungspeinlichkeit. Alles andere zu diesem Preis wird sich erweisen.
    Viele Grüße
    Peter

    • Danke dir! Das mit der Namennennung war eine Abwägung, bei der ich mir gar nicht so sicher bin, ob man das so eindeutig beantworten kann. Auf der einen Seite sind das natürlich keine Autoren, die sich mit einem Verlag im Rücken in die Öffentlichkeit gewagt haben und sich deswegen auch allen Härten der Kritik stellen müssen. Auf der anderen Seite kann sich natürlich, in den Fällen, bei denen die Leseprobe überzegt hat, eine Namensnennung auch positiv auswirken – deswegen würde ich das so absolut auch nicht ausschließen. Zumal ein gewisser Umfang an Berichterstattung durch die Blogger ja gewünscht war und auch eins der Alleinstellungsmerkmale des Wettbewerbs darstellt. Bei welchem anderen Literaturwettbewerb bekommt man schon in diesem Maße Einblick in die Vorrunde? Für diesen Beitrag, bei dem es eher darum ging, inhaltliche und formale Gemeinsamkeiten der Einsendungen darzustellen, war es aber nicht unbedingt notwendig, deswegen haben wir uns in diesem Fall dagegen entschieden.

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