„Bodentiefe Fenster“: Hilfe, uns geht’s zu gut!

Stelling

Warum warfest du mich hin
In die Stadt der ewig Blinden
Mit dem aufgeschloßnen Sinn?
Warum gabst du mir zu sehen,
Was ich doch nicht wenden kann?
Das Verhängte muß geschehen,
Das Gefürchtete muß nahn.
– Friedrich Schiller: Kassandra

Kassandra hat eine lange Reise hinter sich. Christa Wolf holte einst die DDR zu ihr, was ihr wohl so gut gefallen hat, dass sie sich nun im Prenzlauer Berg niedergelassen hat. Dort weilt sie unter dem Namen Sandra, hat einen Mann und zwei Kinder, sieht so einiges und kann natürlich nichts davon verhindern. Anke Stellings Roman „Bodentiefe Fenster“ erzählt aus dem Auge des Sturms des mittlerweile berühmt-berüchtigtsten Viertel Deutschlands. Zwischen Kinderläden und Reformmüttern formuliert ihre Figur die Ohnmacht vor dem allzu offensichtlichen Terror, den junge Familien sich tagtäglich selbst antun.

Der Alp, der auf der Brust Sandras und ihren Zeitgenossen sitzt, nimmt in diesem Text die Form der Elterngeneration ein. Immer wieder werden Zeilen aus der engagierten Musik der Sechziger und Siebziger eingespielt, um zu zeigen: Ihr 68er habt nichts weniger als die Weltrevolution gewollt und euch dann aus dem Staub gemacht, während wir nun in den Trümmern zwischen Laissez-faire-Erziehung und Gemeinschaftswohnprojekten sitzen. Das titelgebende Motiv, das die Autorin dafür findet, ist das der bodentiefen Fenster. Sie sind der Inbegriff der durchgeplanten Lebensführung: „Aber die bodentiefen Fenster erschweren, ehrlich gesagt, das Einrichten, zumindest, wenn man nicht schon bei der Grundrisserstellung wusste, wer wo schlafen soll und mit wie vielen Menschen und Möbeln man einzieht. Die Fenster verlangen ein schlüssiges Gesamtkonzept.“

Meine Gruppe ist nicht meine Gruppe, wir haben keine gemeinsame Utopie, wir haben ein Haus mit bodentiefen Fenstern, und das Einzige, was von den Slogans meiner Kindheit übrig bleibt, ist die Behauptung, dass „Gemeinschaft“ etwas Positives sei, dabei hindert sie uns daran, überhaupt etwas zu tun. Weil wir uns niemals darauf einigen werden, was genau, und es unfair ist, wenn Einzelne vorpreschen.

Sandra und ihre Mitmenschen leben nicht mehr nur, sondern bewegen sich in Konzepten, die sich täglich beim Griff ins Bio-Regel entscheiden. Mit einer reichen Palette an Gesten der Geringschätzung sorgen alle zusammen, dass niemand ausschert oder sich einen Moment der Schwäche leistet. Dadurch verlagert sich aller Frust zuerst in den privaten Familienkreis und dann in Sandras Innerstes, das schließlich implodiert und in einem Kur-Aufenthalt auf Juist resultiert. Kassandra ist wieder in der maritimen Inselwelt angekommen.

Doch bei aller Beobachtungsfähigkeit der griechisch-berlinerischen Schicksalsseherin kommt man beim Lesen nicht umhin, sich nach der Durchschlagskraft des Wahrgenommenen zu fragen. Zwar ist das stellenweise sehr treffend und charmant formuliert – beispielsweise wenn die Ich-Erzählerin die einzelnen Parteien des Wohnprojekts schildert –, aber um die Schrecken dieses Milieus zu erkennen, muss man keine Kassandra sein, sondern einfach mal von der Kollwitzstraße zum Helmholtzplatz laufen.

Das Seniorenpaar. Keiner will werden wie sie, alle sind auf dem besten Wege dahin.

Genau darin liegt das Problem von „Bodentiefe Fenster“. Jede Darstellung des Prenzlauer Bergs muss damit umgehen, dass das satirische Potential dieses Milieus offensichtlich auf der Straße liegt. Man hat es hier eben nicht mit einer Reihenhaussiedlung der Vorstadt zu tun, in der der Wahnsinn hinter den exakt geschnittenen Hecken liegt. Das neue Bürgertum trägt seinen Konflikt in der Öffentlichkeit zur Schau. Deswegen erscheint es sinnvoll, wie Anke Stelling es tut, dieses Phänomen ernst zu nehmen, anstatt es zu verlachen.

Doch anstatt daraus eine Geschichte zu machen, die davon erzählt, wie sich die traurigen Gestalten des Wohngemeinschaftsprojekt gegenseitig das Leben schwermachen, wäre eine andere Frage die spannendere.
Das eigentliche Drama der Fair-Trade-Bürger liegt in keiner gescheiterten Utopie (denn die wurde, spätestens als die 68er die Institutionen durchschritten haben, selbst von ihnen aufgekündigt) oder der Last der engagierten Elterngeneration, sondern dass sie sich eine Kultur des neuen Luxus aufgebaut haben, die andere verächtlich macht. Während in der Ära des Konsums des Wirtschaftswunders Luxus nicht mehr sein wollte als zur Schau gestellter Reichtum, verschleiert der neue Luxus seine wahren Absichten. Täglich wird das gute Gewissen an der Bio-Supermarktkasse, der kleinen Boutique oder dem Edelmetzger, der nur Regionales verkauft, zur Schau gestellt. Das klassische „Wer hat, der hat“ hat sich in ein „Wer hat, ist gut“ gewandelt. Und da man nicht nur das ideologische, sondern auch das finanzielle Erbe der 68er angetreten hat, kommt das Ganze auch noch sehr bequem daher.

Die unkritische Bio-Konsumkultur, die längst in den kapitalistischen Warenkreislauf integriert wurden und die Zwei-Klassen-Konsumgesellschaft geschaffen hat, erreicht damit vor allem eins: Sie transformiert Geld in gutes Gewissen und schließt damit jene aus, die beim monatlichen Gehalt in die Röhre gucken. Möglicherweise sollte ein Roman über den Prenzlauer Berg von diesen Menschen handeln. Zwar reflektiert die Ich-Erzählerin durchaus die eigene Privilegiertheit, aber zieht daraus nicht die logischen Schlüsse. Und so will man am Ende von „Bodentiefe Fenster“ der Hauptfigur den vemeintlichen Ausspruch von Marcel Reich-Ranicki zurufen: „Geld allein macht nicht glücklich, aber es ist besser, in einem Taxi zu weinen als in der Straßenbahn.“

Ich weiß nicht, ob mir das irgendjemand glaubt. Es klingt zugespitzt und übertrieben, witzig fast. Ich kann es selbst kaum glauben.


Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass diese Besprechung auf einem Rezensionsexemplar basiert, das uns vom Verbrecher Verlag freundlicherweise kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde. Dies hat selbstverständlich keinen Einfluss auf die Rezension des Romans.

9 Kommentare

    • Wobei das dann vielleicht doch ratsam wäre. Denn bei aller Kritik, die man anbringen kann, wird der Text vor allem gegen Ende interessant, da er sich von seinen Milieu-Studien löst und (poetologische) Überlegungen über das Verhältnis von Sehen/Beobachten und Handeln angestellt werden.

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