Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“: Immer der Sonne entgegen

Kirchhoff: Widerfahrnis

Erst „Die Witwen“, jetzt „Widerfahrnis“: Ein Trend, der sich auf der diesjährigen Longlist zum Deutschen Buchpreis beobachten lässt, manifestiert sich im Motiv des Roadmovie. Diesmal sind nicht vier Frauen und ein Mann am Moselufer entlang, sondern eine Frau und ein Mann, in ihrem Cabrio Richtung Süden unterwegs: Ein spontaner Kurztrip, drei Tage lang immer dem Meer entgegen. Auch wenn die Figurenkonstellationen unterschiedlich sind, „Die Witwen“ und „Widerfahrnis“ verbindet, dass ihre Protagonisten nicht abenteuerlustige Jugendliche wie etwa in Herrndorfs „Tschick“, sondern gestandene Männer und Frauen in ihren Sechzigern sind, die sich auf die Reise machen und die vor allem vor etwas wegzulaufen scheinen.

Julius Reither hat mit seinem alten Leben in Frankfurt als Leiter eines kleinen, nach ihm benannten Verlags abgeschlossen und ist in eine Apartmentanlage im Weissachtal gezogen. Am Abend des 20. April eines unbestimmten, aber gegenwartsnahen Jahres sitzt Reither in seiner Wohnung und will den Tag mit der Lektüre eines Buches verbringen, das er in der hauseigenen Bibliothek gefunden hat, als Leonie Palm, die Vorsitzende des Lesekreises der Wallberg-Apartments, an seiner Tür klingelt. Die beiden kennen sich nur vom Sehen, kommen aber ins Gespräch. Eigentlich wollte „die Palm“, wie sie vom allwissenden Erzähler meist genannt wird, nur einen Termin mit dem ehemaligen Verleger am Folgetag vereinbaren, aber kurzerhand entscheiden die beiden, zu einem nächtlichen Ausflug an den Achensee in Österreich aufzubrechen.
Doch ihr Roadtrip in Leonies Cabrio führt sie über ihr ursprüngliches Ziel hinaus: Das Paar fährt weiter, unterbrochen nur von kurzen Pausen, bis nach Sizilien.

„Wir sitzen hier wegen Menschen, die es in unserem Leben nicht mehr gibt oder nie gab. […] Was glauben Sie, wer wir beide sind? Zwei, die Pleite gemacht haben.“

Während der Fahrt lernen sich Reither und Leonie Palm kennen, sie teilen ihre Lebensgeschichten und Erinnerungen miteinander: Reither bedrückt nicht nur der Verlust des Kleinverlags, sondern auch die zerbrochene Beziehung zu Christine, die etwa zwanzig Jahre vor der erzählten Jetzt-Zeit in die Brüche ging, als sie schwanger war und er das Kind nicht wollte: „Das Kind dann nicht mehr zu wollen war einer der Fehler meines Lebens.“ Doch nicht erst seit der Trennung von Christine, sondern schon länger ist Reither allein, als 18-Jähriger war er bereits Vollwaise. Freundschaften pflegt er nur wenige, Kontakt zu anderen sucht er nicht, ist grundlegend skeptisch, wenn er Fremden begegnet.
Leonie Palm ist da eine Ausnahme, nicht zuletzt sicher, weil er sich von ihr angezogen fühlt: „Er schaute in ein Gesicht von der Art, die einen daran denken lässt, wie es in früheren Jahren gewesen sein muss, bestürzend schön, einfach weil es immer noch etwas Bestürzendes hatte …“. Bevor Leonie Palm ins Weissachtal zog, besaß sie einen Hutladen in einer Stadt, für den es jedoch keine Kundschaft mehr gab. Sie verkaufte Geschäft und Wohnung und zog mit ihrem gebrauchten Cabrio in die Apartment-Anlage. Ihre Ehe, die sie mit Mitte Zwanzig einging, hielt nur vier Jahre, bevor ihr Mann sie verließ. Die gemeinsame Tochter ist einen tragischen Tod gestorben, auch ihr späterer Lebensgefährte verstarb. Das Buch, das Reither in der Bibliothek fand, hat sie geschrieben.

„Wir sind schon auf der Strecke zum Brenner, und wenn wir hier weiterfahren, geht es über die Alpen, sagte er. Über alle Berge, Leonie, das wollten Sie doch.“

Die gemeinsame Reise von Reither und Leonie Palm gleicht einer Flucht. Sie flüchten vor ihrem Leben, der Vergangenheit und den Verlusten. Aktualisiert wird das Fluchtmotiv durch die Analogisierung mit den wirklichen Flüchtlingen, denen sie auf ihrem Weg begegnen und die, im Gegensatz zu ihnen, aus Süditalien kommend Richtung Norden unterwegs sind, um sich in Europa ein besseres Leben aufzubauen. Am Ende finden Reiter und die Palm sich – denn „Widerfahrnis“ ist auch eine Liebesgeschichte, die zwar in rasantem Tempo verläuft, in der Erzählung selbst aber trotzdem nicht zu großen Raum einnimmt –, aber auch das, was ihnen am meisten fehlt: eine Tochter.

Auf Sizilien treffen sie gleich am ersten Tag auf ein bettelndes, ihrem Aussehen zufolge aus Nordafrika stammendes Mädchen, das immer wieder ihren Weg kreuzt und dem sich Reither und Leonie Palm schließlich, auf das Drängen Leonies hin, annehmen. Sie laden sie zum Essen ein, lassen sie in ihrer Wohnung übernachten, kaufen ihr neue Kleidung und beschließen, sie mit nach Hause zu nehmen.
Das Mädchen, dessen Alter die beiden Deutschen nicht genau bestimmen können, bleibt stumm, antwortet nicht auf die Fragen des Paares, die Kommunikation erfolgt über die Deutung ihrer Blicke. Sie wird damit zu einer surrealen Figur, die zur Projektionsfläche für die Wünsche und Sehnsüchte von Reither und der Palm wird, die glauben, mit ihr eine kleine Familie gründen und so die Einsamkeit, von der beide gezeichnet sind, überwinden zu können.

Sprachlich ist „Widerfahrnis“ geprägt von einem erhabenen Ton und langen, oft verschachtelten Sätzen. Strukturell spannend ist die poetologische Metaebene, die dem Text eingezogen ist, denn immer wieder kommentiert sich der Roman in seiner Machart selbst. Als Sprachrohr dient die Hauptfigur Reither, die als ehemaliger Verleger eine gewisse literaturkritische Kompetenz mitbringt, aber es scheint, als verschaffe sich auch der Autor so selbst eine Stimme. So gibt es beispielsweise im ganzen Roman keine direkte Rede, die als solche, beispielsweise durch Anführungszeichen, gekennzeichnet wäre. Am Ende des ersten Kapitels heißt es:

Was weiß ich, sagte Reither. Außerdem mag ich keine langen Dialoge. Ich mochte sie auch in Büchern nie. Sie zeugen meist nur von Erzählfaulheit.
Aber Sie und ich, wir sind hier nicht in einem Buch. Wir stehen an Ihrer Wohnungstür.

Einerseits kommentiert der Roman hier seine eigene Beschaffenheit mit einem Augenzwinkern, andererseits hat das Weglassen der direkten Rede als literarisches Mittel den Effekt, dass Aussagen nicht mehr klar zugeordnet werden können: Der Satz „Was weiß ich“ ist der Figur Reither durch die Ergänzung „sagte Reither“ klar zugeschrieben, während der Folgesatz „Außerdem mag ich keine langen Dialoge.“ durch das vorangegangene Satzende – anstatt eines Kommas – nicht mehr mit Reither verknüpft ist. So ist es wahrscheinlich ein Satz, der Reither zugeordnet wird, durch den Lesefluss, den man gewöhnt ist; strenggenommen aber könnte das ich, das im zweiten Satz spricht, ein Anderes sein, als im Vorangegangenen.

Darüber hinaus tritt Reither als Protokollant, als Schreibender auf. Als Leonie konstatiert: „Ein erster Kuss gelingt nur, wenn man sich selbst übertrifft.“, notiert Reither, als er kurz allein ist „Kein erster Kuss gelingt, ohne dass man sich selbst übertrifft.“ Der Satz wird durch den ‚Autor‘ Reither nicht 1:1 übernommen, die Aussage aber wird festgehalten.
Als sich die Palm und Reither über Leonies titelloses Buch unterhalten und er sich erkundigt, wie es am ehesten sein Titel sein könnte, erwidert sie „Widerfahrnis“ und deutet damit auf den Romantitel und aus dem fiktionalen Raum hinaus.

Die Theorie besagt: Die Novelle braucht eine Rahmenerzählung, eine Goethesche unerhörte Begebenheit und ein Heysesches Leitmotiv. Auf den ersten Blick hat erfüllt „Widerfahrnis“ keine der drei Kriterien so richtig. Auf den zweiten Blick könnte man sicher die Reise mit fremder Begleitung an sich als unerhörte Begebenheit und die Flüchtlingszüge als Leitmotiv interpretieren. Der Rahmen der Erzählung versteckt sich im Detail: Die oben erläuterte metapoetische Ebene des Textes wäre als rahmendes Element zu verstehen. Wenn man alle Anzeichen zusammennimmt, könnte man Reither als Urheber des vorliegenden Romantextes interpretieren, in dem eigentlich das Ich Reiter spricht, der sich als Erzähler aber bewusst für das Erzählen in dritter Person entscheidet – genau wie Leonie in ihrem namenlosen Roman – und im Nachhinein von der Reise erzählt. Der Romantext käme demnach als Produkt der Figur Reither daher. Die Erzählperspektive selbst bildet den Rahmen, den die Novelle verlangt.
Bodo Kirchhoff hat damit ein spannend Stück Literatur geschaffen, das es auf die Shortlist geschafft hat – und Potenzial hat, mit dem Deutschen Buchpreis 2016 ausgezeichnet zu werden.


Wir danken der Frankfurter Verlagsanstalt für das Rezensionsexemplar. Weitere Buchpreis-Besprechung gibt es auf dem Buchpreisblog.