„Böhmisch klingt es.“ Höller/Larcati: „Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag“

Bachmanns Winterreise nach Prag

Der Mythos Ingeborg Bachmann ist ungebrochen. Der 1926 in Kärnten geborenen Schriftstellerin, die als Lyrikerin nach ihrem legendären Auftritt bei einem Treffen der Gruppe 47 im Sommer 1952 einen kometenhaften Aufstieg feierte, bis sie nach nur zwei Gedichtbänden der Lyrik abschwor und sich der Prosa zuwandte, wird sowohl in der literaturwissenschaftlichen Forschung als auch in der breiten Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit zuteil. Auch ihre beiden Verlage – Piper und Suhrkamp – würdigen das Werk der Österreicherin mit einer großen, auf dreißig Bände ausgelegten Werkausgabe, dessen ersten beiden Bände im kommenden Februar erscheinen werden. Hans Höller und Arturo Larcati, zwei namenhafte Bachmann-Forscher, haben dies zum Anlass genommen, um mit „Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag“ einen Band zur späten Lyrik der Autorin vorzulegen.

Als Ingeborg Bachmann in den ersten Januartagen 1964 in Berlin Adolf Opel, einen österreichischen Schriftsteller, Filmemacher und Journalisten, kennenlernt, beschließt sie kurzerhand, ihn nur wenige Tage danach auf eine Reise nach Prag zu begleiten. Der Aufenthalt vom 16.-23. Januar reicht ihr nicht; nur knapp vier Wochen später bricht sie erneut in die Stadt an der Moldau auf und bleibt vom 17. Februar bis zum 4. März 1964 dort.
Warum gerade Prag? Höller und Larcati können nur Spuren nachgehen und Vermutungen anstellen – über eine länger geplante Pragreise ist nichts bekannt, allerdings nimmt sie – genau wie Paul Celan in seinem Gedicht „Windmühlen“, das 1963 im Rahmen des Bandes „Die Niemandsrose“ erschien – im Kerngedicht ihres Pragzyklusses, Böhmen liegt am Meer, Bezug auf Shakespeares „The Winter’s Tale“, in dem es im zweiten Akt heißt: „Scene II. Bohemia. A desert country near the Sea.“ Es ist belegt, dass Bachmann im November 1963 zugesagt hatte, zum 400. Geburtstag von Shakespeare im Jahr 1964 einige Gedichte für eine Anthologie zu schreiben, die im Kontext einer großen „Skakespeare Exhibition“ erscheinen sollte. Vielleicht suchte sie deshalb gerade in Prag nach Inspiration.

Prag inspirierte Bachmann, die sich seit ihrem ersten Erzählband „Das dreißigsten Jahr“ von 1961 der Prosa verschrieben hatte, tatsächlich zu einer handvoll von Gedichten, die sie teilweise veröffentlicht, teilweise aber auch erst posthum erscheinen. Der „Winterreise“-Zyklus, wie Höller und Larcati die sieben Gedichte nennen, wird in „Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag“ erstmals in dieser Zusammenstellung versammelt abgedruckt: „Sie gewinnen im Zusammenhang neue Perspektiven, weil die motivische Arbeit und die thematischen Linien besser sichtbar werden.“

Es ist ein Zyklus der ‚Auferstehung‘ oder Rettung: „Man sieht, dass die extreme antiutopische Negativität des „Nichts mehr wird kommen“ im Eingangsgedicht [erster Vers von Enigma], Bachmanns Dialektik einer ‚via negativa‘ folgend, im nächsten Gedicht umschlägt in Rettung.“ Ein Brief, den Bachmann an ihren Begleiter Adolf Opel nach der ersten Pragreise im Januar 1964 schreibt, scheint Höller und Larcati zu bestätigen: „[…] es kommt mir zum erstenmal vor, daß ich die Vergangenheit überwinden kann, denn wenn Prag auch ein Wunder war, so wirken doch Wunder nicht immer gleich.“

Woraus Bachmann auferstehen und sich selbst erretten muss, erläutern die beiden Autoren im dritten Kapitel des Bandes: Die Trennung von Max Frisch im Sommer 1962 hatte sie schwer erschüttert, es sei, so Bachmann an ihren Freund, den Komponisten Hans Werner Henze, „die größte Niederlage meines Lebens.“ Seit Herbst 1958 führten die beiden gleichermaßen bekannten Schriftsteller eine Beziehung, die, so Höller und Larcati, bereits seit 1959 von Krisen und Trennungsversuchen seitens Frisch erschüttert wurde, bis er sich schließlich in einem Brief vom 1. August 1962 trennt, um mit Marianne Oellers, seiner späteren zweiten Ehefrau, zusammen zu sein. Im Frühjahr 1963 berichtet Bachmann Henze in einem Brief von ihrem Krankenhausaufenthalt in Zürich, wo sie nach einem Selbstmordversuch eingeliefert worden sei. Ihre Reisen im Frühjahr 1964 können so auch als Versuch der Flucht un dem Entkommen vor der Krankheit und der (Morphium-)Sucht gelesen werden, die – so lesen Höller und Larcati aus den lyrischen Fragmenten von 1962 und 1963 heraus – mit dem Krankenhausaufenthalt nach der Trennung von Max Frisch ihren Anfang nahm und die sie bis zu ihrem Tod 1974 nicht überwinden konnte.

Es dürfte nach Brecht nur wenige Lyriker geben, deren Gedichte auf Werke der Zeitgenossen und Nachgeborenen eine so große inspirierende Kraft ausgeübt haben wie „Böhmen liegt am Meer“. Das Gedicht erschafft mit seiner literarischen Form und mit seinen Sprachbildern einen Raum des Aneinandergrenzens, die Wörter werden vieldeutig, sie entgrenzen sich und öffnen sich für die Berührung mit den Wörtern ander literarischer Werke und mit den anderen künstlerischen Sprachen der Musik und der bildenden Kunst.

Bei der an den biographischen Teil anschließenden Analyse der Gedichte des „Winterreise“-Zyklusses steht Böhmen liegt am Meer stets im Fokus. Das Gedicht, das Bachmann erstmalig am 10. Mai 1965 in Wien auf einer Veranstaltung der Österreichischen Gesellschaft frür Literatur, danach als Eröffnung ihrer Georg-Büchner-Preis-Rede vortrug und das noch später auch in schriftlicher Form veröffentlicht wurde, nimmt eine besondere Stellung ein, wie Bachmann selbst beschrieb. In einem Interview gab sie an, nach der Veröffentlichung des ersten Prosabands „Das dreißigste Jahr“ nur noch ein einziges Gedicht geschrieben zu haben: Böhmen liegt am Meer, „und selbst dieses Gedicht wolle sie als ‚Geschenk‘ sehen, als sei es ihr ‚zufällig‘ zugefallen“. Dass dies faktisch nicht stimmt, beweist nicht nur Höller und Larcatis Buch, sondern auch frühere Publikationen der unveröffentlichen, späten Gedichte und der umfassende Nachlass mit lyrischen Fragmenten, die im Zuge der Werkausgabe erstmalig umfassend aufbereitet und zugänglich gemacht werden.

Hans Höller und Arturo Larcatis Studie „Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag“ liest sich als Vorbereitung auf die Veröffentlichung von „Male Oscuro. Notizen, Traumnotate und Briefe aus der Zeit der Krankheit“, dem zweiten Band jener Salzburger Edition, die (zunächst) im Suhrkamp Verlag erscheint bzw. eigentlich schon erschienen ist, der Erscheinungstermin der ersten beiden Bände musste von Mitte November auf Anfang Februar revidiert werden.
In der durchaus mit wissenschaftlichen Anspruch angelegten Studie – nahezu jede Seite zieren Fußnoten und literaturwissenschaftliche Terminologien – von Höller und Larcati werden Tagebuchauszüge aus jenen Notaten zitiert, ebenso wie Briefe und andere, bislang wenig bekannte oder gänzlich unveröffentlichte Fragmente aus dem Nachlass. Das befriedigt eine gewisse Bachmann-Neugierde und lässt bestimmt neue Erkenntnisse und Rückschlüsse auf ihr Spätwerk zu, nimmt auf der anderen Seite natürlich aber auch immer leicht voyeuristische Züge an.

Diese Einwände umschiffen die beiden Literaturwissenschaftler und Bachmann-Kennt mit einer geschickten, aber nicht unzweifelhaften Argumentation: „Die Werke, die Ingeborg Bachmann in den letzten zehn Jahren ihres Lebens geschrieben hat, drängen darauf, mit ihrem nicht nur fiktionalen kreatürlichen Elend wahrgenommen und verstanden zu werden, mit ihren Schmerzen, die sich der Sprachen entziehen wollen und die sie doch zu benennen versuchte, damit man davon weiß.“ So leicht kann man sich eine biografische Lesart, die – obwohl sie das breiteste Interesse im nicht-wissenschaftlichen Diskurs hervorruft, noch immer verpöhnt ist – herbeiargumentieren.

Leider muss man sagen: zu Recht. „Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag“ ist immer dann stark, wenn es in die wirkliche Textanalyse der Gedichte geht, wenn intertextuelle Bezüge und Verweise aufgedeckt und erläutert werden, wenn die Gedicht in Relation zum politischen Zeitgeschehen jener Jahre und in den Werk-Kontext gesetzt werden. Erlesen sich Höller und Larcati aus dem „Winterreise“-Zyklus aber die Verhältnisse in der Beziehung zwischen Bachmann und Frisch, wird es flach. Dieser Problematik sind sich Hans Höller und Arturo Larcati durchaus bewusst, wie das Nachwort zeigt, das gleich mit einer diesbezüglichen Stellungnahme eröffnet.
Trotzdem ist „Böhmen liegt am Meer“ am Ende eine merkwürdige Hybridform zwischen Biografie und Gedichtsanalyse, zwischen literaturwissenschaftlicher Studie – Kenntnisse über literaturtheoretische Texte wie Gilles Deleuzes „Litterature mineure“ werden vorausgesetzt – und Sachbuch mit massentauglichem Anspruch, die summa sumarum nicht besonders viele neue Erkenntnisse bereit hält, sondern viel herbeizitiert und zusammenträgt (was natürlich auch verdienstvoll sein kann). Alle Bachmann-Enthusiasten, die nicht mehr bis Februar auf die ersten zwei Bände der Werkausgabe warten wollen, können sich mit diesem schmalen Bändchen ein wenig die Wartezeit verkürzen.


Wir danken Piper für das Rezensionsexemplar.

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