Boris Sawinkows: „Das schwarze Pferd“: Die Mitte verloren

Das schwarze Pferd

Die Sowjetunion hat zahlreiche Künstlerbiographien verschlungen. Die bekanntesten sind die Solschenizyns, Isaak Babels oder Boris Pasternaks – manche von ihnen wurden ermordet, andere eingekerkert oder in die Verstummung getrieben. Sie alle eint, nicht auf der verordneten ästhetischen Linien zu wirken, ihr Vergehen war poetische Dissidenz. Einer der in Deutschland unbekannteren war Boris Sawinkow. Sein Schicksal besiegelte sich in dem Moment, als er entschied, Anhänger der Kerenski-Regierung zu werden, jenem Übergangsregime, das zwischen Zarismus und Kommunismus die Hoffnung auf demokratische Reformen in Russland weckte. Seine Gegnerschaft zum Kommunismus machte ihn, nachdem die Bolschewiki im Bürgerkrieg obsiegten, zum Staatsfeind. Seine Haft sollte er lebend nicht verlassen. Nun erscheint sein Werk in deutscher Übersetzung im Galiani Verlag.

Wer die historische Figur Sawinkow verstehen möchte, sollte zuerst ganz zum Ende von „Das schwarze Pferd“ blättern. Neben dem Who-is-Who der russischen Literatur, dessen Zitate über Sawinkow dort versammelt sind, sind auch Zeilen Churchills über den Autor abgedruckt. Dieser wurde mit Sawinkow bekannt, als Großbritannien nach dem Ersten Weltkrieg die antikommunistischen Kräfte in Russland unterstützte. Sawinkow war vielleicht zu allererst eine politische Figur, noch viel mehr eine soldatische Figur. Dass aus ihm darüber hinaus auch noch ein eindrucksvoller Schriftsteller geworden ist, mag vielleicht die größte historische Überraschung sein. Er agitierte, kämpfte, verübte Anschläge. Anders als Isaak Babel war er kein Beobachter, sondern Agierender. „Das schwarze Pferd“, das nun in deutscher Übersetzung vorliegt, zeugt von seinen erschütternden Erfahrungen.

Wo ist Moskau? Der Traum von Moskau?

Vorangestellt ist dem Roman ein Vorwort, das klare Anweisung zur Lesart verweigert: „Der Roman ist weder biographisch noch fiktiv.“ Damit spricht der Autor eigentlich eine poetologische Selbstverständlichkeit aus, die ein Teil der Rezeption immer wieder aufs Neue gerne vergisst. Zu leugnen, dass Sawinkows eigene Erfahrungen aus dem Bürgerkrieg in diesem Roman hat einfließen lassen, wäre töricht; ihn als Autobiographie zu bezeichnen noch törichter. Stattdessen ist „Das schwarze Pferd“ ein Parabel auf eine Gesellschaft, die ihre Mitte verloren hat, die sich im brutalen Exzess befindet. Im Zentrum des Erzählten steht George, Offizier der Weißen Armee, dem zaristischen Teil des russischen Bürgerkriegs. Dieser befindet sich in ständigem Kampf gegen die Rote Armee, vermeintlichen Verrätern. Eine richtige Handlung ist in diesem Roman nicht auszumachen, stattdessen sind die episodischen, fragmentarischen Textsplitter, die jeweils mit einem Datum versehen sind, kurze Szenen des Brutalen.

Ach, wie haben doch so fest
die Fabrikgenossen
Lenin, Trotzki und den Rest
in Ihr Herz geschlossen …

Wichtiger als die Frage danach, was passiert, erscheint viel mehr, wer dieser Mann ist, vor, hinter und neben dem das grausame Chaos passiert. George wird von diesem Roman als ein desillusionierter, gewaltsamer, sehnsuchtsvoller, zaudernder Mann gezeigt, der nichts mehr zu verlieren hat: „Ich hab kein Haus und keine Familie. Keine Verluste, weil keinen Besitz.“ Diese unheilvolle Eigenheit teilt er mit vielen seiner Landsleuten, was die Verheerungen des Bürgerkriegs erst möglich macht. Auf beiden Seiten stehen Menschen, deren Lebensbedingungen sich kaum noch verschlimmern können: „Welch ein Teufel ritt mich, als Russe geboren zu werden?

Und ich frage mich: Bruder gegen Bruder oder Wanz gegen Zeck?

Dass dieser Roman „Das schwarze Pferd“ titelt, verweist auf eine Hauptthematik des Romans. Dem Text ist eine Stelle aus der Offenbarung des Johannes vorangestellt: „Und ich sah, und siehe, ein schwarzes Pferd. Und der draufsaß, hatte eine Waage in seiner Hand.“ Man mag diesem Bibelzitat auf zwei Spuren folgen: Entweder man nimmt das apokalyptische Szenario auf, das den Kontext dieser Sätze bildet und ist dann relativ schnell einer religiösen Beschreibung dessen, was sich damals in Russland abspielte. Oder man nimmt das Motiv der Waage zum Anlass, diese nicht im Sinne der Justitia-Ikonographie als richterliche Abwägung zu lesen, sondern sich danach zu fragen, was der vorgeführten Gesellschaft verlorengegangen ist: die Mitte.

Das Volkskommissariat, die Räte, die Konstituierende Versammlung, die können von mir aus zum Kuckuck fahren … Arbeiten will ich. Verstehen Sie? Arbeiten!

Die hier geschilderte russische Gesellschaft hat jeglichen Zusammenhang verloren. Jede Seite spricht der anderen die Existenzberechtigung ab, um die eigenen Grausamkeiten zu legitimieren. Dabei gilt immer daran zu denken, dass es sich um einen Bürgerkrieg handelt und da Leute gegeneinander kämpfen, die im Zweifelsfall vorher Tür an Tür wohnten. Unterstützt wird das von einer nüchternen Sprache, die in Mark und Bein fährt: „Iwan Lukitsch ist Massenware. Solche wie er werden in Russland tagtäglich am Fließband hergestellt.“ Das korrespondiert mit der Ernüchterung, die auch der Ich-Erzähler George in seinem Innersten erfährt: „Du sollst nicht töten! … Früher einmal trafen diese Worte mich scharf wie Stahl.“ Eine religiöse Ernüchterung, die eine ganze Gesellschaft erfährt, in deren Staat, das religiöse Gebot schon bald von Parteierlässen ersetzt wird.

Moskau .. Moskau ist der Anfang und das Ende meines Lebens.

Man könnte diesen Roman als Kritik am Bolschewismus verstehen, so wie sie mehrfach explizit ausgesprochen wird: „Wo ist euer Kommunistisches Manifest? Denk einmal nach. Was habt ihr versprochen? – Friede den Hütten, Krieg den Palästen. Aber die Hütten, die lasst ihr brennen und in den Palästen betrinkt ihr euch.“ Doch das würde verschweigen, dass die Weißgardisten, vor allem durch den Ich-Erzähler verkörpert, kaum positiver gezeichnet sind. So steht am Ende die Frage, ob sich dieser Roman wirklich in die langen Reihe der Bürgerkriegsliteratur einreiht oder ob „Das schwarze Pferd“ nicht einen universelleren Ansatz wählt. Denn so ist der Roman zwar mit historischen Anspielen durchzogen, aber die Typisierung der „Roten“, „Weißen“ und „Grünen“ (die Fraktion der Kerenski-Anhänger) geben dem Geschehen einen gleichnishaften Charakter, wodurch sich der Kreis bis zum biblischen Titel wieder schließt.

Russland ist Olga, Olga ist Russland.

Zu behaupten „Das schwarze Pferd“ erzähle etwas über den russischen Bürgerkrieg, ist deshalb nicht falsch, aber geht nicht weit genug: Der Roman löst sich vom konkreten historischen Bezug und hält fest, wie Gesellschaft ernüchtern, verrohen und schließlich alle zivilisatorische Errungenschaften aufkündigen. Dass die Machthaber der Zeit in der krisenhaften historischen Situation derlei willentlich übersehen haben, mag nicht mal verwundern. Sie standen am Ende als Sieger da – als Sieger des Bürgerkriegs und als Sieger über Sawinkows Roman. Denn in den Gerichtsaussagen, die dem Roman angehängt sind, ist die Kapitulation des Schriftstellers festgehalten: „Ich nehme ohne Wenn und Aber die Sowjetmacht – und nur sie allein.“ Heute, rund hundert Jahre später, siegt nach der Lektüre des „schwarzen Pferd“ nur noch einer: der Leser.


Wir danken dem Galiani Verlag für das Rezensionsexemplar.

Kommentar verfassen