Bücher befreien: Deborah Feldmans „Unorthodox“

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If I can make it there, I’ll make it anywhere – New York City an der Ostküste der USA verkörpert seit je her kosmopolitische Werte wie Selbstverwirklichung, Freiheit und Weltoffenheit. Ganz New York City? Nein, im Süden des Stadtteils Williamsburg in Brooklyn der frühen 1990er Jahre gelten andere Gesetze als im Rest der Stadt. Hier wohnt eine Gemeide von ultraorthodoxen, chassidischen Juden, in die Deborah Feldman hineingeboren wurde. „Unorthodox“ ist eine ‚autobiografische Erzählung‘, die bereits 2012 in den USA erschien und zum Bestseller wurde, vom Aufwachsen und Alltag in der chassidischen Satmar-Gemeinde erzählt und nun im Secessions-Verlag erstmalig in deutscher Übersetzung erschien.

Die Satmar sind die größte Gruppierung im chassidischen Judentum. Benannt sind sie nach der Stadt Satu Mare (auf yiddisch „Satmar“), welche heute zu Rumänien gehört und an der Grenze zu Ungarn und der Ukraine liegt. Sie glauben, dass die Schoa in Folge der Assimilierung und Säkularisierung der jüdischen Bevölkerung in Europa als Strafe Gottes geschah, weshalb sie besonders fromm alle religiösen Gesetze und jahrtausende alte Riten befolgen. Auch den Staat Israel und alle zionistischen Bewegungen unterstützen sie nicht: Die Beendigung des Exildaseins könne nur durch den Messias herbeigeführt werden. In der Gemeinde herrschen feste Rollenbilder: zur wichtigsten Aufgabe der Frau gehört das Aufziehen möglichst vieler Kinder und der Haushalt, berufstätige Frauen sind die Ausnahme und bekleiden auch dann nur Stellen in Erziehung (z.B. als Lehrerin) und in der Gemeindearbeit (z.B. als Frau in der Mikveh, dem religiösen Waschhaus). Um nicht von Sündigem verführt zu werden, schotten sich die Satmar von ihrer Umwelt ab. Westliche Medien sind verboten, sie sprechen ausschließlich Yiddisch und befolgen ihre eigenen Gesetze.
Im Süden Williamsburgs leben heute über 70.000 Satmarer. Viele sind Nachkommen von Schoa-Überlebenden aus Ungarn und Osteuropa, die vor allem in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren nach Brooklyn zogen. Ihr Viertel ist nicht abgegrenzt, aber es gibt einen selbst organisierten Sicherheits- und Wachdienst, und wer das Viertel als Frau ohne Kopfbedeckung und knielangen Rock betritt, ist dem Spott der Anwohner ausgesetzt. Die „Gojim“ sind nicht gern gesehen.

Ich möchte auch eine solche Frau sein, die sich ihr eigenes Wunder erkämpft, anstatt auf Gott zu warten, dass er es vollbringe.

In dieser Welt wächst Devoireh auf. Das typische Satmarer-Mädchen ist sie jedoch nicht. Im Gegensatz zur ihren Mitschülerinnen hat sie nicht zahlreiche Geschwister, sie ist Einzelkind und lebt bei ihren Großeltern. Der Grund: Nachdem ihre Mutter die Gemeinde eines Tages unerwartet verließ, um ein sekuläres Leben zu führen, konnte sie nicht bei ihrem Vater bleiben, da dieser – zwar liebevoll, aber geistig behindert – die Verantwortung für seine Tochter nicht allein tragen konnte. Sie ist gewissermaßen die Schande der Familie, und das lässt man sie auch fühlen. Liebevoll geht fast ausschließlich Bubby, die Großmutter, die während des Zweitenweltkriegs Zwangsarbeit in Bergen-Belsen verrichtete und ihre ganze Familie verlor, mit ihrer Enkelin um. Zeidi, der Großvater, verbringt fast den ganzen Tag mit dem Studium der Thora. Von ihren Großeltern wird Devoireh nach den Regeln der Satmarer erzogen: das Essen ist koscher, genau wie die Bücher, die Devoireh lesen darf, es wird nur Yiddisch gesprochen (ausgenommen von ungarisch), Frau und Mann sind im Alltag stets getrennt. Gegen diese ihr auferlegten Regeln lehnt Devoireh sich immer wieder auf. Sie stört den Yiddisch-Unterricht und lernt heimlich englisch, sie besorgt sich englische Bücher und hört amerikanisches Radio, sie fängt an, über die Regeln nachzudenken. Als sie schließlich mit Siebzehn verheiratet wird, glaubt sie, mit dem für sie von der Heiratsvermittlerin ausgewählten Eli mehr Freiheit zu gewinnen – doch mit jedem Stück neuer Freiheit zeigen sich auch neue Grenzen auf. Schließlich emanzipiert sie sich, auch zum Schutz ihres Sohnes Yitzie, der in Freiheit aufwachsen soll, im Alter von 23 Jahren und lässt Williamsburg und die „Sekte“, wie sie die Gemeinschaft selbst nennt, hinter sich.

Deshalb brauche ich Gott auf meiner Seite: Ich habe niemand anderen, der zu mir hält.

Dass Devoireh gottesfürchtig erzogen wird, ist selbstverständlich. Doch das Vertrauen in Gott schwindet, je älter das Ich wird. Als sich Devoireh als Teenager eine englischsprachige Thora kauft, entwickelt sie ein eigenes Verständnis der Texte. Als sie über König David liest, das er ein Harem von Frauen unterhielt, setzt sie ihre eigenen vermeintlichen Sünden in Relation:

König David, sagen sie, sei der Maßstab, an dem wir alle im Himmel bemessen werden. Wirklich, wie schlimm kann mein kleines Versteck mit englischen Büchern sein, im Vergleich zu Konkubinen?

Sie [die Bücher] sind den Männern vorbehalten, Mädchen gehören in die Küche.

Die Lektüre von Büchern trägt maßgeblich dazu bei, dass Devioreh die Regeln der Satmar-Gemeinde zu überdenken beginnt. Obwohl der Besuch öffentlicher Bibliotheken oder von weltlichen Buchhandlungen und allgemein alle Bücher in englischer Sprache verboten sind, lässt sie sich nicht von der Lektüre abhalten. Nach der englischen Thora-Übersetzung liest Devoireh zunächst Bücher von jüdischen Autoren und Autorinnen, die über ihr Leben in New York schreiben, später liest sie den englischsprachigen Kanon, darunter „Little Women“ von Louisa May Alcott und „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen. Die Romanheldinnen werden für Devoireh zu Vorbildern, die Leseerfahrungen strukturieren „Unorthodox“. Jedes Kapitel wird mit einem Zitat aus dem jeweiligen Roman eingeleitet, unter dessen Lektüreeinfluss das Ich in zugehörigen Kapitel steht. Die Romane werden zum Rückzugsraum für die junge Frau. Als sie verheiratet ist, geht sie zu einer Schreibschule, beschäftigt sich mit Lyrik und Poetik und fängt schließlich selbst an zu schreiben. Das Ergebnis ist „Unorthodox“ selbst.

Erzählt wird die „autobiografische Erzählung“ aus der Ich-Perspektive von Devoireh. Stilistisch ist dieses Buch aber kein klassischer Bericht, wie bereits Wiebke Hollersen in der Welt konstatiert: „‚Unorthodox‘ ist ein Enthüllungsbuch, das sich wie ein Roman liest.“ Die Wahrnehmung des Ichs orientiert sich am Alter, zunächst überwiegen nüchterne, objektive Schilderungen, später kommentiert und reflektiert Devoireh das Geschehen in ihrer Gemeinde. Durchzogen ist die Darstellung des Lebens in Williamsburg mit Kommentaren und Prolepsen der Autorin aus der „gegenwärtigen“ Perspektive, trotzdessen gelingt es Feldman, die Spannung aufrecht zu erhalten – ein Spagat, der nicht Vielen gelingt.

Deborah Feldmans „Unorthodox“ ist fraglos ein weiteres wichtiges Buch in diesem Frühjahr. Es passt thematisch zu anderen Büchern dieses Frühlings: Einerseits wäre da Maxim Billers Roman „Biografie“. Formal könnten beide Texte nicht gegensätzlicher sein (Feldmans Text ist durch die Paratexte klar als non-fiction ausgewiesen, Billers Roman heißt zwar „Biografie“, ist aber ein klar fiktional markierter Text), gemeinsam ist ihnen aber in gewisserweise die Thematik: Wie manifestiert sich die Erfahrung der Schoah bei den Nachkommen der Überlebenden? Ein so klares Statement wie bei Biller – die Nachkommen als traumatisierte „Halb-Überlebende“ mit Selbstzerstörungstendenz – lässt sich aus „Unorthodox“ nicht ziehen, Feldman zeigt vielmehr, was die konträre Reaktion zu dem ist, was Biller zeigt: Ultraorthodoxie, die Selbstverwirklichung und Freiheit des Individuums in den Hintergrund stellt. Neben dem Vergleich zu Billers „Biografie“ lässt sich auch eine inhaltliche Überschneidung zu Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“ erkennen, die (fiktional verdichtet, aber „auf einer wahren Geschichte beruhend“) die Lebens- und schließlich Emanzipationsgeschichte einer jungen Frau in der Türkei erzählt. Auch Devoireh ist wie Filiz in „Blauschmuck“ als Frau im Patriarchat der Satmarer bei weitem nicht gleichberechtigt. Während Filiz vor allem unter der häuslichen Gewalt ihres Mannes leidet, wird Devoireh nicht unbedingt körperlich, aber dafür seelisch misshandelt und unterdrückt. Die Botschaft scheint zu sein: Egal um welche Religion es geht, Ultraorthodoxie schafft Unterdrückung, in dessen Zentrum (nicht immer, aber oft) Frauen stehen.


Wir danken dem Secessions-Verlag für das Rezensionsexemplar.