Kategorie: Biographie

David Lynchs/Kristine McKennas „Traumwelten: Bürgermeister von Fear City

David Lynch als vielseitig begabt zu beschreiben, wäre eine hanebüchene Untertreibung. Er ist Filme- und Serienmacher, Musiker, Schriftsteller, Geschäftsmann, bildender Künstler und spiritueller Führer. Obwohl die bildende Kunst seine erste Liebe war und er sich – so scheint es – dieser Leidenschaft mit zunehmenden Alter wieder mehr widmet, hat sich Lynch spätestens mit „Twin Peaks“ in das Herz der popkulturinteressierten Masse hineingedreht. Lynch, der mittlerweile 72 Jahre alt ist, ist in der letzten Lebens- und Werkphase angekommen. Klassischerweise ist das die Zeit, in der man Bilanz zieht. Das hat er nun in „Traumwelten“ getan, das – alles andere wäre höchst verwunderlich – auch aus der klassischen Form fällt. Weiterlesen

Gabriele Tergits „Etwas Seltenes überhaupt“: „Wunderbar, nicht?“

Ähnlich wie Irmgard Keun oder Vicky Baum musste Gabriele Tergit erst in Vergessenheit geraten, um schließlich wiederentdeckt werden zu können. Tergit, die eigentlich Elise Reifenberg hieß, gehörte zu ihrer Zeit zur Berliner intellektuellen High Society. Sie publizierte im Berliner Tageblatt, das zum damals einflussreichen Mosse-Verlag gehörte, sie war bekannt mit den Größen der deutschsprachigen Literatur. Der Weg ins Exil war schließlich nicht nur ihrem kritischen Geist, sondern auch ihren Judentum geschuldet, das sie über Umwege nach Israel, dann schließlich nach London führte. Trotz einiger Besuche ist Tergit nach dem Krieg nie wieder in Deutschland heimisch geworden. Nun bemüht sich der Schöffling & Co. Verlag zumindest darum, dass ihr Werk wieder einen Platz in Deutschland findet. Weiterlesen

Andreas Guskis „Dostojewskij“: Der Anti-Europäer

Die erste, aber vielleicht einzige Nebelkerze zündet Guski direkt am Anfang: „Dostojewskij ist ein Autor der Krise. Für die Helden und Handlungen seiner Romane gilt dies ebenso wie für die Konjunkturen seiner Rezeption.“ Alles ist momentan ein Etwas der Krise (man hörte den Ausdruck sicherlich auch hier schon), ganze germanistische Vorlesungsverzeichnisse schreiben sich mit Seminaren wie „Figuren der Krise“, „Literatur der Krise“ und „Autoren der Krise“. Dabei ist das eigentlich ein Gemeinplatz, denn wenn das Werk eines Autors nicht die Krisenmomente seiner Zeit mit aufnimmt, wenn auch nur indirekt, dann ist es kaum der Rede wert, sondern eine der Aufgaben einer Literatur, die sich nicht in weltfremden Ästhetizismus flüchtet. Aber Schwamm drüber, auch wenn Guski bei seinem Label, das er Dostojewskij anheftet, danebenhaut, hat er eine fabelhafte Biographie geschrieben, die er in seinen Beobachtungen sonst sehr treffsicher bleibt. Weiterlesen

Helmut Lethens „Die Staatsräte“: Jahrmarkt der Eitelkeit

Der Nationalsozialismus war vieles, aber er war auch ein Programm zur Vertreibung der Intelligenz aus Deutschland. Die, die es herausschafften, zog es in die Schweiz, nach England oder in die USA – sie ließen ein Land zurück, dessen Elite ideologisch strammgezogen war oder verstummte. Doch wer in Deutschland blieb und sich anpassen wollte, dem konnte es sehr gut gehen, schließlich war dem Regime nicht daran gelegen, die Verbliebenen auch noch zu verschrecken. Die Machthaber umgaben sich gerne mit vermeintlichen Genies und förderten sie in feudalistischer Manier. So wie die vier Herren, um die es in Helmut Lethens „Die Staatsräte“ geht. Lethen erkundet darin das Verhältnis der Macht zum Intellektuellen und umgekehrt. Weiterlesen

Nadja Spiegelmans „I‘m supposed to protect you from all this“: Meine geniale Mutter

Spiegelman-Memoir

„What Ferrante did for female friends—exploring the tumult and complexity their relationships could hold — Spiegelman sets out to do for mothers and daughters. She’s essentially written ‚My Brilliant Mom’“, konstatiert Katy Waldman in ihrer Rezension zu Nadja Spiegelmans Memoir, das im März unter dem Titel „Was nie geschehen ist“ im Aufbau Verlag in deutscher Übersetzung erscheinen wird. Wird Spiegelman diesem Maßstab wirklich gerecht? Weiterlesen

Volker Weidermanns „Träumer“: Die Prinzessin Lillifee-Revolution

Die Novemberrevolution, die das Ende des Ersten Weltkriegs besiegeln sollte, schaffte in Deutschland ein politisches Vakuum. Die alte Hohenzollern-Dynastie musste abdanken, genauso wie die Landesmonarchen. Damit war auch endlich in Deutschland jahrhundertelange monarchische Tradition gebrochen. Die Frage, die politisch entschieden musste, war: Wie soll Deutschland sich künftig regieren? 1918 gab es dazu viele Ideen, in Berlin wurden gleich zwei verschiedene Republiken parallel ausgerufen. Und auch das eigensinnige Bayern war sich nicht sicher, wie es in eine Zeit ohne Wittelsbacher treten sollte. Einer, der dazu eine klare Meinung hatte, war Kurt Eisner, der am 8. November 1918 den Freistaat Bayern ausrief und diesen künftig als Räterepublik organisieren wollte. Ganze fünf Monate sollte dieser politische Feldversuch Bestand haben, bevor reaktionäre Kräfte dem Projekt ein Ende setzten. „Träumer“, das neue Buch von Volker Weidermann, versucht sich der Stimmung dieser Zeit zu nähern. Leider nimmt es aber weder das politische Projekt, noch dessen Akteure ernst. Weiterlesen

Mohn und Gedächtnis: Böttigers Doppelbiographie über Ingeborg Bachmann und Paul Celan

Es ist die vielleicht bedeutendste, die vielleicht tragischste und die vielleicht schönste Beziehung der Literaturgeschichte: Im Frühling 1948 lernen sich die 22-jährige Ingeborg Bachmann und der 27-jährige Paul Antschel, der unter dem Pseudonym Paul Celan Gedichte veröffentlicht, in Wien kennen. Sie verleben sechs gemeinsame Wochen, bis Celan nach Paris weiterzieht. Spätestens seit der Veröffentlichung des Briefwechsels der beiden Schreibenden, die ohne Zweifel zu den wichtigsten lyrischen Stimmen des 20. Jahrhunderts zählen, ist das Ausmaß jener Beziehung auch für Nicht-Literaturwissenschaftler, die sich bereits zuvor mit dem evidenten Verbindungen im Werk beschäftigten, deutlich. Helmut Böttiger, der bereits vor einigen Jahren eine umfassende Monographie zur Geschichte der Gruppe 47 veröffentlichte, hat in seinem neuen Buch die Beziehung von Bachmann und Celan zu ordnen, zu analysieren, zu fassen versucht. Weiterlesen

Ijoma Mangolds „Das deutsche Krokodil“: Das Unikum

Als Kritiker selbst Bücher zu schreiben, ist wohl das gefährlichste Vorhaben in der Literaturbranche. Gibt es positive Reaktionen vermutet jeder Freundschaftsdienste, wird das Buch verrissen, meint man die Messer zu hören, die schon jahrelang in Vorbereitung gewetzt wurden. So oder so, man kann es eigentlich kaum jemanden Recht machen. Früher war das eigene (literarische) Schreiben und Kritikersein noch kein Widerspruch, da war es aber auch üblicher, dass Schriftsteller als Kritiker tätig wurden. In jüngerer Vergangenheit hat Fritz J. Raddatz sich mit seinem eigenen Werk ganz passabel geschlagen, vor allem mit seinen biographischen Texten, Reich-Ranicki versuchte sich erst gar nicht am Fiktionalen, feierte dafür riesige Erfolge, vor allem mit seinem Memoir. Schlechter erging es da Helmuth Karasek, der mit seinen literarischen Gehversuchen regelmäßig auf die Nase fiel. Nun hat sich Ijoma Mangold, Literaturchef bei der ZEIT, ein Herz gefasst und in „Das deutsche Krokodil“ sein Leben beschrieben. Leider hat der literaturbeflissene Kritiker darin keinen konsequenten Umgang mit dem Autobiographischen gefunden. Weiterlesen

Hanns Zischlers „Kafka geht ins Kino“: Kaum gestohlen, schon im Kino

Als das Kino zur Jahrhundertwende aufkam, galt es zuerst als Kuriosität. Das Kino fand man nicht auf den großen Boulevards, sondern auf den Jahrmärkten, gestaunt wurde nicht über den künstlerischen Gehalt der kurzen Filme, sondern über die Tatsache ihrer Existenz an sich. Doch dass das Kino mehr als eine Kuriosität war, deuteten schon die ersten Schnipsel an: die berühmte Einfahrt eines Zuges in den Bahnhof von La Ciotat. Der Film war eng mit dem technischen Fortschritt verbunden; das Kino ist nicht einfach nur eine moderne Kunstform, sondern sollte die gesamte Wahrnehmung der Welt verändern. Das aufgenommene Bild wurde plötzlich flüchtig, so wie der Blick aus dem Zug ein flüchtiger wurde. Franz Kafka, der Jahrhundertschriftsteller, war vom Tempo der Jahrhundertwende angezogen und gleichzeitig verschreckt. Nachzulesen ist das nirgendwo so aufregend wie in dem neuaufgelegten Text von Hanns Zischler: „Kafka geht ins Kino“. Weiterlesen

Zwischen Brooklyn und Berlin: Deborah Feldmans „Überbitten“

Als „Unorthodox“ im vergangenen Jahr im Secession Verlag erschien, konnte Feldman auch hierzulande, wo sie mittlerweile lebt, eine große Leserschaft und die Kritik mit ihrem Bericht über die Kindheit, Jugend und den Ausstieg aus der ultraorthodoxen, chassidischen Satmar-Gemeinde begeistern. Seitdem ist sie als regelmäßiger Gast in Fernsehtalkshows zu sehen. Wer wissen will, was alles zwischen der Abkehr von ihrer Gemeinde im Jahr 2010 und dem Auftritt bei Markus Lanz passierte, kann nun in Feldmans neuem Buch „Überbitten“ nachlesen, was es bedeutet, alles hinter sich zu lassen und sich selbst zu finden. Weiterlesen