Kategorie: Gegenwartsliteratur

Olga Tokarczuks „Unrast“: Wer rastet, der rostet

Ein ungewöhnlicher Vorgang: Da wird 2009 ein Buch bei Schöffling publiziert, bekommt gute Kritiken, Iris Radisch schreibt in der ZEIT darüber, dann fällt es wieder der Vergessenheit anheim und rund zehn Jahre später veröffentlicht es der Kampa Verlag noch einmal – weitgehend unverändert, zumindest lässt der Verlag nichts Gegenteiliges verlautbaren. Zwar ist der Kampa Verlag ein junger Verlag und Programmplätze müssen irgendwie gefüllt werden, trotzdem geht diese Vorgehensweise quer zu jedem heiligen Gesetz eines Buchmarktes, der immer nach dem neusten Hit giert. Sollte man Kampa daher loben, dass er sich dem schnellen Takt der zweijährlichen Publikationswellen – ein bisschen – entgegenstellt? Zumindest ist „Unrast“ ein Buch, das einen zweiten Blick verdient. Weiterlesen

Isabelle Lehns „Frühlingserwachen“: Die Autofiktion wird erwachsen

Das Leben ist gut – solange wir es nicht daran messen, wie wir es uns vorgestellt haben. Isabelle Lehn schreibt über eine Frau namens Isabelle Lehn. Poetisch, selbstironisch und umwerfend offen.“ So lautet die kurze und knappe Verlagsankündigung zu Isabelle Lehns neuem Buch „Frühlingserwachen“. „Isabelle Lehn schreibt über eine Frau namens Isabelle Lehn“ klingt erst mal kryptischer als es sein müsste. Bei anderen Verlagen hieße es an dieser Stelle schließlich irgendwas von schonungslosem Einblick in das Leben der Autorin. Bei Knausgård sprach der Verlag von „radikaler Ehrlichkeit“. Wozu also diese distanzierende Formulierung? Und wer ist diese Isabelle Lehn, von der Isabelle Lehn erzählt? Weiterlesen

Marie Darrieussecqs „Unser Leben in den Wäldern“: Auge um Auge

Der Wald ist – wie schon öfter an dieser Stelle beobachtet – eine der zentralen Topographien der deutschsprachigen Literatur: mal magisch-romantisch, mal schaurig-grausam, meist ein Ort der Einsamkeit, selten jedoch Schauplatz von Zukunftsszenarien. Anders bei Marie Darrieusecq: In ihrem neuen dystopischen Roman „Unser Leben in den Wäldern“ wird der Wald Rückzugsraum für diejenigen, die sich von der Gesellschaft lossagen und dem herrschenden System zu entkommen versuchen. Weiterlesen

Anna Giens & Marlene Starks „M“: Mit dem Strapon in die Welt schlagen

Ist Berlin-Neukölln der eigentliche Mittelpunkt Deutschlands? Kaum eine Woche vergeht, in der man nicht irgendetwas über den ehemaligen Arbeiter- und Migrantenbezirk Westberlins hört. Mal wird er als das neuste Beispiel einer voranschreitenden Gentrifizierung deutscher Innenstadtbezirke angeführt, mal ist er der Hort der hippen, digitalen Boheme und dann ist er immer wieder auch der Ort, an dem sich Deutschlands Kampf gegen kriminelle Clans entscheiden soll. Vermutlich ist Neukölln auch der einzige Ort, in dem man auf der niedrigschwelligen Ebene des Bezirksbürgermeisters bundesweite Prominenz erreichen kann. Im Herzen der jungen Berlinliteratur hat der Bezirk schon seit langem einen festen Platz und so streift auch die Ich-Erzählerin in „M“, dem Debütroman der Autorinnen Anna Gien und Marlene Stark, durch das Neuköllner Nachtleben. Weiterlesen

Kenah Cusanits „Babel“: Jenga!

Zu allen Zeiten war Babylon Projektionsfläche. Seit den biblischen Erzählungen vom israelitischen Exil und dem Turmbau zu Babel hat sich das Zentrum des Zweistromlandes tief ins kulturelle Gedächtnis der drei monotheistischen Religionen und deren Einflussregionen gebrannt. Bis jetzt hält sich der Mythos Babylon, wie neuere deutsche Serienproduktionen beweist. Jede Gesellschaft, jedes Jahrhundert scheint den Ort am Euphrat für sich neu zu entdecken und so legt sich kulturelle Schicht über Schicht. Wie man diese wieder abtragen kann, davon erzählt Kenah Cusanit in ihrem Debütroman „Babel“. Weiterlesen

Lwów, Lwiw, Lemberg: Żanna Słoniowskas „Das Licht der Frauen“

Für Joseph Roth war Lemberg die Stadt der „verwischten Grenzen“ – kein Wunder, denn in kaum einer anderen europäischen Stadt wechselte die territoriale Zugehörigkeit im Laufe des 20. Jahrhunderts so häufig. Die Machtübernahmen machten die einst so multikulturelle Metropole im Osten Europas zum Mittelpunkt blutiger Konflikte, die tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis der Einwohner*innen hinterließen. Der Geschichte und Zerrissenheit Lembergs widmet sich Żanna Słoniowska in ihrem Roman „Das Licht der Frauen“, der in der Übersetzung von Olaf Kühl bei Kampa erschienen ist. Weiterlesen

Emanuel Maeß‘ „Gelenke des Lichts“: Ungelenk ins Dunkle

Was ist literarischer Mut? Sich an neuen Formen zu versuchen, ästhetische Konventionen zu sprengen und alles auf eine, absolute Karte zu setzen? Oder das genaue Gegenteil? Gegen alle Innovationserwartungen anzuschreiben und sich allem verwahren, das irgendwie nach hipper Literaturmode riecht? Gibt es die radikale Nichtradikalität? Falls ja, Emanuel Maeß, der gerade sein Debüt, „Gelenke des Lichts“ im Wallstein Verlag vorgelegt hat, hätte sie zur Perfektion getrieben. Leider bedeutet jedoch die Verweigerung literarischer Moden nicht zwangsläufig eine geradlinige Literatur. Das einzige, das in diesem Roman konsequent gerät, ist sein inniges Verhältnis zum Klischee. Weiterlesen

Édouard Louis‘ „Wer hat meinen Vater umgebracht“: Wir sind, was wir nicht getan haben

Der heißeste Scheiß kommt derzeit aus Frankreich: Despentes‘ Subutex-Trilogie, die Reims-Rückkehren des Didier Eribons, die hippe Philosophie des Tristan Garcia, die wiederentdeckte, großartige Annie Ernaux, der ewig unangenehme Houellebecq und eben Édouard Louis. Zusammen mit Eribon und dem vielleicht etwas weniger bekannten Geoffroy de Lagasnerie bildet er in Europa ein philosozioliterarisches Triumvirat, das medienwirksam den Diskurs versucht mitzubestimmen – und das kommt an, vielleicht nirgendwo so gut wie in Deutschland. Die Erfolgswelle will geritten werden, bevor sie bricht und so surft auch in diesem Jahr ein neues Louis-Buch in den Buchmarkt. Weiterlesen

Phantomangst: Gianna Molinaris „Hier ist noch alles möglich“

Obwohl es sich um ihren Erstling handelt, zählt Gianna Molinaris „Hier ist noch alles möglich“ zu den Romanen des vergangenen literarischen Herbstes, die von der Kritik und dem Literaturbetrieb Aufmerksamkeit erfahren haben. Für einen Auszug des Romans erhielt Molinari 2017 den 3sat-Preis beim Klagenfurter Wettlesen, im folgenden Jahr stand sie mit ihrem Debüt auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis und auf der Shortlist zum Schweizer Buchpreis. Weiterlesen

‚Sei doch nicht gleich so hysterisch‘: Katharina Adlers „Ida“

Die Couch von Dr. Sigmund Freud gehört als Symbol der Psychoanalyse zum festen Interieur des 20. Jahrhunderts. Ziel der Therapie bei Freud ist es, die Lebensgeschichte des zu Behandelnden zu vervollständigen, eventuelle Lücken oder Widersprüche, die nach Freud ein möglicher Grund für die Symptome sein können, aufzulösen. Eine seiner prominentesten Patientinnen, Ida – besser bekannt als Dora –, bricht die ‚Redekur‘ im Jahr 1900 nach knapp drei Monaten vorzeitig ab. Katharina Adler hat sich nun Freuds Therapiemodell zum Vorbild genommen und die Lebensgeschichte von Ida Bauer, ihrer Urgroßmutter, in ihrem Debütroman vervollständigt. Weiterlesen