Kategorie: Gegenwartsliteratur

Verbotene Liebe? Lisa Kreißlers „Das vergessene Fest“

Der Wald ist eines der bedeutendsten, wenn nicht das zentrale topographische Motiv der deutschen Literaturgeschichte. Von den Brüdern Grimm über Kleist bis zu Gegenwartsautorinnen und -autoren wie Reinhard Kaiser-Mühlecker oder Jovana Reisinger bietet er Raum für Romantik und Idylle, für Archaisches und Mythisches, aber auch für Furcht und Schrecken. In Lisa Kreißlers neuem Roman ist der Wald all dies zugleich. Weiterlesen

Thorsten Nagelschmidts: „Der Abfall der Herzen“: Monoton, trist-romantisch, irgendwie urban

Jeder möchte von sich glauben, sein eigener Lebensweg wäre etwas ganz besonderes, würde auf unbefahrenen Bahnen verlaufen, gleicht keinem anderen. Gleichzeitig gibt es wohl in jeder Generation Konstanten, die sich immer wiederholen. Früher waren das vielleicht mal kirchliche Initiationsriten wie die Kommunion/Konfirmation und der Wehrdienst. Und heute? Zwar trügt das Gefühl der Berliner Glasglocke, mittlerweile wohne eigentlich jeder in Berlin, trotzdem begegnet einem an jeder Ecke der Satz: „Ich zieh nach Berlin.“ Daran ist nun erst mal nichts verwerfliches, doch was macht das mit den Orten, die man zurücklässt? Und was sagt das über eine Stadt aus, die ja gerade das Versprechen birgt, Individualität frei ausleben zu können? Thorsten Nagelschmidt, ehemaliges Bandmitglied der Muff Potters, zieht literarische Linien durch seinen Lebensweg, der auch ein vorläufiges Ende in Berlin nimmt. Weiterlesen

Hans Pleschinskis „Wiesenstein“: Wo er ist, war Deutschland

Manchmal ist es geisterhaft, wie Publikationen zufällig gleichzeitig auf den Markt strömen. Erst kürzlich erschien Helmut Lethens „Die Staatsräte“, das sich mit vier Intellektuellen im Nationalsozialismus und deren konfuses wie heikles Verhältnis zur Macht beschäftigte. Lethen legt darin eine Erkundung der Psychologie großer Männer vor, die sich absichtsvoll in den goldenen Käfig des Regimes begaben. Fast gleichzeitig erschien auch Hans Pleschinskis „Wiesenstein“. Pleschinski hat schon mit „Königsallee“ ein Portrait eines berühmten Literaten (Thomas Mann) geschaffen, nun hat er sich Gerhart Hauptmann vorgenommen. Was hat dieser mit den Staatsräten zu tun? Auch er blieb in Deutschland und auch er brachte sich in eine Nähe zum NS-Staat, in die er sich nicht hätte bringen müssen. Pleschinski zeichnet in „Wiesenstein“ dessen letzte Tage nach. Weiterlesen

Wlada Kolosowas „Fliegende Hunde“: Im russischen Rione

Seit einigen Jahren hat die Gegenwartsliteratur weltweit ein neues Lieblingsmotiv entwickelt: Immer mehr Erfolgsromane erzählen von weiblichen Frauenfreundschaften, irgendwo zwischen tiefster Verbundenheit und immerwährender Rivalität. Bei Ferrante heißen sie Lila und Lenù, bei Zadie Smiths  Roman „Swing Time“ sind es die Ich-Erzählerin und Tracey, „The Mothers“, das grandiose Debüt der Amerikanerin Brit Bennett, das Ende April bei Rowohlt in deutscher Übersetzung erscheinen wird, erzählt von Nadia und Aubrey – bei Wlada Kolosowas Debütroman „Fliegende Hunde“ heißen die Protagonistinnen Lena und Oksana. Weiterlesen

Hans Joachim Schädlichs „Felix und Felka“: Malende Touristen

Künstlerromane liegen seit über 200 Jahren im literarischen Dauertrend: Von Ludwig Tieck über Gottfried Keller, von Émile Zola über Hermann Hesse bis hin zu den Bestsellern unserer Zeit – Kehlmanns „Ich und Kaminski“ oder zuletzt „Max“ von Markus Orths  – schildert die Literatur das Schicksal von bildenden Künstlern, mal umfassend als Bildungsroman, mal ausschnittartig in Fragmenten. Hans Joachim Schädlichs neuer Roman widmet sich nun einem Künstlerpaar: Felix Nussbaum und Felka Platek. Weiterlesen

Matthias Senkels „Dunkle Zahlen“: Rohstoff Literatur

Als Übersetzer wird im Normalfall jemand bezeichnet, der ein Werk von einer Sprache in die andere überträgt. Nimmt man den Begriff des „Übersetzens“ jedoch ernster, eröffnen sich plötzlich ganz andere Dimensionen. Ist nicht der Autor auch ein Übersetzer? Denn was tut er anderes, als den aufregenden Mix aus Welt, Imagination und Erfahrung in Literatur zu übersetzen? Auch der Begriff der Metapher bezeichnet im Wortsinn eine „Übertragung“. Als dieses muss man Literatur verstehen – als Brücke zwischen Leser und einer Erfahrung, die ihm im besten Fall fremd ist und ihn in einen neuen Zustand versetzt. Daher ist es nur konsequent, dass Matthias Senkel in seinem neuen Roman „Dunkle Zahlen“ als Übersetzer auftritt. Weiterlesen

Peter Stamms „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“: Alles auf Anfang

Peter Stamm bezeichnet sich selbst als einen stillen Autor. Das hat ihm, wie die Lüscher-Stamm-Bärfuss-Debatte gezeigt hat, Kritik eingebracht, aber eigentlich hat es ihm mehr genützt. Er gilt heute als einer der begnadetsten Schweizer Autoren, der im Gegensatz zu Lüscher und Bärfuss als ein Meister der Reduktion gilt. Peter Stamms Bücher durchgeistert immer ein leichter Hauch philosophischer Rotweinseligkeit. Statt ins kalte Herz des Silicon Valleys zu schauen, wie Lüscher, oder gar die Fundamente der westlichen Zivilisation in Frage zu stellen, wie Bärfuss, stellt Stamm in seinen Texten die großen Fragen nach den Möglichkeiten der Liebe, zweiten Chancen, Sinnhaftigkeiten von Existenzen und den Bedingungen eines glücklichen Lebens. So auch in „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“, das jedoch nicht mehr ist als ein Zwischentext. Weiterlesen

Michael Chabons „Moonglow“: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie den Paratext

Chabon-Moonglow

Michael Chabon ist wahrlich kein unbeschriebenes Blatt. Der amerikanische Schriftsteller zählt zu den bedeutendsten, mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Vertretern seines Landes. Sein jüngstes Werk „Moonglow“ erschien 2016 im englischen Original und wird Anfang März in deutscher Übersetzung bei Kiepenheuer & Witsch verfügbar sein. Chabon schildere darin, so sein deutscher Verlag in der Ankündigung, „Episoden aus der Lebensgeschichte seines Großvaters“. Ein autobiographischer Roman – oder doch nicht? Weiterlesen

Éric Vuillards „Traurigkeit der Erde“: Spektakuläre Wirklichkeit

Die USA sind ein so großes Land, dass sie sich mit gutem Gewissen mehrere Gründungsmythen leisten können. Da wäre die Boston Tea Party, dicht gefolgt von der Unabhängigkeitserklärung. Das Ende des Bürgerkriegs kommt wohl noch dazu, wenn auch mit dunklen Untertönen. Und dann wäre da natürlich die – durch den kolonialen Blick gesehen – Eroberung des Wilden Westens. Die Besiedlung des Westens hat schon immer kunststiftend gewirkt, schließlich hat sich ein ganzes Genre danach benannt. Wie medienträchtig dieser Teil der amerikanischen Geschichte ist, hat wohl niemand so schnell begriffen wie Buffalo Bill, der ein ganzes Showbusiness um seine Wild West-Aufführungen aufgebaut hat. Diesem Thema hat sich der diesjährige Prix Goncourt-Träger Éric Vuillard in seiner Erzählung „Traurigkeit der Erde“ angenommen. Er stellt darin die faszinierende Frage, worin der Gründungsmythos des modernen Amerikas eigentlich steckt: im Ereignis selbst oder in dessen medialer Wiederaufführung. Weiterlesen

Bernhard Schlinks „Olga“: Kein weites Feld

Mit seinem „Vorleser“ bescherte Bernhard Schlink der deutschen Literatur Mitte der 1990er Jahre einen der seltenen weltweiten Bestseller: Sein Roman wurde in 45 Sprachen übersetzt, schaffte es auf die berüchtigte Bestsellerliste der New York Times und wurde folgerichtig mit Hollywoodbesetzung verfilmt. Obwohl Schlink danach sieben weitere Bücher veröffentlichte, blieb es bei dem internationalen One-Hit-Wonder. Kein anderer seiner Romane konnte einen vergleichbaren Erfolg erzielen. Wie sieht es also mit der achten Veröffentlichung nach dem „Vorleser“ aus? Weiterlesen