Kategorie: Literatur 20. Jahrhundert

Claude Simons „Das Pferd“: Lob der kleinen Form

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Lange Zeit war ein ungeschriebenes Gesetz in der deutschen, vielleicht internationalen Verlagslandschaft: Bitte nicht zu lang! Romane, die eine bestimmte Seitenanzahl überschritten, galten als unverkäuflich. Zwischen Arbeit, Glotze und sich Anschreien haben die Leute keine Zeit, Tausendwälzer mit sich durch den Alltag zu schleppen. Doch die Zeiten scheinen sich in den letzten Jahren gewaltig zu ändern. Parallel mit dem (neuerlichen) Aufstieg der Serienkultur ist die epische Länge in der Gegenwartsliteratur der heißeste Scheiß. An die Literatur wird eine Erwartungshaltung herangetragen, die sich auch im Serienkonsum wiederfindet: Ein Sog muss sich einstellen, nur wer durch die Seiten fliegt, hat die höchste Stufe des Lesens erreicht. Der neue Leser möchte sich von Literatur in die Schwachsinnigkeit quatschen lassen, bis ein Zustand der ekstatischen Besinnungslosigkeit erreicht wird, anders kann man sich die Erfolge von Knausgård oder Yanagihara nicht erklären. In diesem kulturellen Umfeld liest sich das nun erstmals in Buchform publizierte „Das Pferd“ wie ein Loblied auf die kleine Form. Weiterlesen

Boris Sawinkows: „Das schwarze Pferd“: Die Mitte verloren

Das schwarze Pferd

Die Sowjetunion hat zahlreiche Künstlerbiographien verschlungen. Die bekanntesten sind die Solschenizyns, Isaak Babels oder Boris Pasternaks – manche von ihnen wurden ermordet, andere eingekerkert oder in die Verstummung getrieben. Sie alle eint, nicht auf der verordneten ästhetischen Linien zu wirken, ihr Vergehen war poetische Dissidenz. Einer der in Deutschland unbekannteren war Boris Sawinkow. Sein Schicksal besiegelte sich in dem Moment, als er entschied, Anhänger der Kerenski-Regierung zu werden, jenem Übergangsregime, das zwischen Zarismus und Kommunismus die Hoffnung auf demokratische Reformen in Russland weckte. Seine Gegnerschaft zum Kommunismus machte ihn, nachdem die Bolschewiki im Bürgerkrieg obsiegten, zum Staatsfeind. Seine Haft sollte er lebend nicht verlassen. Nun erscheint sein Werk in deutscher Übersetzung im Galiani Verlag. Weiterlesen

Philip Roths „I Married a Communist“: „The tyrant of evil is Everyman!“

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Wut, Wut, Wut wohin man schaut. Rund um die Welt berufen sich Politiker auf die Wut der Bevölkerung. Vor allem die USA scheinen momentan ein besonders wütendes Land zu sein, was Trump ins Weiße Haus getragen hat. Die Vereinigten Staaten hatten viele wütende Jahrzehnte, eines davon waren die Fünfziger Jahre. Dabei hätte alles so schön sein können: Aus dem Zweiten Weltkrieg war man als Hegemon der westlichen Welt herausgegangen, die Wirtschaft brummte so stark, dass das Versprechen auf Reichtum für Jedermann greifbar schien. Doch etwas verhinderte, dass man sich auf den Lorbeeren der Errungenschaften ausruhte: das Gespenst des Kommunismus. Während man im Außen den blutigen Koreakrieg führte, verfolgte der US-Senator Joseph McCarthy alle vermeintlichen kommunistischen Umtriebe im Inneren. Auch McCarthy wurde von Wut getrieben, von heiliger Wut, was wiederum Verbitterung auf der Gegenseite auslöste. In Philip Roths „I Married a Communist“ bekommt dieser Konflikt ein literarisches Gesicht. Weiterlesen

Ulrich Holbeins „Knallmasse“: Per Identitätskrise durch die Galaxie

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Die ZEIT nannte ihn „Dandy mit Adorno-Ohren“, die taz einen „Einsiedler im prallen Leben“, er sich selbst „Mutter Theresa“ – Ulrich Holbein ist eine der ungewöhnlichsten Figuren im deutschen Literaturbetrieb. Sein Werk wurde immer mit den Größten verglichen, mal Arno Schmidt, mal Jean Paul. Seine ersten Texte sind bei Suhrkamp erschienen, seit der Entzweiung mäandert das Werk Holbeins durch die deutsche Verlagsgeschichte. Nun ist der Autor im homunculus Verlag angekommen, was wie die perfekte Ehe wirkt. Mit „Knallmasse“ wurde dort ein früher Roman Holbeins wiederaufgelegt, in schönem neuen Gewand. Weiterlesen

Saul Bellows „Herzog“: „His happiness was painful.“

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Die Ich-Erzählung ist gegenwärtig die dominante Erzählperspektive in der deutschsprachigen Literatur. Sie verspricht Unmittelbarkeit, versucht erst gar nicht so etwas wie Objektivität vorzugaukeln und hat die Allmacht des auktorialen Erzählers des 19. und 20. Jahrhundert verloren. In ihr lassen sich innere Vorgänge nicht mehr ohne weiteres von äußeren trennen, jede Wahrnehmung ist vom Ich bestimmt. Auch wenn der Ich-Erzähler nicht exklusiv der Autobiographie vorbehalten ist, birgt er immer die Versprechung auf eine Instanz, die für das Erzählte einsteht, zur Not auch mit dem Leben. Welch Irrsinn! Wer heute noch mal Saul Bellows „Herzog“ liest, kann die Dominanz des Ichs nur bedauern. Weiterlesen

Ismail Kadares „Die Dämmerung der Steppengötter“: In der Höhle des Parteilöwens

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Der Staat Albanien spielt in der Weltgeschichte nur eine marginale Rolle. Jahrhundertelang war Albanien Teil des Osmanischen Reiches, im 20. Jahrhundert war es eingekeilt zwischen Groß- und Mittelmächten, schließlich errichtete der kommunistische Diktator Enver Hoxha eine stalinistische Herrschaft und trieb das kleine Land mehr und mehr in die Isolation. So wenig wie Albanien politisch Aufmerksamkeit geschenkt wurde, so wenig ist auch über dessen Kulturlandschaft bekannt. Eine der wenigen literarischen Leuchttürme, die aus dem Balkanstaat herausragen, ist Ismail Kadare. Kadare ist keineswegs unumstritten, sein literarisches Werk ist gleichzeitig kanonisch und trotzdem immer wieder vergessen worden. Der S. Fischer-Verlag hat nun seinen 1978 erschienen Roman „Die Dämmerung der Steppengötter“ wieder aufgelegt. Im literarischen Quartett rühmte Maxim Biller das Buch vor allem für seine melodische Sprache und den in ihm präsenten Weltschmerz, der nicht pessimistisch sei. Tatsächlich ist Kadares Roman ein Text über einen Außenseiter, der sich nicht einfügen will. Weiterlesen

Louis-Ferdinand Célines „Von einem Schloß zum andern“: Einer flog übers Kuckucksnest

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Louis-Ferdinand Célines Roman „Bis ans Ende der Nacht“ ist eine der wenigen, wirklich wichtigen Wegmarken der Weltliteratur. Kaum jemand hat es wie Céline verstanden, die Schrecken der Moderne so einzufangen, der Dialektik des Fortschritts eine literarische Form zu geben. Sein Meisterwerk katapultierte ihn in eine Liga mit Balzac, Flaubert und Proust – doch Céline war ein verstörter und verstörender Geist. Seine Radikalisierung hin zur antisemitischen Rechten blieb für seinen Nachruhm nicht folgenlos. Während des Zweiten Weltkriegs sympathisierte der Autor mit dem französischen Vichy-Regime, an dessen Seite er die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs verbrachte. Über diese letzten Tage schrieb Céline unter anderem seinen autobiographischen Roman „Von einem Schloß zum andern“ – ein bizarres Schreckensschauspiel und die Demolierung eines Jahrhunderttalents.


Es ist eine der obskureren Randgeschichten des Zweiten Weltkriegs: Als 1944 das bislang besetzte Frankreich von den Alliierten befreit wurde, flüchtete die Vichy-Regierung nach Sigmaringen, um dort eine Exilregierung zu bilden. Untergebracht im Hohenzollernschloss (und damit Familiensitz des einflussreichsten deutschen Adelsgeschlechts) saßen nun Marschall Petain und sein Premierminister Laval als Herren ohne Untertanen in Deutschland und mussten dabei zusehen, wie die alliierten Streitkräfte immer näherrückten. Unter ihnen befand sich auch Louis-Ferdinand Céline, der das merkwürdige Treiben als Burgarzt mitverfolgte. Mittlerweile völlig abgewirtschaftet, hatte er für sich und alle anderen nur noch Spott übrig.

Offen gesagt, hier, unter uns – ich ende noch schlimmer als ich angefangen habe …

Seiner Biographie folgend ist auch die Erzählsituation in „Von einem Schloss zum andern“ angelegt. Céline erzählt aus den letzten Tagen des Krieges, die er im Hohenzollernschloss verbringt und seiner beruflichen Ausbildung gemäß als Arzt für das leibliche Wohl der illustren Gesellschaft zuständig ist. Der Autor ist sich seiner schwierigen Stellung bewusst, selbst führende Leute des Vichy-Regimes haben schon von ihm Abstand genommen, im Nachkriegs-Frankreich wird ihm als Kollaborateur kein gemäßer Platz eingeräumt: „Ich habe nur eins voraus!… für die Franzuskis das Kreuz genommen zu haben, ich hätte ganze Mauern voll Plakate verdient, weil ich der vollkommene Verräter bin, der Judenzerfleischer, Verschacherer der Maginotlinie, und Indochinas und Siziliens …“

Genug gebabbelt!

Céline nimmt die Rolle des Parias an und wendet sie gegen seine Widersacher: „Aber ich habe vielleicht keinen Grund, mich zu beklagen … denn ich lebe noch … und jeden Tag verliere ich Feinde!“ Der Wille zum Überleben ist überhaupt das einzige, was diese totgeweihte Gesellschaft noch zusammenhält und auch dieses Vorhaben scheint bedroht. Célines Blick auf seine Umwelt ist, wie auch in „Bis ans Ende der Nacht“, der eines Arztes: alles fault, verwest, steht nur noch mit einem Bein im Diesseits. Politisch, so könnte man behaupten, ist der Schriftsteller am Nullpunkt angekommen: seine antisemitischen und rassistischen Ausfälle hat er zwar nicht hinter sich gelassen, aber zumindest kennt er keine Verbündeten mehr – Deutsche, Franzosen beider Seiten, alles der gleiche Auswurf: „Pißkrüstchen- und Hostienfresser, immer wieder sieht man sie sybillenhaft, immer wieder tauchen sie auf, von Jahrhundert zu Jahrhundert…. Kontinuität der Staatsgewalt!“

„Oh, Sie übertreiben, Céline! Sie übertreiben immer!… alles!“

Seinem Gemüt nach wird in „Von einem Schloss zu andern“ auch nichts mehr erzählt. Der Text ist eine Aneinanderreihung von wüsten Beschimpfungen, Vulgaritäten und Pöbelein. Céline geriert sich hier als Größenwahnsinniger, der von seiner historischen Rolle als Lichtgestalt überzeugt ist: „ich bin der Mann in Europa, der am meisten recht hat! und der freiwilligste! fünfzig Nobelpreise stünden mir zu!“ Wenn der Text überhaupt noch etwas darstellen will, dann die Atmosphäre von Tagen einer Zäsur. Historische, wenn auch abgründige, aber dennoch historische Gestalten schrumpfen in diesem Text zu Witzfiguren zusammen, deren einstiges Bedrohungspotential in einer morbiden Komik endet. Währenddessen schildert der Erzähler immer wieder die dröhnenden Fluggeräusche der Royal Air Force, die das vermeintlich tausendjährige Rauch in Schutt und Asche legt.

Entschuldigen Sie, daß ich so viel von mir spreche … ich trete die Sache breit … sind’s die Verdrießlichkeiten? …. Sie haben auch welche! diese Literaten sind entsetzlich! so geknickt von ihrem Ichichismus!

So könnte man „Von einem Schloss zum andern“ auch als Abschied vom Erzählen verstehen, denn in einer Welt, die in Flammen steht, gibt es nichts mehr zu erzählen: „Ah, ich machte mir nichts vor, wir waren wirklich da! im Bahnhof…. Aber in einem ‚nichtvorhandenen‘! wir hielten: man war da! ein Pfahl… aber kein Ulm mehr!…. ein Schild ULM…. Das war alles!“ Von der Welt, die Céline kannte, sind nur noch leere Bezeichnungen übrig geblieben, das, was sie einstmals benannten, liegt in Trümmern. Louis-Ferdinane Céline bleibt von einer Radikalität beseelt, die ihn einst in den literarischen Olymp katapultierte und immer noch aufregende Früchte trägt. Doch leider ist „Von einem Schloss zum andern“ auch ein Zeugnis von einer Selbstdemontage, einem Feldzug gegen die ganze Welt und gegen sich selbst, vor den Augen der Welt. Davon in diesem Roman Zeuge zu werden, ist ein zweifelhaftes, ein morbides Vergnügen.

Stanislaw Lems „Gast im Weltraum“: Die überglückliche Gesellschaft

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Eine der Lesefreuden historischer Science-Fiction-Literatur besteht darin zu entdecken, wie man sich früher das Leben in der Zukunft vorgestellt hat. Vieles, was damals als vage Zukunftsvision entworfen wurde, wirkt mittlerweile naiv bis befremdlich. Auch so bei Stanislaw Lems „Gast im Weltraum“, allerdings aus einem anderen Grund. Als der Roman 1955 im polnischen Original erschien, musste der Realsozialismus schon einige Schläge ins Kontor hinnehmen. Zwei Jahre zuvor war der Übervater der UdSSR Josef Stalin gestorben, mit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen im Zuge des Aufstand des 17. Junis hatte die Schutzmacht der DDR deutlich gemacht, wie zukünftig Brüderlichkeit unter Bruderstaaten aussehen sollte. Für viele war das Jahr 1953 eine Zäsur, der Traum vom gerechten Leben war schon wieder ausgeträumt. Nicht so in Stanislaw Lems „Gast im Weltraum“, in dem der Weltkommunismus den Menschen alles bietet – nur nicht das Unbekannte. Weiterlesen

Ayn Rands „The Fountainhead“: Die Vorsehung des Holzkopfs

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Seit der Wahl von Donald Trump ist die halbe westliche Welt darum bemüht, sich selbst zu erklären, wie es dazu kommen konnte: Identitätspolitik und der weiße Arbeiter, der darüber vergessen wurde, Putins Trolle, Wut gegenüber dem Establishment, Misogynie in der amerikanischen Gesellschaft – mit der Ratlosigkeit der Medien wächst die Zahl an Gründen. Mit als letztes wird die Literatur befragt, was natürlich ein Fehler ist, denn in der Literatur hat sich meist immer schon alles abgespielt, bevor es passiert. Nicht umsonst wurde bei Trump immer wieder eine ideologische Nähe zu einer der wichtigsten Schriftstellerinnen des amerikanischen 20. Jahrhunderts festgestellt – Ayn Rand. Wer heute ihren Roman „The Fountainhead“ noch mal liest, muss sich tatsächlich fragen: wusste Ayn Rand mehr? Weiterlesen

Stefan Zweigs „Buchmendel“ & „Die unsichtbare Sammlung“: Die Sammler von Gestern

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Stefan Zweig ist der Meister der Nostalgie. Mit „Die Welt von Gestern“ hat er ein ganzes Programm dieses nostalgischen Blicks vorgelegt. Dabei gilt es zwischen zwei Varianten der Nostalgie zu unterscheiden: der Verklärenden und der Bewahrenden. Die verklärende Nostalgie kann gefährlich sein, man trifft sie gerade überall an. Sie beschwört das vermeintlich zu Unrecht Vergangene, um die Gegenwart abzulehnen. Auch Stefan Zweigs Blick auf die Vergangenheit ist davon nicht gänzlich frei. Die bewahrende Nostalgie erfüllt jedoch eine wichtige Aufgabe und hatte vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg Konjunktur. Die Rückschauen Stefan Zweigs, aber auch die eines Friedrich Torbergs sind ein Versuch, über die finale Zäsur, die die Zerstörungswut der Nationalsozialisten hervorgebracht hat, einige wenige Brücken zu bauen. Im Topalian & Milani Verlag sind nun zwei Erzählungen Zweigs neu erschienen, die auch von Zäsuren und dem, was es zu erhalten gilt, erzählen. Weiterlesen