Kategorie: Literatur 20. Jahrhundert

Ulrich Alexander Boschwitz‘ »Menschen neben dem Leben«: In Wirklichkeitsnähe gerückt

Mit »Der Reisende« erreichte nach Jahrzehnten der ungerechten Nichtverfügbarkeit ein Roman den deutschen Buchmarkt, dessen Autor, wie viele andere Autor*innen, den gewalttätigen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhundert zum Opfer fiel. Das Buch war und ist eine echte Entdeckung, nicht nur weil es wortwörtlich wiederentdeckt wurde, sondern auch weil es dann auch glücklicherweise großartige Literatur war. Nun veröffentlicht der Klett-Cotta Verlag mit »Menschen nebem dem Leben« den zweiten und damit letzten überlieferten Roman von Ulrich Alexander Boschwitz. Zum Glück, denn der nationalsozialistischen Vernichtungswut gilt es jedes Werk zu entreißen, das zu retten ist. Leider findet man in diesen Roman jedoch einen Autor vor, der mehr im Strom seiner Zeit mitschwimmt, als seine Richtung zu bestimmen. Weiterlesen

Jiří Weils »Mendelssohn auf dem Dach«: Die entkernte Stadt

Die Liste der vergessenen europäischen Schriftsteller ist Legion. Dass sich der tschechische Schriftsteller Jiří Weil auf dieser Liste wiederfindet, hat sicherlich mit seinem widerständigen Geist zu tun, aber auch damit, dass er als jüdischer Schriftsteller im Realsozialismus unter ständiger Bedrohung stand. So passt es, dass im Nachwort zu »Mendelssohn auf dem Dach« die Anekdote erzählt wird, wie Klaus Wagenbach auf seinen Kafka-Recherchen nach Prag kam und Hilfe von einem netten unscheinbaren Herrn bekam, ohne damals zu wissen, mit wem er es eigentlich zu tun hat. Später sollte sich rausstellen: Es war Jiří Weil. Folgerichtig bemüht sich der Wagenbach Verlag nun, Weil wieder ins kulturelle Gedächtnis zurückzubringen und publiziert mit »Mendelssohn auf dem Dach« einen vergessenen Roman über ein Prag unter nationalsozialistischer Besatzung. Weiterlesen

Auguste Hauschners „Der Tod des Löwen“: Böhmens Sonne ist im Niedergang

Ein Jahr ist es schon wieder her, da erinnerte sich die europäische, aber vor allem die deutsche Öffentlichkeit an vierhundert Jahre Dreißigjähriger Krieg. Ausgangspunkt wie Zentrum dieses Konflikts war die Stadt Prag, in deren Stadtmauern böhmische protestantische Stände auf katholische Herrscher stießen und aus dem Fenster warfen. Die Gewalt verließ diese Stadt nicht, dreihundert Jahre später war die Stadt schon wieder zu klein für zwei geworden: dieses Mal für Tschechen und Habsburgerdeutsche. Wer in die Geschichte Prags schaut, der entdeckt eine unruhige Stadt – das gilt auch für „Der Tod des Löwen“ von Auguste Hauschner. Weiterlesen

Alberto Vigevanis „Sommer am See“: Ciao, Bella!

Der Mythos vom ‚Sommer, in dem man erwachsen wird‘ gehört zum Coming-of-Age-Genre wie die Butter aufs Brot. In Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ nutzen der gleichnamige Protagonist und sein 14-jähriger Kumpel die Sommerferien, um sich auf den gemeinsamen Roadtrip zu begeben und ihr zu Hause hinter sich zu lassen, Mercedes Lauensteins „Blanca“ reist ins sommerliche Italien, um dort ihr Coming-of-Age zu erleben. André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“ (Shortlist Deutscher Buchpreis 2016) trägt jenen Sommer mit den ‚ersten großen Gefühlen‘ bereits im Titel – genau wie „Sommer am See“ von Alberto Vigevani. Weiterlesen

„Nur einmal“: Erzählungen von Kathleen Collins

Collins-Nur einmal

Eine literarische Zeitkapsel: Als die Filmemacherin und Dramatikerin Kathleen Collins im Jahr 1988 mit nur 46 Jahren überraschend starb, hinterließ sie ihrer Tochter Nina eine hölzerne Schiffstruhe voller Fotos, Dreh-, Notiz- und Tagebücher und Briefe. Es dauerte zwei Jahrzehnte, bis die Tochter den Mut fand, die Truhe zu öffnen und ihren Inhalt zu sichten. Zu ihrer Überraschung fand sie darin auch Manuskripte mit Prosatexten: Die mal längeren, mal kürzeren Erzählungen, die ein halbes Jahrhundert früher in den 1960er Jahren entstanden, erschienen 2016 in den USA. Nun macht Kampa die eindrucksvollen Texte der Pionierin des afroamerikanischen Films in deutscher Übersetzung verfügbar. Weiterlesen

Michail Bulgakows „Die weiße Garde“: Die Epochen-Turbine

Es gibt eine Handvoll Romane, die das Tor zur Moderne ganz weit aufgerissen haben: Romane wie „Berlin Alexanderplatz“ von Döblin, „Ulysses“ von Joyce oder „Mrs. Dalloway“ von Virginia Woolf. Sie alle eint, dass sie die Art, wie Gesellschaften ihre Realität wahrnehmen grundsätzlich in Frage stellen, dass sie Abbildbarkeit anders denken und dass sie sich von einem Erzähler verabschieden, der von der kühlen Distanz seines auktorialen Feldherrenhügels aus erzählt. Zwar entwickeln sich neue Literaturformen nie über Nacht und Ansätze dieser Verschiebungen lassen sich immer schon früher entdecken, dennoch strahlen diese Romane etwas Epochemachendes aus. Weiterlesen

Alfred Bratts „Die Welt ohne Hunger“: Mit Maggi zum Weltfrieden

Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Masse. Mit dem Aufstieg des Industrieproletariats und der damit einhergehenden Urbanisierung gab es plötzlich eine gesellschaftliche Gruppe, die sich durch ihren sozialen Status als homogene Masse verstand und gleichzeitig das Produkt und Beförderer der Moderne wurde. Je mehr sich der Arbeiter als politisches Subjekt verstand, desto entschlossener brachte er seine Forderung vor. Gleichzeitig erkannte das 20. Jahrhundert, z.B. Canetti in seinem „Masse und Macht“, das gefährliche Potenzial, das ihnen inne liegt. Die Masse ist entzündlich, hoch emotional und verführbar. Damit die Masse nicht zu Fackel und Heugabel greift, musste das 20. Jahrhundert vor allem Antworten auf die verschärften Verteilungsfragen finden. Auch davon erzählt „Die Welt ohne Hunger“ von Alfred Bratt, das 1916 zum ersten Mal erschien und nun in der edition atelier neuaufgelegt wurde. Weiterlesen

Ulrich Alexander Boschwitz‘ „Der Reisende“: „Diese Zeit verlangt zu viel von mir!“

Anna Seghers hat mit ihrem Roman „Transit“ ein Jahrhundertwerk geschaffen, das das harsche Schicksal derer zeigt, die im Zweiten Weltkrieg auf ihr sicheres Ende warteten. Das Verharren im Zustand des Transitären wird bei Seghers zu einer Geisterexistenz, leere Hüllen, die durch die bürokratischen Mühlen der vielen Anträge verzweifeln. Kein anderes Werk hat die seelischen Verheerungen, die Flucht und Verfolgung im Menschen anrichten, kraftvoller eingefangen als „Transit“. Wie wirkmächtig der Roman immer noch ist, zeigt auch, dass Christian Petzold den Stoff jüngst wählte, um ihn mit der heutigen Fluchtthematik zu verknüpfen. Doch nun ist, fast aus dem Nichts, ein vergleichbarer Roman in deutscher Sprache aufgetaucht: „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz. Weiterlesen

Paul Gurks „Berlin“: Verfluchte, geliebte Stadt

Berlin-Romane gibt es viele – die einen nerven sie, die anderen können gar nicht genug von ihnen bekommen. Man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man zwei Höhepunkte der Berlinbegeisterung bestimmt: Angefangen hat alles mit den Zwanzigern und frühen Dreißigern, als Berlin zu der Metropole aufstieg, die sie nie wieder geworden ist. Dann verlor die Stadt durch die Nachkriegsordnung für längere Zeit seine Anziehungskraft – außer bei denjenigen, die Biwak und schlechter Kantinenküche aus dem Weg gehen wollten. Mit der Wiedervereinigung und Berlins Rückkehr in den Hauptstadtstatus zog auch wieder die Berlinliteratur an. Die Reihe der prominenten Beispiele ist lang, aber auch extrem starr in ihrer kanonischen Verankerung: „Berlin Alexanderplatz“, „Fabian“, „Das kunstseidene Mädchen“ – neuerdings vielleicht die „Lehmann“-Bücher oder Volker Kutschers Krimireigen. Einer der immer vergessen wird, ist Paul Gurk. Wieso eigentlich? Weiterlesen

David Vogels „Eine Ehe in Wien“: Mit dem Schlimmsten rechnen

David Vogels Leben war immer ein Leben am Rande des Unglücks. Der Vater starb früh, viele Umzüge führten ihn schließlich kurz vor dem Ersten Weltkrieg nach Wien, wo er nach Kriegsausbruch interniert wurde. Eine Tuberkuloseerkrankung führte ihn in den Zwanzigern nach Palästina, wo er tragischerweise nicht geblieben ist, sondern nach Europa zurückkehrte. Dort endete sein Weg schließlich in Auschwitz und mit ihm für viele Jahre die Aufmerksamkeit für sein Werk. Seine Verfolgung und Vernichtung durch die Nationalsozialisten mag ein Grund für den Schatten sein, der sich über sein Werk gelegt hat, der andere sicher der Umstand, dass er seine Texte im Hebräischen schrieb. Das unterschied ihn von den allermeisten jüdischen Wiener Schriftstellern seiner Zeit und machte ihn zu einem Begründer einer modernen hebräischen Literatur, die ihre Wurzeln jedoch noch fest in Europa hatte. Das lässt sich nun in einer Neuauflage von Vogels großen Roman „Eine Ehe in Wien“ nachlesen. Weiterlesen