Kategorie: Literaturkritik

Éric Vuillards „Traurigkeit der Erde“: Spektakuläre Wirklichkeit

Die USA sind ein so großes Land, dass sie sich mit gutem Gewissen mehrere Gründungsmythen leisten können. Da wäre die Boston Tea Party, dicht gefolgt von der Unabhängigkeitserklärung. Das Ende des Bürgerkriegs kommt wohl noch dazu, wenn auch mit dunklen Untertönen. Und dann wäre da natürlich die – durch den kolonialen Blick gesehen – Eroberung des Wilden Westens. Die Besiedlung des Westens hat schon immer kunststiftend gewirkt, schließlich hat sich ein ganzes Genre danach benannt. Wie medienträchtig dieser Teil der amerikanischen Geschichte ist, hat wohl niemand so schnell begriffen wie Buffalo Bill, der ein ganzes Showbusiness um seine Wild West-Aufführungen aufgebaut hat. Diesem Thema hat sich der diesjährige Prix Goncourt-Träger Éric Vuillard in seiner Erzählung „Traurigkeit der Erde“ angenommen. Er stellt darin die faszinierende Frage, worin der Gründungsmythos des modernen Amerikas eigentlich steckt: im Ereignis selbst oder in dessen medialer Wiederaufführung. Weiterlesen

Mathias Menegoz‘ „Karpathia“: „Toto, I’ve a feeling we’re not in Kansas anymore.“

Kaum eine Region in Europa ist wohl so bekannt und gleichzeitig so unbekannt wie die Karpaten und deren angrenzendes Gebiet Siebenbürgen oder Transsilvanien. Jeder kennt es, weil es Heimat von Graf Dracula ist, der seit Bram Stokers Roman aus der westlichen Kulturgeschichte nicht mehr wegzudenken ist. Kaum einer kennt es, weil sich die westliche Öffentlichkeit kaum für den postsozialistischen Staat interessiert, in dessen Grenzen es sich real heute befindet. Selbst als es noch nicht hinter dem Eisernen Vorhang weggesperrt war, dürfte sich kaum eine breitere Öffentlichkeit für den Schwarzmeerstaat erwärmt haben. Das mag daran liegen, dass seine jüngere Geschichte Annektionen, Gebietsabtrennungen und Marginalisierung geprägt ist. Die Spannung zwischen diesem Rumänien der Fiktion und dem Rumänien der Wirklichkeit hat Mathias Menegoz in seinem Debütroman „Karpathia“ nun aufgenommen. Weiterlesen

Alfred Kerr: Der Kritiker als Überkünstler

Bis zu seinem Tod im Jahr 2013 hatte die deutsche Literaturkritik ihren Großmeister in Marcel Reich-Ranicki, heute sitzt Maxim Biller im neu aufgelegten Literarischen Quartett und polarisiert – doch wer war vor einhundert Jahren der umstrittendste Literaturkritiker seiner Zeit? Die Antwort ist einfach: Alfred Kerr. Der 1867 in Breslau geborene Alfred Kempner, der seit seinem 20. Lebensjahr unter dem Pseudonym veröffentlichte und 1909 vollends seinen Geburtsnamen ablegte, um ihn in Kerr zu ändern, publizierte rund vierzig Jahre lang vornehmlich Theaterkritiken in den bedeutendesten Feuilletons im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Zunächst war „Der Tag“, ab 1919 das „Berliner Tageblatt“ sein Auftraggeber. Er schrieb nicht nur jährlich mehrere Dutzend Theaterkritiken, sondern entwickelte auch eine Poetologie der Kritik. Weiterlesen